Waiblingen

„Es steht windschief, dein Seelenhaus“

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Gedichtlesung mit Manfred Luczinski (Mitte), Karl Rüdiger Marion (links) und Reinhard Urbanke. © Jamuna Siehler

Kernen-Stetten. 170 Gedichte hat Manfred Luczinski im Zeitraum von zwei Jahren geschrieben. Sie handeln von Respekt, von Dankbarkeit, Heuchelei und Selbstbetrug. Jetzt hat der spätberufene Poet 33 Gedichte aus seinem ersten Jahr in einem Büchlein vereint. Der bescheidene, introvierte Mann, der seit 20 Jahren an Schizophrenie erkrankt ist, spiegelt in seinen Wortbildern nicht nur Stimmungen. Er schreibt auch gegen sie an. Wenn er vorliest, spürt man’s.

Manfred Luczinski sitzt am Pult im Diakonie-Treffpunkt „La Salle“. Er schaut warmherzig durch die Brille auf seine neugierigen Zuhörer und kündigt in unspektakulären Worten sein Werk an. Ein Dichter mit Botschaft, aber ohne Künstler-Allüren. 33 eigene Gedichte aus dem ersten Jahr seiner Produktion hat Manfred Luczinski in seinem Gedichtband „Momente mit mir“ zusammengetragen. Eine Premiere. Der Schritt an die Öffentlichkeit kostet den zurückhaltenden Mann nicht mehr die Überwindung wie am Anfang, im Jahr 2014, als er erst nach eindrücklicher Überredung durch seinen Freund Karl Rüdiger Marion erste Arbeiten in Marions Beutelsbacher Café vortrug. „Das nächste Gedicht hat viel mit Gefühlen zu tun, mit dem großen Herzen“, sagt er und lächelt dazu. „Herz in Händen“, heißt es. Die Verse wollten „Respekt ausdrücken: Vor mir und vor euch“, führt er aus, doch wer es hört, merkt, dass es ein Liebesgedicht ist. „ ... Weißt du, du siehst recht müde aus/ich liebe dich so sehr dafür/es steht windschief, dein Seelenhaus/grad deshalb klopf ich an die Tür.“

„Kleine Wortkorrekturen, ja, aber ich schreibe recht schnell“

Ein Gedicht schreiben gehe recht schnell, sagt der 51-Jährige. Er feile nicht lang daran rum. „Kleine Wortkorrekturen, ja, aber ich mache mir da keine Philosophie draus.“ Mit dem Schreiben wolle er sich den Druck von der Seele nehmen, sagt er. Aber seine Gedichte gehen auch die anderen, die sie lesen und hören, an. „Es ist immer viel stimmungsbezogen, auch mal gegen die Stimmung geschrieben. Wenn ich zum ersten Mal was vortrage, spielt sich ein Film in meinem Kopf ab. Die Sachen, die ich heute vortrage, sind aber verarbeitet. Die sind in Routine übergegangen.“ 1964 wurde der gelernte Glaser und Fensterbauer, der in Beutelsbach wohnt, geboren. In seinem 31. Lebensjahr, fast auf den Tag genau vor 20 Jahren, erkrankte er an Schizophrenie. Mit Worten spielen, aus Wortschnipseln Bilder zusammenkleben, die als Gefühl und Idee Dritten eine Botschaft vermitteln, das erlaubt Manfred Luczinki, sich zu öffnen.

Er schreibe nicht für die Galerie, er schreibe für sich, sagt er. Aber es ist eben auch ein Weg von innen nach außen: „Hallo, kennt ihr mich noch?“ Dazu lächelt der Autor neugierig. „Ich tu das für Menschen mit ähnlichen Problemen, die sich in den Gedichten wiederfinden.“ Auch deshalb sei ihm das Vorlesen so wichtig. Das helfe, auch wenn es ihn Überwindung koste, weil er ja eher introvertiert sei. Manfred Luczinski, der Rilke besonders mag, wurde einige Jahre lang von den Remstal-Werkstätten der Diakonie Stetten betreut. Jetzt arbeitet der sympathische Mann, weiterhin betreut von einem Job-Coach der Diakonie, auf einem betriebsintegrierten Arbeitsplatz der Rommelshausener Gärtnerei Uhlig.

Sein erster Gedichtband liegt in einer Erstauflage von 350 Exemplaren vor. Mit finanzieller Unterstützung der Bürgerstiftung Kernen ist dies möglich geworden, aber vor allem die Hilfe seines Freudes, des studierten Sonderpädagogen Karl Rüdiger Marion, bahnte ihm den Schritt an die Öffentlichkeit. Der Stettener Reinhard Urbanke, gelernter Schriftsetzer, der ihn ermutigte, seine Reime in einem Buch zusammenzufassen, besorgte das Layout. Von Klaus Schmückle, dem einfühlsamen Fotokünstler, der ebenfalls Mitarbeiter der Diakonie ist, stammen die Bilder.

„Zeit, Dankbarkeit zu Papier zu bringen“

Die Verse, die Manfred Luczinski schmiedet, spiegeln seine Stimmungen nach außen. Sie sind nachdenklich, ermuntern, feiern das Geschenk alltäglichen Glücks. Ein Gedicht drückt das sehr schön aus. Es zielt auch auf seine helfenden Freunde: „Die helle Seele flügelt weit, wie Vögel auf silbernen Schwingen, ich fühle, es ist an der Zeit, Dankbarkeit zu Papier zu bringen.“

400 Euro gestiftet

Die Bürgerstiftung Kernen hat die Vorstellung des Büchleins im Rahmen der inklusiven Veranstaltungsreihe „Café Spezial“ im Diakonie-Restaurant „La Salle“ einschließlich der Druckkosten mit 400 Euro bezuschusst. Es kamen zur Lesung insgesamt 50 Gäste. 15 Bücher wurden verkauft.

Die Gedichtbände sind in drei Weinstädter Geschäften käuflich zu erwerben und kosten fünf Euro.

Die nächste Veranstaltung im Café Spezial findet am 19. Juli von 14 bis 17 Uhr statt. Das Thema: „Hesse, Häppchen, History“. Angeschlossen ist eine Führung im Schlosshof.