Waiblingen

Essstörungen: Wenn der Druck zu groß wird

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Die Sängerin Déborah Rosenkranz hat ihre Magersucht überwunden und setzt sich inzwischen für von Essstörungen Betroffene ein. © Marc Gilgen

Waiblingen. Sie war so dünn, dass sie fast daran gestorben wäre. Doch mit Hilfe ihrer Familie überwand Déborah Rosenkranz ihre Magersucht und fand zurück ins Leben. Seit mittlerweile zehn Jahren reist die Sängerin durch verschiedene Länder, um Betroffenen Mut zu machen. Ihre Lieder handeln davon, den eigenen Wert zu entdecken. An Schulen spricht die 35-Jährige mit Kindern und Jugendlichen – inzwischen hat sie auch ein eigenes Therapiezentrum eröffnet.

Frau Rosenkranz, Sie engagieren sich, um über Essstörungen aufzuklären. Wie kam es dazu?

Ich selbst bin mit 14 Jahren völlig unerwartet in eine schwere Essstörung gerutscht. Auslöser war ein einziger Satz meines großen Schwarms nach dem Sport: „Ich frag mich, wie man mit so viel Fett überhaupt rennen kann!“ Von diesem Moment an war mir klar: Wenn du von jemand anderem, als deinen Eltern, geliebt werden möchtest, musst du abnehmen. Du musst so schlank sein, wie die anderen Mädchen. Ja, ich wog schon 77 Kilogramm in dem Alter, doch bis zu diesem Tag hatte mich das nicht gestört gehabt. Von da an begann eine schreckliche Abwärtsspirale. Ich verlor mich mehr und mehr in meiner „Diät“ und der Sportsucht, bis ich schlussendlich von einem halben Apfel am Tag lebte. Mein Körper schickte mir mehrere Alarmzeichen – Ausbleiben der Periode, Haarausfall, kein Gefühl mehr im linken Bein –, die ich alle ignorierte. Innerhalb eines Jahres hatte ich 30 Kilogramm abgenommen.

Das klingt wirklich dramatisch. Wie sind Sie aus dieser Spirale wieder herausgekommen?

Ich verbrachte meine Nachmittage bei verschiedenen Ärzten. Doch eines Tages ließ mich mein Arzt nicht mehr ins Sprechzimmer. Er wollte nur meine Mutter sprechen. Aus Neugier lauschte ich, was er zu sagen hatte. Und da hörte ich den Satz, vor dem ich schon lange Angst gehabt hatte: „Frau Rosenkranz, Ihre Tochter wird in den kommenden Wochen sterben. Wir können nichts mehr für sie tun.“

Mit dieser Angst ging ich verbotenerweise ein paar Nächte später auf ein Konzert. Ich schlich mich aus dem Haus und kam erst spät nachts wieder zurück, als ich lautes Weinen aus dem Schlafzimmer meiner Eltern vernahm. Als ich näher an die Tür ging, hörte ich meine eigene Mutter sagen: „Wir können ja schon den Sarg für Déborah bestellen. Sie wird ja eh sterben.“ Das war das erste Mal, dass ich es zuließ. Ich fiel zu Boden, weinte und weinte und weinte. Jetzt wusste ich, dass sie recht hatte. Ich sah keinen Ausweg mehr für mich. Doch mein Vater antwortete plötzlich mit einer starken, lauten Stimme: „Nein, wir müssen für unsere Tochter beten, unsere Tochter wird leben.“ Und so beteten sie mitten in der Nacht unter Tränen, während ich auf der anderen Seite dieser Türe saß und alles mitbekam. Das berührte mich so. Diese Liebe. Dieser Glaube. Diese Hoffnung. Und ich entschied mich, die Tür aufzumachen. Die Tür zu meinen Eltern. Zu dieser Hoffnung. Es war mein „Klick-Moment“. Und der erste Schritt zur Heilung.

Wie ging es dann weiter?

Ich musste das Essen von null auf neu lernen, denn ich wusste nicht mehr, was normal war. Außerdem konnte ich nicht einmal ein Glas Wasser am Stück trinken, da mein Magen so geschrumpft war und das somit riesengroße Schmerzen ausgelöst hat. Ich habe damals eng mit meiner Familie zusammengearbeitet, mir ist aber sehr bewusst, dass das ein Einzelfall war. Denn es verlangt viel zu viel von der Familie ab. Außerdem wurde ich von Ernährungsberaterinnen und Ärzten begleitet. Ich rate heute dringend zu psychologischer oder therapeutischer Begleitung – und biete selbst auch diese Betreuung für Betroffene an.

Wo liegen denn die Ursachen für solch eine Erkrankung?

Leider gibt es so viele verschiedene Auslöser und Ursachen für eine Essstörung, dass man das pauschal nicht sagen kann. Heute darf ich viele Mädchen betreuen und begleiten, in der Schweiz haben wir sogar mit der Diakonie Bethanien bei Stein am Rhein das „Power2Be“, eine therapeutische Einrichtung für Mädchen mit Essstörungen eröffnen dürfen. Bei mir war es ein einziger Satz.

Andere Mädchen haben Missbrauch erlebt, oder sehnen sich einfach danach, geliebt und gesehen zu werden. Wieder andere wissen nicht, was normales Essen bedeutet, da die Mutter schon jahrelang essgestört ist. Die Ursachen sind so unterschiedlich, dass es für mich immer sehr wichtig ist, auf die Person und ihre persönliche Geschichte einzugehen, bevor wir uns überhaupt über Ernährung unterhalten.

