Waiblingen

Frisch desinfiziert zum Einkaufen

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Der Inhaber des Remstalmarktes Mack, Rocco Capurso, hat einen Desinfektionstuchspender angeschafft. © Palmizi / ZVW
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Hygiene im Supermarkt
Mit den Tüchern lassen sich die Hände reinigen – oder die Griffe der Einkaufswagen. © Alexandra Palmizi
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Weinstadt. Sie lauern überall: Keime, Bakterien und Schimmelpilze. Besonders dort, wo täglich viele Menschenhände hingreifen. Der Betreiber des Remstalmarktes Mack hat den Keimen nun den Kampf angesagt – mit einem Desinfektionstuch-Spender neben den Einkaufswagen.

Was im Ausland schon vielerorts gang und gäbe ist, hat jetzt auch das Remstal erreicht: eine Handdesinfektion im Supermarkt. Genauer gesagt, vor dem Remstalmarkt in Endersbach. Denn dort steht seit einigen Monaten eine rote Säule neben den Einkaufswagen. Aus dieser können Kunden Desinfektionstücher ziehen, um damit ihre Hände oder den Griff des Einkaufswagens zu reinigen – oder gleich beides.

Vielfacher Kundenwunsch wurde erfüllt

Der Eigentümer des Marktes, Rocco Capurso, will damit Krankheitserregern den Garaus machen. Aber auch außerhalb der Erkältungssaison sei Hygiene im Lebensmittelhandel das A und O, sagt er. Gesehen hat Capurso solch eine Desinfektionsstation zum ersten Mal in Italien, in einem großen Supermarkt in Turin. Außerdem habe er damit einen vielfachen Kundenwunsch erfüllt, wie der Ladenbesitzer sagt. „Meine Kunden sind viel im Ausland unterwegs, die haben das woanders gesehen und wollten es auch haben.“

In Deutschland nicht zu haben: Hygiene-Tücher im Spender

Was in der Theorie gut und einfach klang, war in der Praxis gar nicht so leicht, berichtet Capurso. Denn auf dem deutschen Hygiene-Markt waren solche Tücher für den Einzelhandel damals noch gar nicht erhältlich. Gemeinsam mit seinem Hygiene-Lieferanten machte der Lebensmittelhändler sich auf die Suche und wurde in Großbritannien fündig: alkoholfreie Tücher mit Citrusduft, die 99,9 Prozent aller Keime abtöten. Einen passenden Spender ließ er eigens produzieren. Lohnt sich der ganze Aufwand denn?

Angebot wird gut angenommen

„Anfangs war die Säule nicht richtig beschriftet und die Kunden wussten nicht so wirklich was damit anzufangen“, berichtet Capurso. Aber das sei inzwischen nachgebessert und der Hygiene-Spender vor dem Markt nicht mehr wegzudenken.

An die 1000 Tücher würden jede Woche gebraucht, sagt der Ladeninhaber. Daran merke er, dass sein Angebot angenommen werde. Künftig will er vielleicht sogar selbst Desinfektionstücher herstellen – und zwar biologisch abbaubare. Der Absatzmarkt, davon ist Capurso überzeugt, ist da.


Katharina Thiem ist die Leiterin des Hygienemanagements der Rems-Murr-Kliniken. Die Expertin weiß: Händewaschen ist häufig sinnvoller als Desinfizieren.

Frau Thiem, wir sprechen immer viel von Hygiene. Was ist das eigentlich genau?

Man könnte Hygiene als Reinigung beschreiben, als Entfernung von Schmutz und nicht sichtbaren Bakterien. Allerdings will man auch nicht alle Bakterien entfernen, manche brauchen wir.

Es gibt also gewissermaßen gute und schlechte Keime?

Das ist schwierig zu sagen. Es gibt Keime, die braucht der Mensch zum Leben. Jeder von uns trägt etwa ein bis anderthalb Kilogramm Bakterien an und in sich herum. Für unsere Verdauung brauchen wir beispielsweise Darmbakterien. Und auch auf unserer Haut leben jede Menge Bakterien, die Schutz bieten. Allerdings können genau diese eigenen Bakterien bei offenen Wunden auch zu Infektionen führen, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Dann gibt es natürlich auch noch multiresistente Keime, die wollen wir nicht, aber wir haben sie uns selbst gezüchtet, durch enorm hohe Antibiotikagaben. Und nun bekommen wir sie nur sehr schwer los.

