Waiblingen

"Faktenkonfrontation": Was Peter Hölzle von Journalisten aus Moskau und Kiew hört

Journalist Peter Hölzle
Der Journalist Peter Hölzle aus Stuttgart. © Alexandra Palmizi

Peter Hölzle lebt in Stuttgart - doch als freier Journalist, der unter anderem für den Deutschlandfunk gearbeitet hat, hat er sich ein Netzwerk in vielen Ländern aufgebaut. Auch in Kiew und Moskau kennt er seit vielen Jahren Berufskollegen - und war mit ihnen auch nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine in Kontakt. Was er dabei am Telefon zu hören bekam, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Sein Bekannter in Moskau sei ein „strammer Putin-Mann“. Auch ohne das neue Gesetz, das Journalisten in Russland Worte wie „Invasion“ und Berichte über die Zahl der gefallenen Soldaten unter Androhung drakonischer Haftstrafen verbietet, wäre von ihm wohl die offizielle Version der „militärischen Spezialoperation“ zu hören. Und der Kollege in Kiew? „Der hockt im Bunker“, sagt Peter Hölzle. Einige Tage nach Beginn des russischen Angriffs habe er zuletzt mit ihm telefoniert, seitdem sei er mit seinen Anrufen nicht mehr durchgekommen.

"Ukrainer haben bewundernswerten Patriotismus"

Trotz der schon damals prekären Versorgungslage sei der ukrainische Journalist „der Überzeugung, dass viele Ukrainer ihr Leben in die Schanze schmeißen. Sie haben einen Patriotismus, der bewundernswert ist“, so Hölzle. Sein Bekannter, dessen Namen Hölzle zu dessen Schutz genauso wenig nennen will wie den des russischen Kollegen, habe gute Kontakte zum ukrainischen Militär. Von dort habe der Rundfunk-Journalist gehört: In Verhören hätten gefangene russische Soldaten, junge Leute aus Sibirien, angegeben, sie hätten keine Ahnung gehabt, dass sie in einen echten Krieg geschickt würden. Über solche Fälle haben verschiedene Medien berichtet - wobei natürlich nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich die Gefangenen unter Druck äußern.

Hölzle berichtet jedenfalls, dass sein Kollege in Kiew einerseits schon kurz nach Kriegsbeginn „sehr schwarz“ sah, was die kommenden Tage anging. Der Kreml, so der Ukrainer damals, werde versuchen, über Luftschläge möglichst viele zivile Opfer zu „erzeugen“, um den Widerstand zu brechen. Berichte über die verheerenden Angriffe auf Kultur- und Bildungsstätten in Mariupol, die zum Zufluchtsort geworden sind, scheinen diese Befürchtung zu bestätigen.

Andererseits, so Peter Hölzle, habe der ukrainische Journalist die Hoffnung geäußert, dass im April „eine Waffenruhe kommen könnte“. „Er sieht bei der russischen Seite eine gewisse Bewegung, weil die Opfer, die Russland zu beklagen hat, nicht zu unterschätzen sind“, sagt Hölzle.

„Knallharte Faktenkonfrontation“

Ob das so kommt, kann derzeit niemand sagen. Die russische Führung gibt sich öffentlich siegesgewiss. Und der Journalist aus Moskau, der laut Hölzle für einen staatlichen Sender arbeitet, sekundiert. Wie hält Hölzle das am Telefon aus? „Ich höre mir das an. Er kennt meine Meinung. Das ist knallharte Faktenkonfrontation.“ Auch das aus Hölzles Sicht „derartig absurde Argument“ Putins, die Ukraine müsse „entnazifiziert“ werden - obwohl deren Präsident Jude ist -, störe den Moskauer Medienmann nicht.

Wer in Russland kritisch berichtet, muss mit dem Schlimmsten rechnen. „Es ist entsetzlich, wie Putin sukzessive die Medien gleichschaltet“, so Peter Hölzle.