Wieso sind immer mehr Mädchen, aber auch Jungs betroffen?

Wenn ich ehrlich bin, höre ich zu sicher 90 Prozent meiner betroffenen Mädchen und Jungs einen Satz: „Ich weiß nicht, was ich wert bin.“ 70 Prozent davon sagen mir: „Meine Eltern haben mir nie gesagt, dass sie mich lieben.“ Es ist dramatisch. Es wächst eine Generation heran, die so viel Druck standhalten muss. Es sind nicht nur die TV-Formate, die ihnen sagen, wie sie auszusehen haben, es ist der Alltag. Die Mitschüler. Mobbing beginnt im jüngsten Alter, meist auf das Aussehen oder Können bezogen. Und die Balance fehlt. Eltern haben so viel Druck auf der Arbeit, dass sie kaum noch Zeit mit ihren Kindern verbringen können. Zeit, in der sie ihnen zeigen und sagen könnten, dass sie gesehen und geliebt werden. Ich bin seit mehr als zehn Jahren mit diesem Thema unterwegs und muss leider sagen, dass es mehr und mehr wird. Die Jugend zerbricht an dem Druck.

Aus Ihrer eigenen Erfahrung: Was kann das Umfeld, also Familie und Freunde, tun, wenn sie eine Essstörung bemerken?

Wichtig ist es, genau diesen Druck wegzunehmen. Sich wieder auf die Dinge zu konzentrieren, die bei der betroffenen Person herausstechen. Ob optisch, oder in den Begabungen. Es gibt kein „Allheilmittel“ gegen die Essstörung. Ich sage immer: Die Liebe meiner Familie hat mich geheilt. Und das stimmt – sie waren während meiner Heilungsphase 24 Stunden am Tag für mich da. Wenn man jemanden im Umfeld hat, der betroffen ist, ist es wichtig, dieser Person im richtigen Moment zu sagen, dass man sieht und Bescheid weiß und jederzeit für sie da ist, wenn sie das möchte. Aber: ja keinen Druck aufbauen. Ich hatte damals zwei Freundinnen, die mit mir in die Pizzeria sind und Pasta und Co. gegessen haben, während ich nur ein Glas Wasser getrunken habe. Sie haben nichts gesagt. Und das war ganz wertvoll. Denn somit habe ich ihnen vertraut. Und als ich soweit war, konnte ich mich ihnen öffnen und nicht denen, die mich ständig zum Essen gezwungen haben. Denn von diesen Personen habe ich mich schlussendlich komplett distanziert.

Welche Projekte unterstützen Sie, wie sieht Ihr Engagement konkret aus? Und was ist geplant?

Wir haben wie erwähnt das „Power2Be“ in der Schweiz gründen dürfen, was ganz wertvoll ist. Doch die Not ist so groß und ich könnte 24 Stunden am Tag alleine nur Nachrichten auf Facebook, Instagram, oder über mein Kontaktformular beantworten, dass ich mich entschieden habe, mich voll und ganz für diese Menschen einzusetzen. Über meine Musik und meine Bücher. Wenn ich alleine Nachrichten lese, in denen es heißt „Weißt du eigentlich, dass ich wegen deiner Musik noch am Leben bin“, dann weiß ich, dass es sich alles lohnt. Langfristig träume ich von deutschlandweiten Anlaufstellen für Betroffene. Sei es im Bereich Essstörungen, Depressionen oder Borderline. Schlussendlich gehört alles zusammen. Es reicht nicht, dass dieses Thema kurz angeschnitten wird, oder kurz eine Kampagne gestartet wird. Es muss so präsent sein, dass in Schulen schon darüber gesprochen wird, und sich schon junge Menschen über die Macht ihrer Worte im Leben ihrer Mitschüler bewusst sind. Deswegen halte ich auch Präventionsvorträge in Schulen. Ich bin überzeugt davon, dass wir mit der richtigen Vorarbeit schon sehr viel vermeiden könnten! Wir müssen jungen Menschen wieder ihren Wert aufzeigen und sie daran erinnern, dass sie gewollt und geliebt sind. Für sie habe ich meinen Song: „You’re worth it“ geschrieben.

Was sagen Sie denn Kindern und Jugendlichen oder auch Erwachsenen auf Ihren Konzerten oder in persönlichen Gesprächen? Gibt es etwas, das Sie ihnen ganz besonders ans Herz legen?

Ich erinnere sie daran, dass sie es wert sind, dass sie schön und gewollt sind. Ich versuche, ihren Fokus von der Krankheit auf ihre Träume zu legen. Denn es braucht unheimlich viel Energie für eine Essstörung. Wenn man diese verlagert auf die eigenen Begabungen, mit dem Ziel, den eigenen Traum zu leben, dann hat man da eine ganze Menge Energie zusammen! Was mich noch etwas schmerzt, ist es, wenn Betroffene zu mir kommen und sagen: „In der Klinik habe ich gelernt, mit meiner Krankheit zu leben.“ Ich glaube daran, dass man völlig frei und gesund werden kann. Weil ich es erlebt habe.

Vielen Dank für das Gespräch.

Déborah Rosenkranz tritt am Samstag, 27. Oktober, in der Kirche Oase auf. Das Konzert beginnt um 19.30 Uhr, Einlass ist um 19 Uhr. Karten an der Abendkasse kosten 15 Euro.