Waiblingen

Ein seltener Oldtimer als Lebenswerk

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Das skurrile Design seines Autos hat es Wolfgang Kiunke angetan. © Schneider/ZVW
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Kiunke
Der Motor sitzt den Mitfahrern direkt im Nacken. © Gaby Schneider

Waiblingen-Beinstein. Wenn die Sonne lacht, holt Wolfgang Kiunke seinen Matra 530 LX aus der Garage. Verwunderte Blicke sind ihm sicher. So futuristisch und unangepasst kann nur ein französischer Oldtimer sein. Ungezählte Stunden verbrachte der 60-Jährige damit, den Sportwagen zu restaurieren. Der Lohn: extravagantes Fahrvergnügen.

Der Beinsteiner und sein Auto – das ist eine lange Geschichte mit Aufs und Abs und einem Happy End in Form einer Hochzeit. Schon während der Studienzeit verguckte er sich in das kurvenreiche Design und die tiefblaue Farbe, von den vielen liebenswerten Details ganz zu schweigen. 4000 Mark berappte der angehende Ingenieur für das gute Stück. Das böse Erwachen kam, als er bei einem Reparaturversuch die kaum noch vorhandenen inneren Werte entdeckte – der Rost hatte sich bis in die metallenen Eingeweide gefressen, sie zerbröselten ihm förmlich unter den Händen. Das allerdings war nicht das Aus, sondern vielmehr der Beginn dessen, was Wolfgang Kiunke sein „Lebenswerk“ nennt. Für die Herkules-Aufgabe, den Kult-Oldtimer neu aufzubauen, besorgte er sich aus Frankreich die Baupläne und fuhr mit dem Motorrad nach Paris, eigens um die in Deutschland nicht erhältlichen Ersatzteile zu besorgen.

Ovales Lenkrad und ein Fußpedal für Scheinwerfer

Die leichte französische Lebensart verkörpert der 530 LX unter anderem mit seiner Glasfaser-Kunststoff-Karosserie. So ziemlich jede Partie des Fahrzeugs ignoriert den Mainstream. Seine Individualität und Freiheit kann der Fahrer je nach Situation verschieden ausleben. Warum das Dach nicht bei trockenem Wetter einfach zusammenklappen und im Kofferraum verstauen? Die Scheinwerfer lassen sich per Fußpedal ausklappen. Das Lenkrad ist oval – denn wer hat gesagt, dass es kreisrund sein müsste? Der Motorblock befindet sich nicht etwa unter der Kühlerhaube, dort ist schließlich das Ersatzrad verstaut. Nein, er röhrt offen und ehrlich im Zentrum des Gefährts, sitzt den Insassen auf der Rückbank direkt im Nacken und verströmt einen Duft, der sie olfaktorisch in die Siebziger versetzt.

Zweites Leben als Hochzeitsauto und Rallye-Fahrzeug

Damit’s im Kofferraum nicht zu warm wird, ist Kühlung gefragt. Heiße Luft entweicht durch vier bizarre Kühlgitter, die aussehen, als ließen sich Gurken darauf hobeln. Überlange Kühlschläuche führen in den vorderen Bereich des Fahrzeugs. Ein System, das laut Wolfgang Kiunke bei längeren Fahrten an seine Grenzen stößt. Einen Tod muss man sterben, im Fall des 530 LX wäre es der Hitzetod.

An manchen Abenden voller Schweißarbeit verlor der Besitzer den Glauben, ließ sein Projekt auch über Monate liegen. Gute Dinge brauchen eben ihre Zeit, und so entstand irgendwann die Idee, zwei lebensprägende, freudige Anlässe zu verknüpfen. Der eine war, den Matra endlich fertigzubauen. Der andere, die langjährige Lebensgefährtin Susanne, selbst ein Oldtimer-Fan, zu heiraten. Und der 530 LX sollte das Hochzeitsauto sein - ein lohnendes Ziel. 2007 war es endlich so weit: Mit Mistelkranz auf dem Kühler rollte der Matra durch Beinstein.

Remstal-Klassik

Seither lebt er munter und fachgerecht vor Rost geschützt weiter, wird gehegt und gepflegt und vor schlechten Wetter-Einflüssen bewahrt. Gesunde Ernährung spielt eine wichtige Rolle, also kommt nur Benzin mit Blei-Ersatz in den Tank. Zwei Oldtimer-Rallyes pro Jahr fährt Wolfgang Kiunke in der Regel mit, wenn’s terminlich passt, gehört die Remstal-Klassik des Waiblinger Motorsportclubs dazu.

Um Rallyes im Sinne von wilden Querfeldein-Fahrten handelt es sich dabei nicht, das würde der stolze Besitzer seinem Werk, dessen Wert er auf rund 14 000 Euro schätzt, nicht zumuten. Gefahren wird auf Geschicklichkeit und Genauigkeit, das passt besser zum fortgeschrittenen Alter des Matras als die 75 PS und 180 Kilometer pro Stunde.

Matra

Die französische Firma Matra (Mécanique Aviation Traction) war eigentlich spezialisiert auf Rüstung, Luftfahrt-Elektronik und Fernlenk-Raketen. Anfang der sechziger Jahre übernahm der Konzern eine kleine Automobil-Manufaktur.

Mit dem Matra Djet wurde 1965 die Formel-3-Meisterschaft in Frankreich gewonnen. Vier Jahre später wurde Jackie Stewart mit einem Matra Formel-1-Weltmeister.

Vom 530 LX, der erstmals 1967 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, stellten die Franzosen nur etwa 10 000 Exemplare her. Im Juni 1973 wurde die Baureihe eingestellt. Der Motor stammt aus dem Hause Ford: Es ist der Ford-V-4-Motor P5S mit 1699 Kubikmeter Hubraum und einem Getriebe aus dem Taunus 17 M.

Der Nachfolger Bagheera wurde vom ADAC zum „schlechtesten Auto des Jahres“ gekürt.

Später arbeitete Matra eng mit Simca und Talbot zusammen. In den Achtzigern wurde in den Matra-Werken Europas erste Großraumlimousine gebaut, ein Van: der Renault Espace.

Fans wie Wolfgang Kiunke haben sich im Matra-Club Deutschland zusammengeschlossen.