Sein ukrainischer Kontaktmann äußerte Hölzle zufolge auch Enttäuschung über mangelnde Unterstützung aus Deutschland. Die Rede, die Präsident Wolodymyr Selenskyj per Videoschalte im Deutschen Bundestag gehalten hat, würde der Journalist in Kiew, zu dem der Kontakt vorerst abgerissen ist, wohl sofort unterschreiben, meint Hölzle. Selenskyj hatte sich darin für die bisherige Hilfe bedankt, sie aber auch als viel zu gering kritisiert, vor allem im militärischen Bereich.

An die Adresse der deutschen Politik hatte der Präsident auch erinnert: „Wir haben uns immer wieder an euch gewandt und gesagt, diese Nord Streams, das alles ist eine Vorbereitung auf den Krieg.“

Hölzle: Deutschland hat sich mit Nord Stream innerhalb Europas isoliert

Die Pipelines für russisches Erdgas sieht auch der Stuttgarter Peter Hölzle seit Jahren kritisch, wie er sagt. „Ich habe nie verstanden, warum die deutsche Politik das so auf Teufel komm raus favorisiert hat.“ Deutschland habe sich damit innerhalb Europas ein Stück weit isoliert, findet der langjährige Beobachter. Auch die hiesige Presse habe das zu wenig thematisiert, anders als Journalisten in den Nachbarländern. „Ich habe intensive Kontakte in Frankreich, der Schweiz und Belgien - da waren so viele Animositäten gegen diese Pipelines. Von den Osteuropäern ganz zu schweigen.“

"Wir waren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sehr euphorisiert"

Konnten oder wollten wir nicht kommen sehen, was Putin möglicherweise schon länger im Schilde führte? „Wir wollten es nicht kommen sehen“, glaubt Hölzle, der 1941 geboren wurde, im Jahr des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. „Es gab eine Reihe von Indizien, die je nach Sensibilität ernsthafter oder weniger ernsthaft genommen worden sind. Wir waren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sehr euphorisiert und haben gedacht, es kommt ein goldenes Zeitalter“, so seine Erklärung.

„Aber man muss natürlich auch sehen: Putin hat zunächst einen guten Eindruck gemacht: Er kann gut Deutsch, hat die Männerfreundschaft mit Schröder kultiviert. Aus deutscher Perspektive ist da auch viel Vergangenheitsromantik eingeflossen, zum Beispiel wegen der preußisch-russischen Zusammenarbeit gegen Napoleon oder der dynastischen Verbindungen der deutschen Herrschaftshäuser mit den Zaren. Ich glaube schon, dass das unseren Blick getrübt hat.“ Und dazu seien dann die wirtschaftlichen „Verlockungen“ gekommen.

"Ich glaube schon, dass Putin Angst hat"

Was die Zukunft von Russlands Dauer-Machthaber angeht, meint Hölzle: „Ich glaube schon, dass Putin Angst hat.“ Davor, dass eine demokratische Entwicklung in Nachbarländern seine Macht gefährden könnte. Die geglückte Revolution der Ukrainer gegen Putins Kumpan Wiktor Janukowytsch, der sein Land Richtung Russland anstatt Richtung EU prügeln wollte, habe „eine gewisse Demokratieausstrahlung“ auch auf Russland gehabt, so Hölzle.

So erklärt er sich Putins Motivation, die Ukraine in Schutt und Asche zu legen - etwaige mündliche Zusagen des Westens in den neunziger Jahren, die Ukraine nicht in die Nato aufzunehmen, seien nur der Vorwand. „Da konstruiert Putin eine Legende, eine mündliche Äußerung wird zu einem sakrosankten Vertragswerk.“ Die Ukraine erscheint dabei als bloßer Spielball. Aber, so Hölzle: „Wie soll man einem Staat, der sich - gestützt auf eine breite Bevölkerungsmehrheit - demokratisiert, verwehren, dass er sich das Bündnis seiner Wahl sucht?“

Peter Hölzle lebt in Stuttgart - doch als freier Journalist, der unter anderem für den Deutschlandfunk gearbeitet hat, hat er sich ein Netzwerk in vielen Ländern aufgebaut. Auch in Kiew und Moskau kennt er seit vielen Jahren Berufskollegen - und war mit ihnen auch nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine in Kontakt. Was er dabei am Telefon zu hören bekam, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Sein Bekannter in Moskau sei ein „strammer Putin-Mann“. Auch ohne das neue

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper