Waiblingen

Eric Gauthier und Patrick Bopp: So geht es Künstlern in der Coronakrise

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Eric Gauthier im Wohnzimmer. © joos.media

Keine Großveranstaltungen mindestens bis Ende August – das trifft die Fans von Konzerten, Theater und Tanz hart. Die Künstler aber, die trifft es umso mehr. Die Shows mit dem Tanz-Ensemble des kanadischen Multitalents Eric Gauthier füllen mehrmals im Jahr das Waiblinger Bürgerzentrum mit 800 Zuschauern, und beim offenen Singen „Aus voller Kehle für die Seele“ mit Patrick Bopp ist der Saal des Kulturhauses Schwanen regelmäßig voll. Beide leiden auf ihre Art unter der Coronakrise – und beide gehen auf ihre Art kreativ damit um.

Auf die Bühne kann Eric Gauthier derzeit nicht – dennoch tritt er vor Publikum auf. Das „Wohnzimmerballett“ spukte ihm schon seit Jahren im Kopf herum, jetzt sah er die Zeit endgültig gekommen: In einem perfekt eingerichteten und aufgeräumten Designer-Loft macht der 43-Jährige ebenso witzig wie überzeugend den Affen und animiert die Zuschauer auf Youtube zum Mitmachen beim „Ape Dance“. Erhöhtes Ansteckungsrisiko besteht nur, was die gute Laune des Entertainers betrifft: „So viele Menschen sitzen auf ihrer Couch, jetzt in dieser Zeit noch mehr als sonst - mit ein paar kleinen Tanzschritten und Choreografien sollen sie Spaß haben und sich bewegen.“ Mehr als 28 000 haben den Affentanz geguckt. Inzwischen sind die Zugriffe für das Format zwar rückläufig, umso besser läuft der Tanztee mit „Bwegt“ vom Verkehrsministerium, in welchem er Standard-Tanzstile von Discofox bis Salsa erklärt.

Für Eric Gauthier waren "Schwanensee"-Auftritte in New York, Los Angeles, Mexiko geplant

Am Däumchendrehen ist Eric Gauthier durchaus nicht, hat aber ungewohnt viel Zeit für die drei Kinder im Alter zwischen vier und neun - und für deren Heimunterricht. Für die Truppe von Gauthier Dance seien es traurige Zeiten, wäre doch im nächsten Monat eine große Premiere von „Schwanensee“ geplant, danach eine Tourneereise nach New York und Mexiko sowie ein Workshop in Los Angeles. „Aber es ist okay, es wird alles hoffentlich wiederkommen“, sagt er zuversichtlich.

Wirtschaftlich hat die Truppe einen klaren Vorteil gegenüber den vielen freischaffenden Kollegen: „Wir sind alle Mitarbeiter des Theaterhauses.“ Seit April gilt Kurzarbeit, und die Stadt Stuttgart stockt zumindest für zwei Monate auf - das ergibt fast den vollen Verdienst. Anders könnte sich die Lage im September und Oktober darstellen, falls dann noch immer keine Vorstellungen stattfinden können. Denn dann steht eine große Tour an. Emotional fühlt sich Gauthier zwiegespalten: „Die eine Hälfte von mir vermisst den Applaus, die Dankbarkeit des Publikums und das Gefühl, als Mannschaft etwas Tolles geschafft zu haben.“ Auf der anderen Seite sagt er sich, dass man aus der ungeplanten Pause, die hoffentlich nicht so schnell wiederkehrt, das Beste machen sollte.

Die für Mai geplante Gala ist abgesagt, doch nach der Corona-Pause, wie lange auch immer sie dauert, wird Gauthier Dance mit Sicherheit wieder im Bürgerzentrum auftreten. New York, Mexiko, LA - klingt cool. Aber Waiblingen? „Das ist für mich ein Highlight in jedem Jahr, ganz ehrlich“, versichert der Choreograf. Warum? Eric Gauthier und der Waiblinger Kulturmanager Thomas Vuk, beide Musiker und Songwriter, sind befreundet, schicken sich ihre Lieder. „Diese Arbeit ist nicht nur Business“, meint der Wahl-Stuttgarter. Es gelte auch, den Menschen treu zu bleiben, die einen schon am Anfang unterstützt haben. Und das habe Thomas Vuk getan.

