Waiblingen

Erste „Toilette für alle“ in Waiblingen eröffnet - wann folgt die nächste?

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Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg, zeigt, wie der Patientenlifter in der „Toilette für alle“ im Familienzentrum Karo in Waiblingen funktioniert. © ZVW/Bernd Klopfer

„Das ist unterirdisch“: Wenn Jutta Pagel-Steidl daran denkt, welchen Nachholbedarf es in Sachen „Toilette für alle“ etwa in der Gastronomie und der Hotelbranche gibt, spart die Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg nicht mit Kritik. Auch im Rems-Murr-Kreis ist noch viel zu tun: Bislang gab es nur zwei Toiletten, die sich auch an die Bedürfnisse von mehrfachbehinderten und inkontinenten Menschen richten. Eine befindet sich am Ebnisee in Kaisersbach, eine auf dem Friedhof im Ortsteil Grab in Großerlach – und nun ist im Familienzentrum Karo in Waiblingen eine dritte dazugekommen.

90 Prozent der Kosten zahlt das Land

Sie befindet sich im Erdgeschoss, auf einer Fläche von 15 Quadratmetern, hier am Alten Postplatz 17. Möglich wäre eine „Toilette für alle“ auch schon auf sieben Quadratmetern. Sie enthält eine elektrisch verstellbare Pflegeliege für Erwachsene, einen luftdicht verschließbaren Windeleimer, ein Waschbecken und einen Patientenlifter. Letzterer dient dazu, dass der Betroffene vom Rollstuhl aus auf die Liege und zurück kommen kann. Rund 10.000 Euro hat der Umbau gekostet, davon hat das Sozialministerium 9000 Euro gezahlt – also 90 Prozent.

Die FDP-Fraktion im Waiblinger Gemeinderat hatte die Stadtverwaltung bereits 2021 gebeten, eine „Toilette für alle“ einzurichten. In der Sitzung des Ausschusses für Bildung, Soziales und Verwaltung (BSV) Ende 2021 ging die Stadt noch davon aus, mit dem Umbau im Familienzentrum Karo bereits im März 2022 fertig zu sein. Schlussendlich hat es doch rund ein Jahr gedauert. Der Waiblinger Oberbürgermeister Sebastian Wolf sagte am Dienstag, 24. Januar 2023, bei der offiziellen Eröffnung der „Toilette für alle“, dass diese Teilhabe ermögliche und im Karo hervorragend hereinpasse.

Genutzt werden kann die Toilette nicht nur von Besuchern des Familienzentrums, sondern von allen, die sie brauchen. Laut Holger Sköries, Seniorenreferent der Stadt Waiblingen, ist diese von Montag bis Freitag immer mindestens von 8 bis 20 Uhr zugänglich. Wegen Kursen sei diese manchmal abends auch noch länger offen. Zudem gebe es oft am Samstagvormittag Angebote im Haus, entsprechend ist auch da die „Toilette für alle“ zugänglich. Manchmal ist auch sonntags geöffnet. Mit Blick auf Gottesdienste oder Konzerte in der benachbarten Michaelskirche will Holger Sköries der evangelischen Kirchengemeinde auch eine Zugangsmöglichkeit zum Familienzentrum geben, damit die Toilette dort von Menschen mit Mehrfachbehinderung genutzt werden könnte. Überhaupt kann sich jeder, der Bedarf hat, direkt an Holger Sköries wenden.

Inkontinenz mit Scham behaftet

Jutta Pagel-Steidl vom Landesverband weiß, wie sehr das Thema Inkontinenz immer noch mit Scham behaftet ist. Nach ihren Angaben ist davon auszugehen, dass allein in Baden-Württemberg rund 380.000 Menschen darunter leiden. Sie müssen deshalb Windeln tragen, die gewechselt werden müssen. Wenn sie den Besuch eines Restaurants planen, müssen Betroffene immer daran denken, wo die nächste Möglichkeit zum Wechseln besteht.

Wer als Rollstuhlfahrer inkontinent ist und eine neue Windel braucht, der kann den Wechsel nicht in einer gängigen Behindertentoilette schaffen. Er braucht den Patientenlifter genauso wie die Pflegeliege. Wenn es mit dem Patientenlifter ein Problem gibt, kann der Betroffene an einem roten Band ziehen. Dann kommt die Notfallabsenkung zum Zug. „Runter kommt man immer – und zwar sicher“, sagt Jutta Pagel-Steidl.

„Toilette für alle“ bei der Experimenta in Heilbronn und in der Outletcity Metzingen

Das Bewusstsein, dass solche Toiletten nötig sind, entsteht nach ihrer Erfahrung nur langsam. Bei der Experimenta in Heilbronn oder in der Outletcity Metzingen gibt es diese mittlerweile – aber wie immer bei freiwilligen Leistungen gilt: Es braucht Überzeugungsarbeit. Wenn Leute verlangen, dass für die „Toilette für alle“ Nutzerzahlen erhoben werden sollten, ärgert das Jutta Pagel-Steidl. „Ich finde es entwürdigend.“

Sebastian Fuchs aus Waiblingen-Neustadt ist selbst Betroffener und berichtet, dass er immer überlegen muss, wo er auf die Toilette gehen kann. Wenn es zu schwierig wird, „dann geht man dann lieber nicht weg“. Er freut sich daher über die „Toilette für alle“ im Karo, er sieht sie als „wunderbaren Einstieg“. Weitere sollten dieser aus seiner Sicht folgen, etwa im Waiblinger Bürgerzentrum. „Je mehr, desto besser.“ Wenn er nämlich gezwungen ist, außerhalb des geschützten Raumes einer Toilette seine Windeln zu wechseln, dann hat der Inklusionsbotschafter des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung dazu eine klare Meinung: „Das finde ich nicht menschenwürdig.“

„Das ist unterirdisch“: Wenn Jutta Pagel-Steidl daran denkt, welchen Nachholbedarf es in Sachen „Toilette für alle“ etwa in der Gastronomie und der Hotelbranche gibt, spart die Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg nicht mit Kritik. Auch im Rems-Murr-Kreis ist noch viel zu tun: Bislang gab es nur zwei Toiletten, die sich auch an die Bedürfnisse von mehrfachbehinderten und inkontinenten Menschen richten. Eine befindet sich am

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