Waiblingen

Fuchsbandwurm: Taugt Jagd zur Bekämpfung?

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Auf der Suche nach Mäusen: Ein Fuchs sucht Nahrung. Mäuse sind im Übrigen der Zwischenwirt des Fuchsbandwurms. Sie nehmen die Eier auf, in ihnen bilden sich die Larven, die dann der Fuchs wieder mit der erjagten Maus aufnimmt. © Ramona Adolf

Waiblingen. Die Redaktion könnt’ ein Lied singen: „Alle Jahre wieder . . .“ passiert es: Die Jagdsaison naht, die Jäger sind auf der Pirsch, die Tierschützer machen mobil. „Schon wieder die“, denken vermutlich die einen, „die schon wieder“ die anderen. Dieses Jahr ist der Aufhänger im Disput um die Fuchsjagd der Fuchsbandwurm.

Zugegeben: Den Disput begonnen hat die Pressemitteilung des Vereins Wildtierschutz Deutschland. Aber deren steile Thesen schreien nach Diskussion und Gegenargumenten. Die liefern auf Anfrage die Kreisjäger, die für Februar die nächste große Fuchsjagd angesetzt haben. Die Redaktion sieht sich nicht in der Lage, den Schiedsrichter zu spielen. Wer hat recht? „Nobody knows“ heißt’s, um noch ein Lied zu zitieren – keiner weiß es. Weil aber der Fuchsbandwurm doch ein interessantes Thema ist, versuchen wir jetzt mal, die Argumente auseinanderzukuddeln. Wir haben auf der einen Seite also die Pressemitteilung des Vereins Wildtierschutz Deutschland. Auf der anderen Seite die Ansicht der Kreisjägerschaft, vertreten durch Pressesprecher Jan Lennart Loeffler. Und neutral mitten drin befindet sich Thomas Romig, Biologe an der Universität Hohenheim und Spezialist für Parasiten. Da manche Passagen in der Argumentation den Rahmen eines Artikels sprengen würden, sind die Thesen aller zusammengefasst. Wörtliche Zitate sind, wie üblich, mit Anführungsstrichen gekennzeichnet.

Verein Wildtierschutz: Die Fuchsjagd verringert das Risiko, sich mit Fuchsbandwurmeiern zu infizieren, nicht, sondern lässt es sogar ansteigen. Denn eine stärkere Bejagung führt zu höheren Geburtenraten und damit zu mehr Jungfüchsen. Junge Füchse aber sind besonders stark befallen.

Kreisjäger: „Dass die Jagd generell zu höheren Geburtenraten führt, stimmt so nicht. Hier sind andere Faktoren wie das Nahrungsangebot entscheidend.“ Der Fuchs kann in unserer Kulturlandschaft in unnatürlich hohen Beständen vorkommen, da einerseits keine Regulierung mehr durch natürliche Feinde stattfindet und ihm andererseits als Kulturfolger ein breites Nahrungsangebot zur Verfügung steht. Würde nicht mehr gejagt, würde sich die Population vermutlich zunächst stark vermehren. Daraufhin könnten sich Krankheiten wie Räude und Staupe ausbreiten. „Eine Regulierung der Fuchspopulation nur durch Seuchen und eventuell noch den Straßenverkehr entspricht auch nicht gerade dem Tierschutzgedanken.“

Thomas Romig: Der Fuchsbestand und damit die Durchseuchung mit Fuchsbandwürmern verharrt seit Jahren auf hohem Niveau. Die Anzahl der Füchse nahm in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts drastisch zu. Denn man hatte es geschafft, die Tollwut auszurotten. In den vergangenen Jahren machten Räude und Staupe wieder einigen Füchsen den Garaus. Rund 40 Prozent der Füchse sind Bandwurmträger. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass Jagd in der aktuell betriebenen Form einen nennenswerten Einfluss auf die Fuchs- und damit auch die Bandwurmhäufigkeit hat.“

Wildtierschutz: Die durch die Bejagung so zahlreichen Jungfüchse suchen sich im Herbst ein eigenes Revier und tragen so den Bandwurm vermehrt nach außen.

Kreisjäger: „Ohne Jungfüchse keine Arterhaltung. Auch Füchse müssen für Nachwuchs sorgen, der sich nun mal ein Revier sucht.“

Romig: „Man kann ja auch argumentieren, dass ohne Jagd die Anzahl der Jungfüchse, die weiterwandern und den Bandwurm verschleppen, steigt. Ich halte nichts davon, über Dinge zu diskutieren, die nicht wirklich zu belegen sind.“ Die starke Verbreitung des Fuchses hat vor über 20 Jahren stattgefunden und hatte wenig mit der Jagd zu tun, sondern mit anderen Faktoren, zum Beispiel dem Wegfall der Tollwut.

