Waiblingen

Fleischereien in der Kritik - was sagt die Metzgerei Kübler in Waiblingen dazu?

Metzgerei Kübler
Philipp Kübler mit einem Mitarbeiter in der Verpackungsabteilung. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Fleischindustrie steht in der Kritik – wieder einmal. Diesmal geht es weniger um Massentierhaltung oder um das Töten von Tieren an sich, sondern um die Arbeitsbedingungen ausländischer Billigarbeiter. Mehr als 200 Rumänen haben sich allein in einem Schlachthof in Birkenfeld bei Pforzheim mit dem Coronavirus angesteckt. Fleischverarbeitende Betriebe erweisen sich als Infektionsherde, nicht nur in Deutschland, international. Und in Waiblingen? Die Großmetzgerei Kübler hat allein am Standort im Gewerbegebiet Ameisenbühl rund 140 Mitarbeiter verschiedenster Nationalitäten. Zehn bis 20 Tonnen rohes Fleisch werden täglich angeliefert und veredelt. Himmelweit entfernt von den Riesen der Branche, die Milliarden umsetzen, aber auch weit mehr als eine kleine Landmetzgerei.

Als handelte es sich um das Vereinsheim des VfB Stuttgart, dominieren von der Fassade über die Produktion bis hinauf zur Verwaltung die Farben Weiß und Rot. Am Ende des Ganges hat Geschäftsführer Philipp Kübler sein protzloses Büro, wo sein Meisterbrief an der Wand hängt. Der Chef wirkt ganz anders, als man den Boss einer Großmetzgerei zeichnen würde, ist erst 25 Jahre jung, ein lässiger Typ in modischen Cropped-Jeans. Unterm Schreibtisch liegt ein Paar edle Schuhe für wichtige Anlässe. In der fünften Generation führt er das Familienunternehmen. Er weiß, wie es zugeht in den Schlachthöfen – und in den Arbeiterunterkünften. Zwölf bis 14 Leute in einer Vier-Zimmer-Wohnung, geschlafen wird auf Matratzenlagern, es wird getrunken, geraucht – es ist ein Chaos. „Sie leben wie ganz, ganz arme Menschen.“

Immobilienfirma vermittelt Unterkünfte für Arbeiter

Und das sind sie auch, denn von den 3000 Euro brutto, die sie verdienen, bleibt ihnen selbst nicht viel. 800 Euro Miete werden ihnen für so erbärmliche Unterkünfte abgezogen, 500 Euro für Verpflegung, dann noch Fahrtgeld. Am Ende bleiben vielleicht etwas mehr als 1000 Euro, die sie in ihre Heimatländer schicken. Das ist die Normalität in einer Branche, in der die Discounter ständig an der Preisschraube drehen, um beim Kunden mit Billigware zu punkten. Diese Zustände hätten längst zum Skandal getaugt, doch erst wegen der Corona-Masseninfektionen sieht die Bundesregierung Handlungsbedarf und will die Werkverträge, mit denen die Arbeiter beschäftigt werden, abschaffen. Dass sie das tun will, hält Philipp Kübler für richtig, jedoch fragt er sich, warum jetzt nur die Fleischindustrie am Pranger steht. Andere Branchen, sagt er mit Blick auf Unterkünfte für Erntehelfer, machten es nicht besser.

Bei Kübler wird nicht geschlachtet, der eigene Zerlegebetrieb in der Nachbarschaft wurde verkauft. 2018 hat die Großmetzgerei alle Werkverträge abgeschafft. Philipp Küblers Ziel damals: „Nullkommanull Euro“ sollten in der Bilanz für firmenfremdes Personal stehen. Das wurde geschafft, inzwischen haben alle richtige Verträge. Die überwiegende Mehrheit der Arbeiter wohnt in eigenen Wohnungen. Der Teil, der auf dem Markt nicht fündig wird, bekommt eine möblierte Bleibe zur Verfügung gestellt. Ein eigenes Zimmer mit Kühlschrank, Schreibtisch, Telefon und WLAN sei das Minimum, sagt Kübler. Sie könnten Fernseher mieten und ihre Wäsche zur Reinigung abgeben. Möglich wird das über eine eigene Immobilienfirma, die auch an Studenten oder Ingenieure vermittelt.

Betriebsinterne Corona-Maßnahmen

Betriebsintern wurden zum Schutz vor dem Virus die Bereiche getrennt, so dürfen Fahrer nicht mehr in den Betrieb und Verkaufspersonal muss in den Verkaufsräumen bleiben. In der Produktion wurden bestimmte Übergabeabschnitte eingerichtet. Schon vor der Pandemie war das Betreten der Produktion nur in Vollschutzkleidung und nach Durchqueren einer Hygieneschleuse gestattet.

Kostet das Kilo Schweinehals 4,99 Euro oder wie bei Kübler 6,90 oder auch mal im Angebot 5,90? Das ist nach Meinung des Jungunternehmers der Preisunterschied, der durch unfaire auf der einen oder faire Arbeitsbedingungen auf der anderen entsteht. In den Discountern sei Fleisch viel zu billig, sagt er. Er selbst beliefert außer den eigenen vier Verkaufsfilialen Gastronomie, Firmen sowie ausgewählte Supermärkte in der Region und versucht verstärkt, im Online-Geschäft Gas zu geben. Qualität spiele dabei eine wichtige Rolle: „Ich will auf jedes Stück Fleisch stolz sein können.“ Seit neuestem verkauft die Metzgerei Veganwurst rein auf Gemüsebasis, etwa 1000 Kilo pro Monat.

Preiskampf und Konzentration der Schlachthöfe haben fast nur noch Großbetriebe übrig gelassen. Dort kauft auch die Waiblinger Metzgerei ein, etwa bei Westfleisch, Ulmer Fleisch und Vion. Unternehmen, in denen Arbeiter ganz andere Arbeitsbedingungen vorfinden als im Ameisenbühl. „Es ist traurig, aber wahr“, sagt Philip Kübler, „aber bei diesen Mengen gibt es gar keine Alternative.“

Die Fleischindustrie steht in der Kritik – wieder einmal. Diesmal geht es weniger um Massentierhaltung oder um das Töten von Tieren an sich, sondern um die Arbeitsbedingungen ausländischer Billigarbeiter. Mehr als 200 Rumänen haben sich allein in einem Schlachthof in Birkenfeld bei Pforzheim mit dem Coronavirus angesteckt. Fleischverarbeitende Betriebe erweisen sich als Infektionsherde, nicht nur in Deutschland, international. Und in Waiblingen? Die Großmetzgerei Kübler hat allein am

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper