Waiblingen

Ein Wettlauf gegen die Zeit

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Symbolbild. © Ramona Adolf
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DRK-Geschäftsführer Sven Knödler (links) und Eberhard Krauth, Vorsitzender des Bereichsausschusses für den Rettungsdienst und stellvertretender AOK-Geschäftsführer.

Waiblingen. 15 Minuten können sich ziemlich lange hinziehen. Vor allem in der Not. Zehn Minuten, maximal eine Viertelstunde beträgt die Frist für den Rettungsdienst, bis Sanitäter oder Notarzt nach einem Alarm vor Ort sein müssen. Diese Frist muss in 95 von 100 Fällen eingehalten werden. Im Rems-Murr-Kreis haben sich die Hilfsfristen weiter verschlechtert. Immer häufiger müssen Verletzte oder akut Erkrankte länger als 15 Minuten auf Hilfe warten.

Vor allem im Norden und Nordosten des Rems-Murr-Kreises liegen die Hilfsfristen im Argen. Aber auch in Plüderhausen benötigt der Notarzt oft mehr als eine Viertelstunde zur Unfallstelle und verliert den Wettlauf gegen die Zeit. Dass der Rettungsdienst die gesetzlichen Hilfsfristen reißt, liegt in erster Linie an der steigenden Zahl der Einsätze, sagt Sven Knödler, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes. Das Rote Kreuz leidet derzeit unter Personalengpässen, die ihren Ursprung in dem 2014 novellierten Notfallsanitätergesetz haben.

 


Wie sehen die Hilfsfristen in anderen Kreisen im Land aus?

Der Rettungsdienst im Rems-Murr-Kreis steht mit seinen Problemen nicht allein. In vielen, vor allem ländlich strukturierten Kreisen in Baden-Württemberg werden die gesetzlichen Hilfsfristen gerissen. Im Jahr 2016 waren 32 der 34 Rettungsdienst-Bereiche in Baden-Württemberg unter der angepeilten notärztlichen Hilfsfrist geblieben. Darunter auch der Rems-Murr-Kreis. Dem war nicht immer so. Vor dem Jahr 2015 hat das Rote Kreuz die 95-Prozent-Hilfsfrist bei den Einsätzen der Rettungswagen eingehalten und zählte landesweit zu den wenigen Landkreisen, die die gesetzliche Frist schafften. Bei Notärzten wurde die Frist 2014 und 2015 ebenfalls erreicht. Allerdings handelte es sich diesen Quoten um Durchschnittszahlen für den ganzen Landkreis, die über die akuten Versorgungsprobleme in bestimmten Räumen eher hinwegtäuschen.

Was sind die Gründe, dass sich die Hilfsfristen verschlechtern?

DRK-Geschäftsführer Sven Knödler nennt mehrere Gründe, weshalb die Hilfsfristen schlechter geworden sind:

Seit 2011 hat sich die Zahl der Einsätze im Rettungsdienst um 29 Prozent erhöht, und zwar von rund 69 500 im Jahr 2011 auf 89 600 Einsätze im Jahr 2017.

Aufgrund der Schließung der Krankenhäuser in Backnang und Waiblingen haben sich die Wegstrecken vom Unfallort zum Klinikum Winnenden verlängert. Die Fahrzeuge sind länger unterwegs.

Größerer Verkehr und häufigere Staus machen den Rettungsfahrzeugen zu schaffen.

Der demografische Wandel schlägt auf die Notfallrettung durch: Im Rems-Murr-Kreis sind fünf Prozent der Bevölkerung über 80; ihr Anteil bei den Rettungseinsätzen beträgt jedoch 23 Prozent. Tendenz steigend.

Die Notrufnummer 112 wird häufiger auch bei Bagatellunfällen oder leichteren Erkrankungen gewählt. Sven Knödler spricht zwar von einer gestiegenen Anspruchshaltung, weiß aber, dass das Gesundheitssystem ebenfalls eine große Rolle spielt. Statt von den Hausärzten am Ort werden die Menschen abends und an den Wochenenden in drei Notfallpraxen versorgt.

Wer kontrolliert, dass die angepeilten Hilfsfristen eingehalten werden?

Verantwortlich für die Einhaltung der Hilfsfristen ist der Bereichsausschuss für das Rettungswesen. Bereits im vergangenen Jahr, als die 2016er-Zahlen bekanntgeworden waren, schrillten bei den Verantwortlichen die Alarmglocken. Die angekündigten Maßnahmen griffen bisher nicht. Die vor einem Jahr angekündigte neue Rettungswache in Sulzbach an der Murr ist jetzt im Januar 2018 eröffnet worden und soll vor allem im Norden des Landkreises und im oberen Murrtal die Engpässe beseitigen.

Jüngst kritisierte die Winnender Björn-Steiger-Stiftung mit Blick auf die im bundesweiten Vergleich schlechteren Hilfsfristen, dass das Rettungswesen in Baden-Württemberg selbst zum Patienten geworden sei. Aufgrund des demografischen Wandels verschlechterten sich die Rahmenbedingungen, kritisierte die Stiftung. Anders als in vielen anderen Bundesländern habe in Baden-Württemberg die Überschreitung der Hilfsfristen keine Konsequenzen, moniert die Björn-Steiger-Stiftung, dass das Innenministerium als regulierende Behörde die regelmäßigen Überschreitungen hinnehme und es keine Sanktionen gegenüber den Leistungserbringern des Rettungsdienstes gebe.

Was sagt eine Hilfsfrist von 92,5 Prozent wirklich aus?