Wildtierschutz: Die einzige Möglichkeit, den Fuchsbandwurm in den Griff zu bekommen, ist die großflächige Entwurmung.

Kreisjäger: Die Kontrolle der Population durch die Jagd kann helfen, die Verbreitung einzudämmen. Warum hier nicht mit Entwurmungsködern gearbeitet wird, kann aus Sicht der Jäger nicht beantwortet werden. Das ist eine behördliche Aufgabe. In Bayern wird in einem Kreis entwurmt. Dort werden die Kosten von den Gemeinden getragen. Die Jäger hier im Kreis würden natürlich helfen und solch eine Aktion unterstützen. Doch nach Informationen des Landesjagdverbandes wurden in Baden-Württemberg seit 15 Jahren keine Entwurmungsaktionen mehr durchgeführt.

Wildtierschutz: Eine Erkrankung des Menschen ist extrem unwahrscheinlich. Man kann sich außerdem mit einfachen Mitteln schützen. Vor allem muss man Hund und Katze entwurmen, denn die können auch infiziert sein. „Experten gehen davon aus, dass der weitaus größte Teil der Infektionen auf das Konto unzureichend entwurmter Heimtiere geht.“ Waldbeeren dagegen sind als Infektionsquelle unbedeutend. Wichtig ist: nach Tierkontakt und Gartenarbeit: Händewaschen

Kreisjäger: Stimmt, wenn man diese Mittel auch konsequent anwendet. Bei Nahrungsmitteln kann man das Risiko durch Waschen oder Kochen stark reduzieren. Eine regelmäßige Entwurmung der Haustiere sollte unabhängig vom Fuchsbandwurm Standard sein.

Romig: „Dass die meisten Fuchsbandwurmeier von Hund und Katz ausgeschieden werden, ist falsch.“ Katzen sind schlechte Wirte für den Fuchsbandwurm. Der Hund dagegen ist ähnlich wie der Fuchs hochempfänglich, wenn auch die Durchseuchungsrate auf unter 0,1 Prozent geschätzt wird. Bei der großen Anzahl von Hunden in Deutschland kann das trotzdem viel sein. „Dass man sich mit einfachen Mitteln schützen kann, wüsste ich nicht, da es keine sicheren Erkenntnisse zum konkreten Infektionsweg gibt. Waldbeeren sind wohl keine relevante Infektionsquelle. Letztlich bleiben nur Ratschläge zur allgemeinen Hygiene, die zumindest nicht schadet.“ Also: Hände waschen, Salat waschen. Erhitzen auf über 60 Grad ist okay, „erzielt aber bei Salat oder Erdbeeren kulinarisch unbefriedigende Ergebnisse. Hier empfehle ich eine gewisse Freude am vernachlässigbar kleinen Risiko.“ Aufgrund der geringen Zahl von Patienten kann nur der Schluss folgen, dass der Mensch weitgehend resistent gegen die Krankheit ist. Warum einige Personen trotzdem erkranken, ist unbekannt.

Wildtier: „Den Fuchsbandwurm zu instrumentalisieren, um die Fuchsjagd zu rechtfertigen, ist daher schlichtweg zynisch und gefährdet im schlimmsten Fall sogar Menschenleben.“

Romig: Der Fuchsbandwurm taugt weder als Argument der Jagdfreunde noch der Jagdgegner. Ausnahme: „Füchse werden so intensiv bejagt, dass die Population tatsächlich einbricht. Das ist von privaten Jägern aber nicht zu leisten, vom Staat nicht zu finanzieren und gesellschaftlich gegenwärtig nicht akzeptabel. Im Übrigen würden Luchs und Wolf die Füchse viel intensiver bejagen, als der Mensch es je könnte.“ Die aber werden ja auch nicht von allen gern gesehen.

Die Fuchspopulation

Im Jagdjahr 2014/2015, das von April bis März geht, haben die Kreisjäger im Rems-Murr-Kreis insgesamt 1996 Füchse erlegt. Die Zahlen für 2015/2016 gibt es erst im April.

In den 1990er Jahren stieg die Anzahl der Füchse um das Drei- bis Vierfache. Die Tollwut sorgte nicht mehr für den Tod der Tiere.

In den vergangenen Jahren ging die hohe Zahl der Füchse leicht zurück; Räude und Staupe töten die Tiere.