Waiblingen

Exotische Krankheiten bei uns

KINA - Fachleute sprechen über Zika-Virus
Die Tigermücke kann verschiedene exotische Krankheiten übertragen. Ursprünglich war das Insekt nicht bei uns zu Hause, doch inzwischen gibt es Populationen, die etwa in Heidelberg und Freiburg auch die Winter überlebt haben. © dpa

Waiblingen. Grippe? Nichts Neues. Kennen wir schon, impfen wir schon. Aber wie sieht’s denn mit anderen Erkrankungen aus in unserer längst grenzenlosen Welt? Exoten aus fernen Ländern? Die Vogelgrippe klopft wieder an; Zika haben wir schon, wenn auch diese gruselige Erkrankung zum Glück im Rems-Murr-Kreis noch nicht heimisch ist. Und anderes?

Am Bodensee ist sie schon wieder angekommen. Die Vögel haben sie von sonst woher mitgebracht, und sie sterben an ihr: die Vogelgrippe. Der Erreger, der H5N8, ist fürs Geflügel hochansteckend. Menschen, so Dr. Andreas Hänel vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Fellbach, wurden, soweit es die Wissenschaft bislang weiß, von der aktuellen Erregervariante noch nicht befallen. Andere Varianten wie der H5N1, der vor rund zehn Jahren grassierte, können auch für Menschen tödlich sein.

Aber nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Menschen hat die Grippezeit begonnen. Die Influenza, ebenfalls weltweit unterwegs, lässt Menschen über Wochen im Bett liegen oder gar sterben. Diese Erkrankung allerdings ist für Humanmediziner eine alte Bekannte und es gibt Impfungen.

Tigermücke ist ein Risikofaktor

Anderen reisenden Krankheitserregern stehen die Ärzte dagegen noch machtlos gegenüber. Zika zum Beispiel: Die Bilder der vom Virus geschädigten Babys machen sprachlos. Welch eine Gefahr. 21 Menschen aus Baden-Württemberg waren in diesem Jahr an Zika erkrankt, einer davon kam aus dem Rems-Murr-Kreis. Die Erkrankten hatten sich den Virus alle von Reisen mitgebracht. Der Virus wird von Tigermücken übertragen, die vorher einen erkrankten Menschen gestochen haben. Und er wird bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr weitergegeben. Deshalb müssen Menschen, die womöglich infiziert sind, Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Sonst kann auch das Baby in Deutschland gefährdet sein. Und: Auch die Tigermücke ist ein Risikofaktor. Sie fühlt sich bei uns wohl. So wohl, dass ihr womöglich selbst der nahende Winter nicht den Garaus machen wird. In Freiburg und Heidelberg werden die Tiere inzwischen massiv bekämpft. Sieben der erkrankten Personen kamen aus den betroffenen Stadtkreisen. Noch ist nichts bekannt und wissenschaftlich nachgewiesen – doch die Möglichkeit, dass sich die Erkrankung hier selbstständig macht, ist zumindest theoretisch möglich.

Im Elsass beispielsweise, erklärt Dr. Dr. Günter Pfaff, Epidemiologe und im Regierungspräsidium zuständig für den Gesundheitsschutz, ist schon nicht mehr klar, ob Erkrankte sich im Ausland mit Zika angesteckt haben oder womöglich in der Heimat. Und auf welchem Weg?

Keine Gefahr von den Flüchtlingen

Die meisten exotische Krankheiten, die in den Nachrichten Schlagzeilen machen, werden aber von Reisen mitgebracht. Das Denguefieber etwa kam aus Madeira, Chikungunya, ein Fieber, das mit sehr großen Schmerzen in Muskeln und Gelenken einhergeht, stammt aus Afrika und Südasien. Aber: Es wird auch von der Tigermücke übertragen.

Mers, die schwere Lungenerkrankung, die vom Mers-Corona-Virus ausgelöst wird und von 2013 bis 2014 auch in Deutschland für Angst sorgte, wird erst einmal von Kamelen und Dromedaren, etwa bei Ritten oder über den Genuss von Milch, übertragen. Pfaff sagt, er würde zurzeit Entsprechendes nicht machen. Denn bei Körperkontakt, etwa bei der Pflege der Kranken, wird die Krankheit dann von Mensch zu Mensch weitergegeben. Wie auch Ebola. Glücklicherweise war die gesamte EU von direkten Ebola-Importen so gut wie verschont. Abgesehen von einer Krankenschwester, die sofort isoliert werden konnte, wurden alle Kranken geplant zur Behandlung eingeflogen. Von den Flüchtlingen, sagt Pfaff, konnte keine Gefahr ausgehen. Wer so lang und unter solchen Bedingungen unterwegs ist, kann nicht durch diese schwere Erkrankung geschwächt sein.

Mücken reisen nicht nur mit dem Flugzeug

Es sind längst mehrere Faktoren, die den Import exotischer Krankheiten in unsere Breiten zunehmend erleichtern. Zum einen, sagt Pfaff, ist es die Klimaveränderung. Mit den zunehmenden Temperaturen können bei uns Mücken heimisch werden, die sonst nur in viel wärmeren Gefilden lebten. Mücken spielen eine große Rolle bei der Übertragung diverser Krankheiten.

Auch bei der Malaria zum Beispiel. Malaria, heißt es aus dem Landratsamt, sei nicht meldepflichtig. Daher können keine Zahlen zu Erkrankungen im Rems-Murr-Kreis gemacht werden. Malaria wird durch den Stich der Anopheles-Mücke übertragen, die vor allem rund um den Äquator vorkommt. Bei uns ist sie bislang nicht heimisch. Die vielen Reisen allerdings haben auch diese Mücke deutlich mobiler gemacht, als sie es war. Durch den Luftverkehr eingeschleppte Mücken lösen bisweilen die sogenannte Flughafen-Malaria aus. Hierbei sind alle Personen im direkten Umfeld von Flughäfen gefährdet, zum Beispiel Flughafenbedienstete oder Anwohner. Und Mücken reisen nicht nur mit dem Flugzeug. Sie nehmen auch gerne Lkw, die quer durch Europa fahren.

Hundemalaria

Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart warnt vor der Hundemalaria. Diese Erkrankung, offiziell Babesiose oder Piroplasmose genannt, sei ein „lebensgefährliches Mitbringsel aus Süd- und Süd-Ost-Europa“.

Die Erreger werden durch verschiedene Zeckenarten übertragen. Betroffen sind etwa Südfrankreich, Norditalien, Ungarn, Bulgarien, aber auch Österreich, die Schweiz, Holland und Polen.

Dr. Christine Süß-Dombrowski, Fachtierärztin am Veterinäruntersuchungsamt, stellt inzwischen auch eine Ausbreitung der Auwaldzecke, die ebenfalls Babesien überträgt, in Deutschland fest. „Vermutlich im Rahmen des Klimawandels.“ Daher, so ihr Schluss „besteht dort die konkrete Gefahr einer Einschleppung“ der Hundemalaria. Allerdings ist ihr bislang kein Tier bekannt, das sich eindeutig in Deutschland infiziert hat.

Die Erkrankung ist, wenn nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, tödlich.