Waiblingen

Ein Jahr mit dem Pedelec zur Arbeit

Der Schönwetter-Radler_0
Endlich Grün! Die Rotphasen an der Radler-Ampel am Waiblinger Tor in Waiblingen dauern eine gefühlte Ewigkeit. Ärgerlich vor allem, wenn auf der überdimensionierten Kreuzung weit und breit keine Autos zu sehen sind. © Gabriel Habermann / ZVW

Waiblingen. Diesel hin, Benziner her. Das Fahrrad ist das umweltfreundlichste Verkehrsmittel – sehen wir vom Zu-Fuß-Gehen ab. Nach gut einem Jahr und mehr als 3000 Kilometern im Sattel ziehe ich eine zwiespältige Bilanz des Selbstversuchs „Mit dem Pedelec zur Arbeit“.

Zwiespältig deshalb, weil mir das elektrische Rad zwar viel Spaß macht, aber ein Weichei wie ich bei drückender Hitze, drohenden Regenschauern und klirrender Kälte doch lieber ins angenehm klimatisierte Auto hockt oder die S-Bahn nimmt. Das Pedelec hat sich für mich als so eine Art Schönwetter-Zweit-Fahrzeug entpuppt.


Video: Redakteur Martin Winterling und sein Fazit

Im Sommer 2016 habe ich mir den langgehegten Wunsch eines Pedelecs erfüllt und vor einem Jahr die ersten Schritte mit dem Pedelec mit einer Serie in der Zeitung begleitet. Nun gilt es ein vorläufiges Fazit zu ziehen. Mein Ziel und fester Wille war, möglichst oft die 20 Kilometer zur Arbeit zu strampeln – und abends 21 Kilometer zurück. Denn für den Heimweg schlage ich von der Redaktion in Waiblingen aus gerne den kleinen Umweg über das Schmidener Feld in Richtung Stuttgart ein, während ich morgens doch lieber den direkten Weg einschlage – immer mit dem Ziel, unter einer Stunde zu bleiben.

Ein Fahrrad mit eingebautem Rückenwind ermöglicht es, weitere und hüglige Strecken zu pendeln – und zwar ohne Schweißausbrüche und ohne das lästige Duschen vor der Arbeit. Dass ich als Journalist meine Termine auf dem Welzheimer Wald oder in den Berglen nicht mit dem E-Bike machen werde, das war mir von vornherein klar. An Tagen mit längeren Außenterminen blieb das Radl deshalb gleich im Schuppen.

Finanziell betrachtet ist das Pedelec ein schlechtes Geschäft

Vor diesem Hintergrund sind 60 bis 70 Tage, an denen ich mit dem Pedelec zur Arbeit fuhr, eine ganz ordentliche Bilanz. Aber bei rund 200 Arbeitstagen im Jahr auch wieder erschreckend wenig ... Gleich vorweg: Finanziell lohnt sich ein Pedelec als Zweit-Fahrzeug nicht. Außer den hohen Anschaffungskosten von rund 2700 Euro geht der Spaß gehörig ins Geld. Nach 1500 Kilometern waren die ersten Bremsbeläge fällig, bei 3000 Kilometern die zweiten. Die Kräfte, die an Kette und Ritzel zerren, sind bei einem Elektromotor deutlich stärker als beim Betrieb mit den Beinen. Nach 3500 Kilometern waren Kette und Ritzel hinüber.

Seit Sommer 2016 schaue ich öfters auf den Wetterbericht denn je. Regenradar sei Dank, ist ein Wolkenbruch keine Überraschung mehr. Es blieb dennoch kein Einzelfall, dass ich patschnass nach Hause gekommen bin. Kein Vergnügen. Außer für den zu Schadenfreude neigenden Sohn.

Der Herbst vor einem Jahr bot herrliches Radlerwetter. Von Woche zu Woche ein bisschen dicker eingepackt, vor allem morgens, erfüllte sich der Traum, täglich zwei Stunden Bewegung an (überwiegend) frischer Luft zu bekommen. Irgendwann im November ist mir die Lust vergangen, morgens im Zwielicht dick vermummt aufs Rad zu steigen und mir die Zehen abzufrieren. Als schließlich das Laub morgens auf Radwegen festgefroren war und Straßen spiegelglatt waren, ließ ich das Pedelec der eigenen Gesundheit zuliebe stehen.

Der Schönwetter-Radler

Zugegeben, für einen Hardcore-Radler sind winterliche Straßenverhältnisse zuallererst eine Herausforderung – bekanntlich gibt es auch auf dem Rad kein kaltes oder nasses Wetter, sondern nur falsche Kleidung. Das gilt aber nicht für ein Weichei, das lieber auf Skiern über Eis und Schnee rutscht als auf Gummirädern. Und nur begrenzt vergnügungssteuerpflichtig ist es, abends, bei völliger Dunkelheit, über das Schmidener Feld zu radeln und die Schlaglöcher trotz passablen Scheinwerfers eher zu erahnen denn wirklich zu sehen.

Doch das Wetter ist nur eine Sache, die dem E-Radler den Spaß vermiesen kann. Was für die Autofahrer der Stau ist und für S-Bahn-Pendler Verspätungen und Zugausfälle sind, das ist für den Rad-Pendler die miserable Infrastruktur. Radfahrer sind in der Verkehrsplanung das sprichwörtlich fünfte Rad am Wagen. Umso ärgerlicher ist es, wenn es bei guten oder zumindest gut gemeinten Ansätzen bleibt. Was würden Autofahrer wohl sagen, wenn die B 29 hinter Plüderhausen in einen Feldweg überginge und sie mit dem Schild „Bundesstraße Ende“ beschieden würden? Für Radler ist es völlig normal, dass ihre Radwege im Nirgendwo enden oder für eine Baustelle unterbrochen werden. Nach dem Motto „Schau’, wo du bleibst!“

 

Der Remstal-Radweg ist ein nettes Angebot an Sonntagsradler

Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat andere, höhere Ansprüche an das Radwegenetz als ein Freizeitradler. Der heutige Remstal-Radweg ist über weite Strecken ein nettes Angebot an Sonntagsradler, die zum Vergnügen von Biergarten zu Biergarten treppeln. Sportliche Radler meiden solche kreuz und quer durch die Lande geführten Wege ebenso wie Radpendler, die möglichst schnell von A nach B wollen.

Angesichts der werktäglichen Pendlermassen aus dem Rems-Murr-Kreis in die Landeshauptstadt, der Staus auf den Straßen und der in der Rushhour vollgestopften S-Bahnen müssten die Verkehrsplaner im Kreis, in der Region und im Land nach einem Radschnellweg von Waiblingen/Fellbach nach Stuttgart schreien. Das Land stellt in den nächsten Jahren sechs Millionen Euro für solche Schnellwege bereit. Im Rems-Murr-Kreis sollen zwar nun im Zuge des Radnetzes BW zwei Strecken geschaffen und miteinander verbunden werden, von denen ein Strang nach Stuttgart führt. Doch die aktuelle Lage vor allem bei der Querung des Neckars ist gelinde gesagt katastrophal. Wegen der Baustellen für den Rosensteintunnel und der Bahnbrücke im Zuge von S 21 sind zwei Fußgänger- und Radlerbrücken abgebrochen worden. Um das Ärgernis komplett zu machen, hat die Stadt Stuttgart den ehemals stark frequentierten Radweg vom Rosensteinmuseum zur Wilhelma gekappt und zu einer „Schiebestrecke“ erklärt. Kein Witz. Das macht am Wochenende und in der Urlaubszeit durchaus Sinn, wenn Familien mit ihren ungeduldigen Kindern gen Zoo strömen. Aber nicht werktagmorgens und -abends, wenn die Radpendler unterwegs sind – und von Polizeistreifen auf Pedelecs zur Ordnung gerufen beziehungsweise vom Rad geholt werden.

Pendeln macht plötzlich Spaß

Genug gemault. Der Ärger über rücksichtlose Autofahrer, aufs Smartphone starrende Fußgänger oder (dauer-)rote Ampeln ist schnell verraucht, sobald die Ampel auf Grün schaltet und es wieder flott vorangeht, man Anstiege mit fast 25 km/h hochfährt und auf dem Weg liegende Eisdielen, Biergärten und Straßencafés zu Pausen einladen. Auf dem Rad macht das lästige Pendeln plötzlich Spaß und wird der Weg zur oder von der Arbeit zum Freizeitvergnügen. Was will ich mehr.


Die fünf größten Spaßfaktoren beim Pedelecen sind:

  • Viel frische Luft.
  • Bessere Fitness dank der regelmäßigen Bewegung.
  • Ein gutes Gefühl in Bezug auf Umwelt und Klima.
  • Keine Staus, keine Parkplatzsuche, kein Gedrängel in der S-Bahn.
  • Keine Angst vor Hügeln – und mit 25 km/h bergauf.

Die fünf größten Ärgernisse sind:

  • Fehlende, falsch ausgeschilderte oder irreführende Radwege.
  • Rote Ampeln, rücksichtslose Autofahrer, rüpelnde Radler und aufs Smartphone starrende Fußgänger.
  • Für Baustellen gesperrte Radwege und auf Radwegen parkende Handwerker, Müttertaxen und Postlaster.
  • Regen, Kälte, Hitze.
  • Gefahr von Unfällen.