Waiblingen

Exhibitionisten: Dem Täter keine Aufmerksamkeit schenken

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Die Gefahr ist groß, dass ein Exhibitonist seine Neigung immer wieder auslebt. © ZVW

Waiblingen. Der jüngste Fall liegt nur wenige Tage zurück: In Schornbach hat sich ein Exhibitionist vor zwei Mädchen entblößt. Die beiden haben sich genau richtig verhalten, sind weggelaufen und haben die Polizei verständigt. Speziell in Schorndorf treten vergleichsweise häufig Exhibitionisten auf. Das ist kein Bagatelldelikt; die Opfer leiden gar nicht selten lange danach noch.

In der Öffentlichkeit herrscht tendenziell die Meinung vor, was ein Exhibitionist sich erlaubt, das ist ja nicht so schlimm, er berührt ja nur sich selbst, nicht sein Opfer. Das Bagatellisieren hat weitreichende Folgen, erläutert Heidrun Heidenfelder von der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt: Die Mädchen und Frauen haben Angst, nicht ernst genommen zu werden – schämen sich und schweigen lieber. Die Sozialpädagogin rät Opfern aber, solche Fälle der Polizei zu melden, und zwar so schnell wie möglich. In Schorndorf treten relativ häufig Exhibitionisten auf, berichtet die Sozialpädagogin – bevorzugt zum Beispiel an der Vorstadtstraße nahe dem Berufsschulzentrum. Die Anlaufstelle bietet den Betroffenen Gespräche an, damit die Mädchen das Erlebte verarbeiten können.

„Weglaufen geht auch nicht sofort“

Im ersten Moment verharren Mädchen in einer Art Schock, erklärt Heidrun Heidenfelder: „Man kann nicht sprechen, Weglaufen geht auch nicht sofort.“ Das Beste wäre, zu lachen, den Täter damit bloßzustellen – und dann wegzugehen. Kreischt eine Mädchengruppe laut auf, zeigt sich völlig konsterniert und starrt auf das Geschehen, hat der Täter genau das erreicht, was ihm den Kick verschafft. Das gilt es zu vermeiden, sagt Urban Spöttle-Krust von der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt, die dem Kreisjugendamt angegliedert ist. Der Diplom-Pädagoge bestätigt, dass eine ganz bestimmte Angst nicht ganz unbegründet ist: Es könnte sein, der Exhibitionist belässt es nicht beim Herzeigen seines Geschlechtsteils. Es gibt Fälle, da Täter ihre exhibitionistische Handlung als „Eröffnungsdelikt“ anwenden, sprich, quasi einen Test damit starten – und dann übergehen zu körperlichen Übergriffen. „Sie wollen das Machtgefühl haben“, erklärt Urban Spöttle-Krust, worum es den Tätern geht.

Auf Opferseite verursacht die exhibitionistische Handlung natürlich das Gegenteil. Ein Gefühl von Hilflosigkeit, von Ausgeliefertsein entsteht, und genau daraus können längerfristige Folgen resultieren. Heidrun Heidenfelder kennt aus der Beratung Mädchen, die noch lange nach dem Vorfall unter dem Ohnmachtsgefühl leiden oder Angst haben, alleine rauszugehen.

Opfer sollten als Nebenkläger auftreten

Die juristische Aufarbeitung kann den Opfern helfen, mit der Sache klarzukommen. Sobald die Polizei informiert ist, nimmt das Verfahren seinen Lauf. Eine Anzeige kann in solchen Fällen nicht mehr zurückgezogen werden. Eine der Aufgaben der Anlaufstelle ist es, die Opfer bis zur Gerichtsverhandlung zu begleiten – falls es so weit überhaupt kommt und der Staatsanwalt das Verfahren nicht schon vorher einstellt. Das kann durchaus passieren, sofern der Mann zuvor noch nicht aufgefallen war.

Kommt es zur Gerichtsverhandlung, empfiehlt Heidrun Heidenfelder den Opern, als Nebenkläger aufzutreten, nicht nur als Zeuge. Nebenkläger haben vor Gericht viel mehr Rechte, dürfen zum Beispiel während der gesamten Verhandlung anwesend sein.

Zum Gespräch zur Anlaufstelle wird ein Exhibitionist in jedem Fall gebeten. Urban Spöttle-Krust hält es für wichtig, dass den Tätern möglichst früh und möglichst deutlich die Rote Karte gezeigt wird und sie sich mit ihrem Verhalten auseinandersetzen müssen.

„Wegtherapieren“ lässt sich eine solche Neigung nach der Erfahrung des Diplom-Pädagogen nicht. Doch kann ein Täter lernen, den Impuls zu kontrollieren. Je weniger verfestigt seine Handlungen waren und je weniger Erfolg er hatte – umso größer die Chancen, dass er künftig seine Mitmenschen in Ruhe lässt.

Bei Tätern mittleren Alters, die schon sehr oft in Erscheinung getreten sind, ist indes „Hopfen und Malz verloren“, sagt Urban Spöttle-Krust. Wenn ein Täter nicht einsichtig ist und nicht bereit, sich mit seinem Verhalten auseinanderzusetzen, können Berater und Therapeuten wenig tun. Einen Therapieplatz zu finden, ist ohnehin schwer. Es mangelt an Plätzen, und nicht jeder Therapeut ist bereit, sich mit den Belangen von Sexualstraftätern auseinanderzusetzen.

Es geht um Macht und Ohnmacht

In etwa 85 Prozent der Fälle haben die Täter selbst Missbrauch erlebt oder Mobbing erfahren. Um das eigene Ohnmachtsgefühl zu überwinden, wollen sie Macht über andere ausüben, erklärt Heidrun Heidenfelder ein gängiges Psychomuster. Insbesondere Jungs tun sich sehr schwer damit, sich einzugestehen, dass sie selbst Opfer waren, das ist Urban Spöttle-Krusts Erfahrung aus den Beratungsgesprächen.

Heidrun Heidenfelder staunt indes in Gesprächen mit Mädchen immer wieder, wie sehr Sexualität noch immer als Tabuthema gilt. Alles ist im Internet verfügbar, die Sprache ist sexualisiert und das Verschicken von anzüglichen Fotos ist gang und gäbe. Und trotzdem, sagt die Sozialpädagogin: „Sie wissen nichts.“

Das Strafmaß:

Exhibitionismus gilt als Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Das Polizeipräsidium Aalen hatte im vergangenen Jahr 68 Fälle von exhibitionistischen Handlungen/Erregung des öffentlichen Ärgernisses (2014: 71) zu bearbeiten.

Im Rems-Murr-Kreis nahm die Gesamtzahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von 183 auf 197 zu.

In der bundesweiten polizeilichen Kriminalstatistik sind fürs vergangene Jahr 2440 exhibitionistische Handlungen erfasst, begangen von Erwachsenen ab 21 Jahren. In 101 Fällen waren es Jugendliche im Alter zwischen 14 und unter 18 Jahren.

Laut § 183 des Strafgesetzbuches wird ein Täter, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Wird ein Exhibitionist zu einer Geldstrafe von unter 90 Tagessätzen bestraft, erscheint der Vorfall nicht im erweiterten Führungszeugnis als Straftat.

 

Die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt ist beim Jugendamt angesiedelt und existiert seit 1997. Sie ist im Kreis mit Standorten in Waiblingen, Schorndorf und Backnang vertreten.

Kinder und Jugendliche können sich dorthin auch ohne Wissen der Eltern wenden. Die Beratung ist kostenlos und bleibt auf Wunsch anonym.

Anfragende erhalten innerhalb einer Woche einen Termin für ein Erstgespräch.

Die Telefonnummern: Waiblingen 0 71 51/5 01-14 96, Schorndorf 0 71 81/9 38 89-50 24, Backnang 0 71 91/ 8 95-40 58.