Seit fünf Jahren animiert Patrick Bopp alias Memphis von der A-cappella-Pop-Comedy-Gruppe „Die Füenf“ im Schwanen monatlich Hunderte zum offenen Singen unter dem Motto „Aus voller Kehle für die Seele“. Ein musikalisches Glanzlicht der Remstal-Gartenschau war die Freiluft-Version auf der Waiblinger Erleninsel mit 1000 Teilnehmern, die Wiederholung beim Remstal-Sommer 2020 allerdings – sie fällt zumindest in ihrer analogen Fassung flach. Als trotziges Mutmacher-Signal gegen das Virus gab’s jedoch bereits am 5. April die Digital-Ausgabe des offenen Singens: Mehr als 1300 Endgeräte riefen den Livestream auf, während Patrick Bopp Klavier spielte und sang. Sogar europaweit in den Partnerstädten von Waiblingen wurde der Stream aufgerufen.

„Man schläft sonst weg“: Patrick Bopp über digitale Distanz

Die Schwierigkeit: „Man muss die ganze Zeit das Publikum innerlich herholen, sonst schläft man weg.“ Erst hinterher konnte der Vorsänger die begeisterten Reaktionen im Chat und in „berührenden Mails“ lesen, die „Fotos von ganzen Familien mit Xylofon und Gitarre“ sehen. Die zweite Runde des digitalen Mitsingprojekts folgt am Samstag, 9. Mai, von 18 bis 19 Uhr wieder live auf Youtube. Und beim Remstal-Singen am 5. Juli steigen auch die Städte und Gemeinden flussaufwärts mit ins Boot. Dennoch: Seit dem Lockdown sind für Patrick Bopp 30 Veranstaltungen ausgefallen. Er kümmert sich außer um die Kinder um seine Homepage, für die er eigentlich einen Profi beauftragen wollte – und um die bürokratische Abwicklung der vielen Absagen. Die Corona-Soforthilfe hat er beantragt und ist dankbar, dass die Künstler dabei nicht durchs Raster fallen. Was ihn außerdem aufbaut, sind Online-Konzerte wie jüngst mit „Fools Garden“ und den “Füenf“, der Austausch und Solidarität zwischen Künstlern und eine neue Achtsamkeit beim Abstandhalten, die er erlebt. Um Pfingsten herum geben die „Füenf“ ein Konzert in einem Autokino in Brühl, live auf der Bühne, die Fans sitzen geschützt in ihren Wagen und bekommen den Sound in den Innenraum übertragen. Das Coronavirus zeitigt kreative Lösungen.

Das gilt auch für das Bürgerzentrum und den städtischen Kultur-Ermöglicher Thomas Vuk. Fast alle Büze-Veranstaltungen konnten auf Herbst oder nächstes Jahr verschoben werden. Derweil lief schon im März das Format „Kultur kommt nach Hause“ mit Beiträgen aus der Galerie Stihl und dem Haus der Stadtgeschichte an. Das Sonderegger-Duo spielte ein viel geklicktes Online-Konzert. Ziel ist, ein zumindest „digitales Gemeinschaftsgefühl“ zu erhalten, denn: „Wir brauchen die Künstler, damit sie nach der Krise wiederkommen können.“ Die Termine mit Eric Gauthier sind schon bis 2022 fix.

Keine Großveranstaltungen mindestens bis Ende August – das trifft die Fans von Konzerten, Theater und Tanz hart. Die Künstler aber, die trifft es umso mehr. Die Shows mit dem Tanz-Ensemble des kanadischen Multitalents Eric Gauthier füllen mehrmals im Jahr das Waiblinger Bürgerzentrum mit 800 Zuschauern, und beim offenen Singen „Aus voller Kehle für die Seele“ mit Patrick Bopp ist der Saal des Kulturhauses Schwanen regelmäßig voll. Beide leiden auf ihre Art unter der Coronakrise – und beide

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