Waiblingen

Ende einer Familientradition: Kallenberg Raumausstattung in Waiblingen schließt

Raumausstatter Kallenberg
Klaus und Dani Kallenberg vor ihrem Geschäft in der Kurzen Straße. © Benjamin Büttner

Im Juni schlagen Klaus und Dani Kallenberg das letzte Kapitel in einer mehr als 100-jährigen Firmengeschichte zu. Bis zuletzt behaupteten sie sich erfolgreich gegen die Konkurrenz durch Online-Handel, Baumärkte und Möbelriesen. Den Betrieb für Raumausstattung mit Ladengeschäft in der Kurzen Straße geben sie nun mit 72 und 64 Jahren dennoch auf – altershalber. Klaus Kallenberg liebt sein Handwerk, aber es gibt auch Dinge, die er nicht vermissen wird.

Ein Motto begleitete ihn durch die Jahrzehnte: „Du musst jeden Tag für deinen guten Ruf kämpfen.“ Was für ihn im Berufsalltag bedeutete, immer dafür zu sorgen, dass die Kunden am Ende zufrieden sind. Dank dieses guten Rufs bekam er immer noch genug Aufträge von Leuten, die Wert auf Qualität legen. Sei’s für eine Arztpraxis in München oder sei’s, dass er Plissees verkauft für eine Ferienwohnung auf Kreta und Vorhänge für eine in der Bretagne. Im Mai werden nun noch letzte Aufträge angenommen, später nicht mehr. Die Auflösung ist für den 30. Juni geplant.

Problem für Handwerker: Die Parkplatz-Suche

Eine Sache, die Klaus Kallenberg Nerven kostete, waren die wachsenden Parkplatz-Probleme. Für Handwerker ein wichtiges Thema, denn sie sind darauf angewiesen, so nah wie möglich an die Wohnungen heranfahren zu können, in denen sie arbeiten.

Sein Material nicht mehr schleppen zu müssen, sich nicht mehr bei Nachbarn fürs Parken entschuldigen zu müssen - das sind Dinge, die er im Ruhestand gewiss nicht vermissen wird. Dazu kommt, dass mit über 70 die Arbeit im Knien zunehmend schwerer fällt.

Lehrlinge, die selbst Betriebe gründeten

Das Geschäft in guter Innenstadt-Lage steht zunächst leer. Interessenten gibt es, spruchreif ist freilich noch nichts. Klaus Kallenberg hofft auf eine qualitätsvolle Lösung.

Über drei Generationen führte die Familie den Betrieb, in dem so mancher in die Lehre ging, der sich später mit einer eigenen Firma selbstständig machte. Die Töchter von Klaus und Dani Kallenberg und ihre Familien indes haben längst in anderen Branchen Fuß gefasst.

Ein Raumausstatter-Geschäft weiterzugeben sei heutzutage schwierig, zumal es mehr Betriebe gebe als Übernahme-Interessenten. Insgesamt gebe es weniger Raumausstatter als noch in den achtziger Jahren.

Gardinen als Schallschlucker für Designer-Häuser

Viele Kunden, vor allem jüngere Generationen, orientieren sich inzwischen anders. Waren hochwertige Gardinen, Vorhänge und Stores früher eine Art Statussymbol oder zumindest ein Standard, der zu einem guten Haus oder einer guten Wohnung einfach dazugehörte, wollen viele heute gar keine Fenstertextilien mehr. Der Trend geht für viele in Richtung kühl, glatt und technisch. Das „Smart Home“ wird mit vollautomatischen Jalousien verdunkelt. Aber Klaus Kallenberg macht vermehrt auch eine gegenläufige Beobachtung: Weil die modernen, glatten Oberflächen Lärm nur reflektieren, wollen Hausbesitzer gerne Gardinen als Schallschlucker.

Der Gründer fiel im Ersten Weltkrieg

Eine billige Konkurrenz ist in den letzten Jahren entstanden durch große Möbelhäuser und Baumärkte, die Heimtextilien im Randsortiment führen. Aber wie gesagt, es gibt sie immer noch: Kunden, die Qualität und echte Handwerkskunst vom Meister zu schätzen wissen.

Gegründet hat den Betrieb Klaus Kallenbergs Großvater Ernst im Jahr 1906. Damals noch in der Langen Straße 59, wo Friseur Arnold seinen Kunden die Haare schneidet. Die Spezialität des Großvaters waren damals noch Pferdegeschirre, wobei auch er schon Polster, Tapezier- und Bodenlegearbeiten ausführte. Fünf Jahre später folgte der Umzug, Ernst und Luise Kallenberg bauten das Wohn- und Geschäftshaus, das fortan mehr als 100 Jahre Firmensitz sein sollte.

Zur Ausbildung nach Stuttgart

Dieser hoffnungsvolle Aufbruch sollte nicht lange währen, denn schon kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs fiel Ernst Kallenberg in Frankreich. In der schweren Zeit führte Großmutter Luise Kallenberg das Geschäft vor allem mit dem Verkauf von Sattlerwaren weiter. Später heiratete sie wieder - und zwar den Sattlermeister Hermann Läpple. Ihre Söhne aus erster Ehe, Alfred und Willi, lernten Tapezierer und Polsterer. Letzterer gründete gemeinsam mit seiner Frau Erika, einer gelernten Damenschneiderin, eine Abteilung für Gardinen.

Klaus Kallenberg wuchs mit dem Geschäft seines Vaters Willi auf, ging aber zunächst nach Stuttgart bei einem namhaften Raumausstatter in die Lehre. Anfang der siebziger Jahre stieg er in den väterlichen Betrieb ein und wurde 1980 sein eigener Chef.

Daumen drücken für den VfB Stuttgart

Von schweren Vorhängen bis zu leichten Plissees oder Jalousetten: Der ehemalige Regionalliga-Basketballspieler und langjährige Trainer des VfL Waiblingen tat seine Arbeit gerne und zog einen gewissen Stolz daraus, in unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft seine Kunden zu haben, Fabrikanten ebenso wie Arbeiter. So richtete er Villen ebenso ein wie einfache Wohnungen - das machte für ihn keinen Unterschied. Sein heute prominentester Kunde war ein Fußballlehrer, von dem damals in seiner Weinstädter Zeit aber noch niemand ahnte, dass er eines Tages Bundestrainer und Weltmeister werden würde: Jogi Löw.

Sportfan ist Klaus Kallenberg noch immer – und will nach einem hoffentlich baldigen Ende der Corona-Pandemie dem VfB Stuttgart wieder im Stadion die Daumen drücken.

Mehr Zeit für die vier Enkel, Vespa-Ausfahrten mit Gemahlin Dani in den Schwäbischen Wald: So will er seinen Ruhestand genießen.

Im Juni schlagen Klaus und Dani Kallenberg das letzte Kapitel in einer mehr als 100-jährigen Firmengeschichte zu. Bis zuletzt behaupteten sie sich erfolgreich gegen die Konkurrenz durch Online-Handel, Baumärkte und Möbelriesen. Den Betrieb für Raumausstattung mit Ladengeschäft in der Kurzen Straße geben sie nun mit 72 und 64 Jahren dennoch auf – altershalber. Klaus Kallenberg liebt sein Handwerk, aber es gibt auch Dinge, die er nicht vermissen wird.

Ein Motto begleitete ihn durch die

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper