Waiblingen

Forstarbeiter im Stadtwald: Klimawandel auch in Waiblingen spürbar

Stadtwald
Ein Koloss von Tanne im Sturz: Mathias Bilger, Karl Brust und Stanislaw Simonitsch bei der Arbeit. © Alexandra Palmizi

Reif bedeckt das Bodenlaub. In den vereinzelten Pfützen am Wegesrand schwebt eine hauchdünne Eisschicht. Die Forstarbeiter im Waiblinger Stadtwald sind härtere Winter gewohnt. Bei bis zu minus 20 Grad oder bei Schnee haben sie schon draußen gearbeitet. Wenn’s aus Sicherheitsgründen gar nicht mehr ging, gingen sie aufs Arbeitsamt zum Stempeln. Heute gießt die Sonne goldenes Licht zwischen die Baumwipfel. Eine stolze Tanne soll fallen, „bevor der Käfer sie wieder frisst“. Fünf Festmeter gutes Holz verspricht sich die Mannschaft um Förster Andreas Münz. Mit sicherer Hand schneidet Mathias Bilger mit der Motorsäge die Fallkerbe in den Stamm, welche über die Richtung des Sturzes entscheidet. Dann ein Bratzeln von berstendem Holz, ein Rauschen stürzender Äste und Zweige, ein dumpfer Schlag – für einen Sekundenbruchteil beben die Hänge am Gundelsbach, als der Baum auf dem anderen Ufer landet.

Der Borkenkäfer hat endlich nicht mehr so gewütet

Wie es um den Waiblinger Stadtwald in Zeiten des Klimawandels bestellt ist, sieht man vielleicht am deutlichsten am „Beinsteiner Seele“. Die Quelle dort schüttet derzeit selbst im Winter nur recht spärlich ihr Wasser. Wäre das Wasserrad nicht jahreszeitlich bedingt sowieso abmontiert, es würde sich kaum drehen. Das Jahr 2021 zählte mit 9,1 Grad Celsius Durchschnittstemperatur zu den zehn wärmsten Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 – welche sämtlich nach der Jahrtausendwende waren. Gefühlt handelte es sich um ein regenreiches Jahr, der verregnete Sommer bleibt unvergessen. Tatsächlich aber blieb die gemessene Niederschlagsmenge unterdurchschnittlich, denn von September bis Dezember fiel kaum noch Regen.

Plötzlich Holzknappheit

Trotzdem hat sich der Waiblinger Stadtwald im Lauf des Jahres 2021 einigermaßen erholen können, berichtet Revierförster Andreas Münz. Von Stürmen blieb der Forst verschont, und auch der Borkenkäfer hat weitaus weniger gewütet als in den Jahren zuvor, weil es bis zum Sommer keine längeren Trockenperioden gab. 235 Festmeter Borkenkäferholz fielen an – im Jahr 2020 waren es 410 und 2019 sogar 835. Auch auf der Ebene des Landes Baden-Württemberg betrachtet, blieben allzu große Schäden aus. Es kam also weniger Schadholz auf den Markt - und im Sommer kam es zu einer unerwarteten Holzknappheit. Zumindest kurzfristig wurden im August für frisches Fichtenholz Rekordpreise gezahlt. Im Herbst fielen die Preise wieder auf etwa 100 Euro pro Festmeter. „Das ist etwa das Niveau vor den Dürrejahren“, sagt Andreas Münz, „nach längerer Zeit wurden für das Holz wieder gute Preise bezahlt.“ Die Preissprünge aber, die etwa in der Baubranche zu spüren waren, könnten nicht nur aus der Forstwirtschaft resultieren, denn die Verkaufserlöse hatten lediglich um etwa 20 Prozent zugelegt.

Biotop für Gelbbauchunken

Durch die Dürre der vergangenen Jahre sind Waldbewohner wie zum Beispiel die Gelbbauchunke in Bedrängnis geraten. In einer Wegkurve oberhalb des Gundelsbacher Tals wurden Pfützen vertieft und als eine Art kleines Biotop ausgehoben. Sie wurden von Amphibien schon zuvor gerne genutzt, wobei die Tiere bei Trockenheit Gefahr liefen, zu verenden. Diese Gefahr besteht nun nicht mehr, und nach Beobachtung des Försters nehmen die Unken die Tümpel durchaus an. Nachträglich musste entlang des Weges noch ein Zaun angebracht werden, denn Radfahrer hatten die Tümpel als Einladung, ihre Fahrräder darin zu waschen, fehlinterpretiert.

Rotbuche ist Baum des Jahres

Nicht nur in der Baubranche wird Holz nachgefragt. Das Interesse von Privatkunden an Brennholz ist weiter hoch. Andreas Münz sieht die Ursachen dafür in den hohen Heizölpreisen und der langen Heizperiode im Winter 2020/21.

Derzeit laufen Vorbereitungen für die „Forsteinrichtung“ im Jahr 2023, bei welcher der Baumbestand genau erfasst wird. Sie soll unter anderem sicherstellen, dass langfristig nicht mehr Holz geerntet wird als nachwächst. Zum Baum des Jahres 2022 wurde die Rotbuche gewählt, die im Waiblinger Stadtwald mit einem Anteil von mehr als einem Drittel stark vertreten ist. Vor allem ältere Exemplare haben in den Trockenjahren 2018 bis 2020 gelitten.

Reif bedeckt das Bodenlaub. In den vereinzelten Pfützen am Wegesrand schwebt eine hauchdünne Eisschicht. Die Forstarbeiter im Waiblinger Stadtwald sind härtere Winter gewohnt. Bei bis zu minus 20 Grad oder bei Schnee haben sie schon draußen gearbeitet. Wenn’s aus Sicherheitsgründen gar nicht mehr ging, gingen sie aufs Arbeitsamt zum Stempeln. Heute gießt die Sonne goldenes Licht zwischen die Baumwipfel. Eine stolze Tanne soll fallen, „bevor der Käfer sie wieder frisst“. Fünf Festmeter gutes

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