Im Jahr 2010 waren die verfehlten Hilfsfristen erstmals in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Das Erschrecken der Kreisräte war groß, als die Mängel im Rettungsdienst bekanntwurden. Zwar schaute eine Hilfsfrist-Quote von 93,3 Prozent für den Gesamtkreis nicht schlecht aus. Doch in Welzheim war der Notarzt bei 175 Einsätzen nur 50-mal pünktlich, in Murrhardt kam der Arzt bei 193 Einsätzen sogar 140-mal zu spät. Als Konsequenz wurde erstmals ein Notarzt in Althütte stationiert und die Rettungswache in Backnang aus der Ortsmitte ins Gewerbegebiet Lerchenäcker verlegt. Der positive Trend bei den Hilfsfristen, der sich vom Jahr 2010 an abzeichnete, kippte jedoch 2015.

„Es geht um mehr als um Hilfsfristen“, sagt Sven Knödler und will beim Rettungsdienst nicht nur auf diese Zahl starren. Die Qualität der Versorgung im Notfall hänge von vielerlei Faktoren ab, weist er beispielsweise auf eine nahtlose und schnelle Rettungskette bei Herzinfarkt hin, die im Kreis vorbildlich sei und kaum noch zu verbessern ist, wie die Kardiologen im Rems-Murr-Kreis bestätigen könnten.

Wie gut der Rettungsdienst im Rems-Murr-Kreis arbeite, bestätige auch die neu geschaffene „Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg“. Die SQR-BW erfasst künftig landesweit auch die Hilfsfristen nach einheitlichen Kriterien. „Im Bereichsausschuss steht die Qualität im Vordergrund“, betont Eberhard Krauth, Vorsitzender des Bereichsausschusses für den Rems-Murr-Kreis und stellvertretender Geschäftsführer der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr. Die Lösung für mehr Qualität sieht er nicht allein bei mehr Fahrzeugen und mehr Sanitätern, die im Einsatz sind. Genauso wichtig sei beispielsweise, dass die Verzahnung aller Akteure im Rettungsdienst klappt oder dass Patienten sofort in die richtige Klinik gebracht werden.

Die Notstandsgebiete beim Rettungsdienst waren im vergangenen Jahr der Norden und Nordosten sowie Plüderhausen. Die neue Rettungswache in Sulzbach an der Murr ist erst seit Januar 2018 in Betrieb und soll im Nordosten für Entlastung der Wachen in Murrhardt und Backnang sorgen.


So soll der Rettungsdienst schneller werden

Mit rund neun Millionen Euro beziffert Eberhard Krauth, Vorsitzender des Bereichsausschusses für das Rettungswesen, die Kosten des Rettungsdienstes im Rems-Murr-Kreis. Im vergangenen Jahr wurden 89 617 Einsätze gezählt, fast 3000 oder drei Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Verantwortlich für das Rettungswesen ist der Bereichsausschuss für das Rettungswesen. Mitglieder sind Krankenkassen, DRK, Malteser, Arbeiter-Samariter-Bund, Landratsamt, DLRG sowie der Kreisbrandmeister. Seine Aufgabe ist die Analyse und Steuerung des Rettungswesens im Bereich des Rems-Murr-Kreises.

Um Sanitäter und Notärzte schneller zum Unfallort zu bringen, hat der Bereichsausschuss in den vergangenen Jahren den Hebel bei den Rettungswachen angesetzt. So wurde 2010 ein Notarzt in Althütte stationiert und 2016 die Notärzte von Waiblingen zum Klinikum in Winnenden verlegt. 2018 kam eine weitere Rettungswache in Sulzbach an der Murr hinzu, die von den Maltesern betrieben wird.

Außer dem Bereichsausschuss sind auch das Rote Kreuz, die AOK und das Landratsamt aktiv geworden, um den Rettungsdienst zu verbessern. Den Angaben zufolge zählt zu diesen Maßnahmen eine verbesserte Notaufnahme am Rems-Murr-Klinikum Winnenden, die Verbesserung der Versorgungsabläufe im Rettungsdienst und in der Klinik, die Initiative „Gemeinsam gegen Herzinfarkt“ und das Defi-Netz Rems-Murr, bei dem die Standorte von Defibrillatoren erfasst werden, um im Notfall Ersthelfer unterstützen zu können.

Das Rote Kreuz selbst weist auf die eigenen Maßnahmen hin, um den Rettungsdienst zu optimieren. So werden bei schwerwiegenden Notfallereignissen wie Herz-Kreislauf-Stillstand oder Bewusstlosigkeit parallel zum Rettungsdienst sogenannte „Helfer vor Ort“ aus den Ortsvereinen alarmiert. 2017 erfolgte dies in rund 1250 Fällen, bei denen diese Helfer zum Teil schneller als der Rettungsdienst im Einsatz waren und Erste Hilfe leisteten.

Aufgrund des neuen Notfallsanitätergesetzes qualifizierte das DRK 59 Rettungsassistenten zu Notfallsanitätern weiter und bildete neue Notfallsanitäter aus. Aufgrund der dreijährigen Ausbildung handelt es sich um die höchste nichtärztliche Qualifikation im Rettungsdienst. Unter enger Aufsicht und permanenter Begleitung dürfen Notfallsanitäter auch heilkundliche Maßnahmen ergreifen, die in der Regel Ärzten vorbehalten sind, wie zum Beispiel schmerzstillende oder blutdrucksenkenden Mittel zu verabreichen. 2017 machten die Sanitäter 135-mal von dieser Möglichkeit Gebrauch. „In 134 Fällen führte dies zu einer deutlichen Verbesserung des Patientenzustandes, was zu einer hohen Akzeptanz bei den Notärzten führt“, schreibt das DRK.