Was genau sind denn diese vielbesagten multiresistenten Keime?

Das sind Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Sie müssen nicht zwangsläufig krank machen. Nehmen wir als Beispiel den sogenannten Krankenhauskeim MRSA. Den kann ich auf mir haben, ohne selbst krank zu werden. Und die Besiedelung kann wieder weggehen, ohne dass ich jemals Probleme damit hatte. Wenn diese Keime aber eine Eintrittsstelle in den Körper finden, dann können sie Infektionen auslösen.

Wie wichtig ist Hygiene im Alltag? Sollte ich mir regelmäßig die Hände desinfizieren und beim Putzen Desinfektionsmittel verwenden?

Hier in der Klinik haben wir natürlich strenge Vorgaben, da ist das sinnvoll. Aber zu Hause macht es keinen Sinn. Wer keine kranken, immungeschwächten Menschen zu Hause hat, dem genügt eine gute Reinigungskultur. Es reicht also völlig aus, regelmäßig zu putzen. Ein Desinfektionsmittel ist da nicht notwendig.

Und wie sieht es beim Einkaufen aus?

Nach dem Einkaufen sollte man sich die Hände waschen, das genügt. Desinfektionsmittel erwischen vielleicht 99,9 Prozent der Keime, aber zum Beispiel keine Viren oder Sporen. Da ist es sinnvoller, sich richtig die Hände zu waschen.

Händewaschen genügt also – und wie geht das nun richtig?

Man sollte mit Wasser und Seife waschen, mindestens 30 Sekunden lang die Seife auf den Händen verteilen, dabei auch an die Fingerzwischenräume denken. Dann gründlich abwaschen, ob mit warmem oder kaltem Wasser macht keinen Unterschied, und abtrocknen. Wer besonders gut auf seine Hände aufpassen will, der cremt sie danach ein, denn das Waschen trocknet natürlich aus. Da sind Desinfektionsmittel oft hautfreundlicher – allerdings nützen die auch nur dann wirklich, wenn man sie richtig anwendet. Wie beim Händewaschen gilt hier nämlich, mindestens 30 Sekunden lang und in allen Zwischenräumen. Sonst kann man es auch lassen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Das ist im Lebensmittelmarkt wichtig

Verschiedene Laboruntersuchungen haben ergeben, dass besonders Einkaufswagen, Pfandautomaten und Backstationen mit Keimen, Bakterien und Schimmelpilzen belastet sind – die Orte eben, an denen viele Menschen mit ihren Händen zugange sind. „Bei uns gibt es daher keine Selbstbedienungsstationen“, sagt Rocco Capurso, Inhaber des Remstalmarktes Mack in Endersbach. Selbst in der Obst- und Gemüseabteilung werden „kritische Sachen“, wie Capurso sie nennt, von einem Mitarbeiter für die Kunden abgepackt und gewogen.

Außerdem wird die Temperatur in den Kühltruhen und -regalen streng überwacht. „Unsere festen Kühltruhen sind an ein automatisches Warnsystem angeschlossen. Selbst wenn da mitten in der Nacht etwas ausfällt, bekommen wir eine Meldung“, erklärt Capurso. Die Temperatur der anderen Kühlregale wird stündlich per Hand gemessen und dokumentiert.

In der Fleischabteilung legt Capurso besonderen Wert darauf, dass Geflügel und andere Fleischsorten nicht auf einer Platte geschnitten werden. Der Grund: Insbesondere rohes Geflügelfleisch kann mit Krankheitserregern belastet sein.

Mitarbeiter, die sich mit einer Erkältung zur Arbeit schleppen, schickt Capurso gleich wieder heim: „Das Risiko ist hier im Lebensmittelmarkt einfach zu groß, da beschäftige ich lieber ein paar Mitarbeiter mehr, damit wir so etwas auffangen können“, betont der Ladenbesitzer.

Mehr Informationen rund um die Handdesinfektion gibt es im Internet unter www.aktion-sauberehaende.de