Waiblingen

Eltern finden keinen Kinderarzt in Waiblingen: Was sind die Gründe dafür?

Kinderarzt
Nach dem Praxisalltag müssen Ärzte noch bürokratische Aufgaben erledigen. Symbolfoto © Alexandra Palmizi

„Es tut in der Seele weh, wenn weinende Mütter am Telefon sagen, dass wir die fünfte Praxis sind, die sie anrufen. Aber ich kann auch nur sagen: Nein, tut mir leid.“ Dabei würde Dr. Annette Weimann am liebsten jeden kleinen Patienten in der Kinderarztpraxis am Alten Postplatz aufnehmen. Die Kinderärztin liebt ihren Beruf von ganzem Herzen. Und das, obwohl sie zwischen 50 und 55 Stunden die Woche arbeitet. Dass es nicht mehr Stunden sind, sei allein der Tatsache zu verdanken, dass es zwei weitere Ärzte in der Gemeinschaftspraxis gibt.

Darüber, dass Eltern oftmals keinen Kinderarzt finden, hat die Kinder- und Jugendmedizinerin schon vor fünf Jahren mit unserer Redaktion gesprochen. Im Vergleich zu der Situation im Jahr 2017 „hat sich nichts geändert“, sagt Dr. Annette Weimann. Denn wie schon 2017 arbeiten die Mediziner an ihren Kapazitätsgrenzen. „Wir sind bis zur Nasenspitze voll.“ Doch lehnt es die Kinderärztin ab, von einem „Aufnahmestopp“ zu sprechen. Vielmehr handle es sich um eine „Aufnahmebegrenzung“. Man könne eben nur so viele Patienten aufnehmen, wie auch von den Ärzten behandelt werden können.

Im Gegensatz zu anderen Fachärzten sei der Betreuungszeitraum der Patienten verkürzt. „Jeder Kinderarzt verliert Patienten, wenn diese 18 Jahre alt werden.“ Dafür rücken aber immer mehr Patienten nach, oftmals zu viele, als dass sie alle in der Praxis aufgenommen werden können.

Wie steht es um die Versorgungssituation bei Waiblinger Kinderärzten?

In der Kinderarztpraxis Klimmeck in der Langen Straße ist die Patientenkartei ebenfalls gut gefüllt. „Wir bemühen uns, Patienten, die keinen Kinderarzt in der Umgebung haben und nach Waiblingen gezogen sind, aufzunehmen“, sagt Dr. Stefan Klimmeck. Der Facharzt gibt aber auch zu, dass dies nicht unbegrenzt möglich ist. In Einzelfällen müssten deshalb Patienten zu bestimmten Zeiten abgelehnt werden. Vorrang haben stets Neugeborene und Kleinkinder. „Mich würde es überraschen, wenn Neugeborene oder zugezogene Kleinkinder keine Möglichkeit haben, von uns oder einem Kollegen versorgt zu werden.“ Dass Eltern dabei weitere Wege in Kauf nehmen müssen, sei nicht immer vermeidbar.

So hält die Praxis für Neugeborene stets ein Kontingent an Plätzen frei. Die Anzahl der Patienten richtet sich dabei nach den Erfahrungswerten der Praxis. „Ich habe allerdings den Eindruck, dass es zu einem Anstieg der Geburtenrate kommt“, sagt Dr. Stefan Klimmeck. Genaue Zahlen, die seine These belegen, habe er aber nicht. „Wir können keine Patienten versorgen, die bereits einen Kinderarzt haben und aus persönlichen Gründen wechseln wollen.“ Ein Praxiswechsel sei zurzeit schwer möglich, „da in erster Linie Patienten ohne Kinderarzt versorgt werden müssen“. Seine Kollegin Dr. Annette Weimann betont: Die Notfallversorgung sei, trotz der begrenzten Aufnahme von Patienten, immer gegeben. „Ein Notfall wird niemals weggeschickt.“ Denn: Ärzte sind dazu verpflichtet, einen Notfall zu betreuen. Unter einen Notfall falle „jede Situation eines Patienten, die ohne medizinische Behandlung zu schweren und bleibenden Schäden führen könnte und oft elementare Lebensfunktionen einschränkt“, erklärt Stefan Klimmeck.

Wie viele Eltern sind von der Kinderarzt-Problematik tatsächlich betroffen?

Auf unsere Anfrage hat sich Manuel Mamic, Vorsitzender des Gesamtelternbeirats der Kindertagesstätten in Waiblingen, bei Eltern mit Kleinkindern umgehört. Das Ergebnis: ein gemischtes Bild. „Einige berichten von anfänglichen Schwierigkeiten, andere hatten überhaupt keine Probleme“, so Mamic. Auch müssten die befragten Eltern keinen zusätzlichen Weg auf sich nehmen, um zur Kinderarztpraxis zu gelangen. Das Problem, keinen Kinderarzt zu finden, sei den Eltern bekannt. Mamic, der selbst Vater von zwei Kindern ist, hat aber selbst keine Schwierigkeiten bei der Suche eines Kinderarztes erlebt.

Was sind die Gründe dafür, dass die Praxen derart ausgelastet sind?

Die Gründe, weshalb die Praxen oftmals keine Patienten mehr aufnehmen, sind unterschiedlich. „Die medizinischen Untersuchungen sind umfangreicher geworden“, sagt Dr. Annette Weimann. Als Beispiel nennt sie die Vorsorgeuntersuchungen, wie die U 7a, die U 9, die U 11 oder die J 1 und J 2 oder etwa die HPV-Impfung. Auch Dr. Stefan Klimmeck bestätigt: „Die Aufgaben eines Kinderarztes haben sich deutlich vermehrt.“ Neben der Medizin im klassischen Sinne dient der Kinderarzt auch als Ansprechpartner für pädagogische Beratung und bei Schulproblemen.

Hinzu komme, dass andere Anlaufstellen die Kinder- und Jugendärzte nicht entlasten. Beispielsweise gebe es zu wenig Psychologen und keine Termine in den Ambulanzen der Krankenhäuser. Außerdem steige der Anspruch bei den Patienten. „Beide Eltern sind berufstätig, was gut ist, aber ein Kind muss schneller gesund werden.“ Ganz anders sah das noch vor rund 30 Jahren aus.

Ein Terminkalender aus den 1990er Jahren

In einem Terminkalender aus den 1990er Jahren, den der Arzt in der Praxis findet, lässt sich die Termindichte des damaligen Praxisinhabers rekonstruieren. Siehe da: Am Tag kamen weniger Patienten als heute. „Da kann man schon etwas darüber schmunzeln, wie viele Termine damals am Tag eingetragen waren. Das bedeutet nicht, dass es damals weniger Patienten pro Arzt gab, jedoch weniger Kontakte“, erinnert sich Klimmeck. Heute plant er für Vorsorgeuntersuchungen 20 bis 30 Minuten und zehn Minuten für Impfungen und Akut-Termine ein.

Doch neben dem Praxisalltag müssen auch bürokratische Aufgaben erledigt werden. Eine Praxis zu führen bedeute gleichzeitig, Verantwortung zu übernehmen, so Annette Weimann. Für die Patienten, für das Personal und für den Praxisbetrieb. Nachdem alle Patienten versorgt sind, nutzt Weimann den Abend, um bürokratische Dinge zu erledigen. Und diese werden immer umfangreicher. „Ich bin zusätzlich ein bis zwei Stunden in der Praxis.“

Ein zusätzliches Problem: Es kommen immer weniger junge Ärzte nach

Immer weniger Ärzte, so Weimann, wollen die Verantwortung für eine Praxis und für das Personal übernehmen. Darin erkennt auch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg ein Muster: Es gebe „immer mehr Ärztinnen und Ärzte, die nur als Angestellte und in Teilzeit tätig sind, so dass die zur Verfügung stehende Arztzeit weniger wird“, sagt ein Sprecher.

