Waiblingen

Ein Genie des Scheiterns

Rottler
Der wahre Künstler versteht sich natürlich auch auf coole Selbstinszenierung: Christian Rottler als einsamer Held am Strand, vor rauhem Meer, schroffem Fels und weitem Himmel © Rottler

Waiblingen. Sein Versuch, Marcel Proust zu lesen, ist ihm ebenso missglückt wie der Plan, als Musiker mit einem Proust-Song durchzustarten, und die Idee, im Suhrkamp/Insel-Verlag einen Proust-Aufsatz zu veröffentlichen: Dieses „tragische Triple“ hat der Waiblinger Christian Rottler, 37, zu einem genialen Gesamtkunstwerk verarbeitet.

Musikvideo:Christian Rottler & Galakomplex: Proust ist mein Leben

Ein bewahnter Leser: Mit 21 fraß er sich durchs Werk von Thomas Bernhard, bis der Autor „den Satzbau meiner innersten Gedanken bestimmte“, danach wollte er Marcel Proust ergründen, den Großmeister der feinnervigen Innerlichkeit, Magier der Erinnerung, Sucher der verlorenen Zeit. Alle verehrten den, „belesene Weinhändler, verwegene Großstadtdandys, vereinsamte Buchhändler“ – da müsste es Rottler, dem Sensibilissimus, ja wohl auch möglich sein, die paar Tausend Seiten mal eben zu inhalieren . . . Allein, er fand’s stinklangweilig: Der große Proust verweigerte sich ihm! Er brach ab. Tragisches Triple, Folge eins.

Rottler ging nach Weimar, studierte Mediengestaltung, gründete eine Band, „Galakomplex“, seine Lieder waren vollgesogen mit studentischem Schnodderton und literarischen Anspielungen. Den Ennui, das hochfahrend ziellose Lebensgefühl der universitären Boheme, fasste er in eine geniale Songzeile: „Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr.“ Galakomplex spielte ein Album ein, es sollte auf demselben Plattenlabel erscheinen wie die Musik der Alternativrock-Ikonen Pixies und Dinosaur Jr. Kurz vor knapp zerschlug sich der Deal. Tragisches Triple, zweiter Teil.

"Nicht unglücklich darüber, den Text nicht im Buch zu haben"

Eines Tages meldete sich ein Literaturagent bei Rottler; er hatte auf Youtube das Proust-Lied gehört. Der berühmte Romanistik-Professor Albert Gier stelle für Suhrkamp/Insel einen Sammelband über Marcel Proust zusammen – und Rottler solle dafür einen Beitrag verfassen! Oder zumindest verstand er das so. „Typisch Rottler, in seinem Größenwahn“: Er sah sich schon als Verlagskollegen von Thomas Bernhard.

Also schrieb er; schrieb, wie er sich an Proust abgearbeitet hatte, weil er „dazugehören“ wollte; schrieb über die „Kränkung“, seine „größte Niederlage als Leser“, dass er da nichts fand, das zu ihm sprach; schrieb von der Idee, es noch mal versuchen zu wollen – sie verfolge ihn „fast wie der Vorsatz, mit dem Rauchen aufzuhören“.

Der Agent meldete sich nie wieder. Also mailte Rottler den berühmten Professor an. Da müsse es sich, antwortete Gier, um ein Missverständnis handeln: Er plane ein wissenschaftliches Werk – eine persönliche Reflexion stünde in solch einem Kontext „enigmatisch auf verlorenem Posten“. Aber gut, Rottler könne den Text mal herschicken. Der tat’s. Worauf der Professor erwiderte: Nach der Lektüre sei er „nicht unglücklich darüber, Ihren Text nicht in unserem Band zu haben“. Unterzeichnet: „Ihr Gier“. Das tragische Triple: komplett.

Hörspiel, Schallplatte, Buch: Dreifach-Flop als Gesamtkunstwerk

Wenn die Leute aus der Weimarer Kunstszene sich in jener Zeit unterhielten, mag es etwa so geklungen haben: „Was macht eigentlich der Rottler?“ – „Der ist in irgend so n Lokaljournalisten-Dings abgerutscht.“ In der Tat arbeitete er zwischenzeitlich als Volontär im Zeitungsverlag Waiblingen. So gut er sich anstellte, er wurde nicht glücklich dabei. Manchmal wirkte er, als fühle er sich mit den Mühen der Ebene im redaktionellen Geschäft sowohl unter- als auch überfordert, zugleich unzulänglich und zu Höherem berufen. Er mag gespürt haben, dass er mehr drauf hatte und manchmal weniger auf den Boden brachte als wir einfacher Gestrickten. Mittlerweile ist er recht zufrieden in einem neuen Brotjob angekommen – man staune: in der Pressestelle des Landeskriminalamtes. Sein Scheitern an Proust aber hat er in Kunst verwandelt.

In einem grandiosen Hörspiel, das demnächst auf SWR 2 läuft, erzählt Rottler diese Story über gischtende Hoffnungen und geplatzte Träume als virtuos komponiertes Puzzle aus Musik und Dialogen; der einst schnöde verschmähte Proust-Text findet endlich würdige Verwendung; den in seiner geistvollen Absurdität brüllkomischen Höhepunkt bildet der Briefwechsel mit dem Professor. Ist Rottler auf die eigene Befindlichkeit fixiert? Unbedingt, hemmungslos! Der Kerl ist so selbstverliebt wie selbstironisch, nimmt sich bitter ernst und macht sich genüsslich zum Affen, mit nachgerade hypochondrischer Sensibilität spürt er seinen Seelenschmerzen nach – und haut sich mit masochistischer Pointen-Lust eine rein. Ja, eine Nabelschau. Und eine Liebeserklärung an die Literatur. Und eine fulminante Einführung ins Werk von Proust. Und ein hinterfotzig präzises Sittenbild aus dem Kreativ-Milieu. Und eine schonungslos kluge, gnadenlos witzige Studie über Selbstzweifel und Allmachtsphantasien einer Künstlerexistenz. Und eine wahre Geschichte über unser aller Leben: Dauernd zerbrechen uns Pläne, dauernd basteln wir aus den Scherben Neues.

Literotisches Liedgut

Der Proust-Song aber erscheint jetzt auf Vinyl – Rottlers charmant hüftsteif groovendes Original gemeinsam mit cool federnden Remixen von angesagten DJs. Auf einer der Alternativ-Versionen flüstert eine Frauenstimme derart verführerisch „Proust est ma vie“, dass man sich beim Zuhören ganz literotisch aufgeladen fühlt. Das Plattencover hat Rottler selber entworfen, die Illustration zeigt einen halluzinogen bedröhnt aus der Wäsche guckenden Marcel. Ein großer Musikvertrieb nimmt die Scheibe in sein Programm auf, der Chef dort ist „Edelfan“ von Rottler. Und ein Proust-Buch entsteht auch noch, im Eigenverlag, mit Gastautoren wie dem legendären Stuttgarter Kolumnisten Joe Bauer.

Bob Dylan hatte recht – er sang schon vor 50 Jahren: „There’s no success like failure“, der wahre Erfolg liegt im Scheitern.