Waiblingen

Faustschlag ins Gesicht: Parkplatz-Streit eskaliert

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Symbolbild. © Joachim Mogck

Waiblingen. In Saal 0.11 des Amtsgerichts giften sich die beiden Männer an: „Du hast mich geschlagen!“ ruft der eine. „Du bist ein ganz großer Lügner!“ entgegnet der andere. Richter Dautel glaubt am Ende dem vermeintlichen Lügner – der Schläger wird verurteilt.

Es herrscht dicke Luft im Verhandlungssaal, als die beiden Männer sich zoffen. Lebhaft kann sich jeder Zeuge dieser Verhandlung vorstellen, dass die Streithammel schon einmal aneinandergeraten sind. Auf der Anklagebank sitzt ein 43-jähriger gebürtiger Kosovare, der seit 22 Jahren in Deutschland lebt und mittlerweile deutscher Staatsbürger ist. Im Zeugenstand sitzt ein 55 Jahre alter Grieche, der ebenfalls vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen ist.

Der Deutsche soll den Griechen nach einem Parkplatz-Streit in Waiblingen mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Dafür wird er am Ende der circa einstündigen Verhandlung zu 40 Tagessätzen á 20 Euro verurteilt.

"Du bist ein ganz großer Lügner"

„Ich war wie benebelt“, sagt der 55-Jährige über den Moment nach dem Schlag, kurz bevor er die Polizei gerufen hat. „Du bist ein ganz großer Lügner“, ruft der Angeklagte, der sich keiner Schuld bewusst ist. Er will den Kontrahenten lediglich weggeschoben haben, als dieser ihm zu nahe gekommen sei.

Dass ein Arzt dem 55-Jährigen am nächsten Morgen eine starke Schwellung am Unterkiefer attestierte und ihn deshalb zur Kontrolle in ein MRT schickte, wo sich herausstellte, dass der Knochen nichts abbekommen hatte, halten der 43-Jährige und sein Verteidiger für Schwindel. Ein Indiz aus Sicht des Angeklagten, das aber zumindest während der Verhandlung nicht laut ausgesprochen wird, lautet: Auch der Herr Doktor ist griechischer Herkunft, die beiden stecken unter einer Decke. Zumal die Polizei am Vortag tatsächlich keine sichtbare Verletzung des 55-Jährigen feststellen konnte.

Die Staatsanwältin und Richter Dautel sehen jedoch keinen Grund, dem ärztlichen Attest keinen Glauben zu schenken. Und auch die Aussagen des Geschädigten halten sie für glaubhaft. „Ich habe keinen Zweifel, dass sich das so zugetragen hat“, sagt Richter Dautel bei der Urteilsverkündung und wirft dem Beschuldigten ein „erhebliches Maß an Rohheit vor“.

Immer wieder Leute zugeparkt

Der Grieche hatte zuvor geschildert, was sich an jenem Montagabend im Dezember ereignet hatte. Wie so oft war der Bediensteten-Parkplatz vor dem Gebäude, dass er in Teilzeit reinigt, belegt gewesen. Und wie so oft stellte er sich hinter den unbekannten Parksünder, parkte ihn also kurzerhand zu (das ist im Übrigen auch nicht erlaubt und unter bestimmten Umständen ebenfalls eine Straftat, war aber nicht Gegenstand der Verhandlung). Dann ging der Mann im Gebäude seiner Arbeit nach. Als der 43-Jährige gegen die Eingangstür hämmerte, weil er sein Auto wegfahren wollte, kam der 55-Jährige ins Freie, belehrte den Falschparker und wollte nach eigenen Angaben den Weg freimachen.

Doch der 43-Jährige sei aggressiv geworden, rief „Was guckst du!?“ und ließ mit seinen Schmähungen auch nicht locker, als der 55-Jährige ihm mit Polizei drohte. „Von mir aus kannst du tausend Polizei rufen“ (sic), soll der gebürtige Kosovare gerufen haben. Doch als der Grieche nun zum Telefon griff, sei der Fremde an ihn herangetreten und habe ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen.

Angeklagter: Faustschlag nur erfunden

In der Erzählung des Deutsch-Kosovaren ist freilich der um einige Zentimeter größere 55-Jährige der Aggressor: Erst provoziert er einen Streit, indem er das Auto zuparkt, dann steht er feixend am Fenster und beobachtet sein Opfer, schließlich kommt er ins Freie, bedrängt den armen Zugeparkten und droht mit Polizei und zeigt als Krönung auch noch einen Angriff an, der nie stattgefunden hat.

Diese Version setzt sich nicht durch. Ein wenig „Belastungseifer“ sei dem Geschädigten durchaus vorzuwerfen, gibt auch Richter Dautel zu. Dass dieser aber einen Faustschlag erfunden und angezeigt hat, um am Folgetag einen Arzt zu besuchen, der mit ihm unter einer Decke steckt und ihm eine deutliche Schwellung attestiert – unwahrscheinlich.