Abhilfe sollen Ärzte schaffen, die noch nicht in der Versorgung arbeiten oder schon im Ruhestand sind. Außerdem sollen finanzielle Anreize und Weiterbildungsmöglichkeiten Ärzte dazu bewegen, als niedergelassener Arzt zu praktizieren, so der Sprecher.

Wie hoch ist der Versorgungsgrad im Rems-Murr-Kreis?

„Wir hören immer wieder, dass Eltern Schwierigkeiten haben, einen Arzt zu finden“, sagt ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung. Ein Blick auf den Versorgungsgrad, bei welchem die Anzahl der Kinderärzte im Landkreis betrachtet wird, zeigt: Dieser lag „bei der letzten Berechnung im Oktober bei 110,3 Prozent“. Das bedeutet wiederum, dass „der Rems-Murr-Kreis für die kinderärztliche Versorgung rechnerisch überversorgt und damit erst einmal für Neuzulassungen gesperrt ist“.

Die Folge: Neue Ärzte dürfen nicht ohne weiteres hinzukommen, bestehende Praxen nicht vergrößert werden. Diese Berechnung geht auf die sogenannte Bedarfsplanung zurück. „Seit vielen Jahren hat die Politik vorgegeben, dass die Zahl der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte kontingentiert wird“, so der Sprecher. Wenn die Bedarfsplanung als Maßstab genommen werde, „ist die Versorgung im Rems-Murr-Kreis gut“.

Aber: Der Grund für die Einführung lag darin, den Kostenanstieg im Gesundheitswesen zu begrenzen und so den Beitragssatz stabil zu halten. Der Maßstab war daher beispielsweise nicht, ob Eltern einen Termin bekommen oder in einer Praxis aufgenommen werden. Daraus ergibt sich in der Realität die Problematik: „Die Nachfrage nach Kinderarztterminen ist höher als das Angebot.“ Die Vorgaben der Politik kritisiert die Kinderärztin Annette Weimann: „Die Politik weiß das und ignoriert das.“

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf diese Situation?

In der Gemeinschaftspraxis von Annette Weimann werden Corona-Impfungen angeboten. Das Personal habe nun noch mehr zu leisten. „Wir müssen alle mehr Zeit und Nerven investieren“, sagt Weimann.

Dass die Pandemie die eh schon angespannte Lage bei den Kinderarztpraxen belastet, weiß auch die Kassenärztliche Vereinigung: „Viele Kinderärzte haben zusätzlich Impfungen für Erwachsene angeboten, jetzt kommt noch die Kinderimpfung mit dazu“, so der Sprecher.

Welche Alternative haben Eltern, wenn sie keinen Kinderarzt finden?

Müssen sich Eltern nun, ähnlich wie bei einem Kita-Platz, schon früh einen Kinderarzt suchen? „Natürlich freuen wir uns über eine rechtzeitige Anmeldung.“ Diese müsse jedoch nicht sofort bei einem positiven Schwangerschaftstest erfolgen. „Circa zwei bis drei Monate vor der geplanten Entbindung erachte ich für sinnvoll“, so Dr. Stefan Klimmeck. Und für diejenigen, die immer noch einen Kinderarzt suchen, empfiehlt Dr. Annette Weimann Geduld. „Weitersuchen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“

„Es tut in der Seele weh, wenn weinende Mütter am Telefon sagen, dass wir die fünfte Praxis sind, die sie anrufen. Aber ich kann auch nur sagen: Nein, tut mir leid.“ Dabei würde Dr. Annette Weimann am liebsten jeden kleinen Patienten in der Kinderarztpraxis am Alten Postplatz aufnehmen. Die Kinderärztin liebt ihren Beruf von ganzem Herzen. Und das, obwohl sie zwischen 50 und 55 Stunden die Woche arbeitet. Dass es nicht mehr Stunden sind, sei allein der Tatsache zu verdanken, dass es zwei

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper