Waiblingen

Gaffer: Die Lust am Leid des anderen

Gaffer
Das Bild ist in Sachsen-Anhalt nach einem Unfall auf einer Autobahn entstanden. © Jan Woitas / dpa

Waiblingen. Es graut ihnen vor nichts. Sie filmen an Unfallorten Tote in zerstörten Autos, klettern auf Rampen von Rettungswagen und starren ins Innere, schieben ihre Kinder in Reihe eins. Einsatzkräfte haben es zu Zeiten, da jeder mit dem Handy filmt und fotografiert, mit weitaus mehr und weitaus frecheren Schaulustigen zu tun als früher.

„Es hat gewaltig zugenommen“, sagt Thomas Behringer, Leiter des Rettungsdienstes beim Roten Kreuz Rems-Murr. Zwischenzeitlich gehört es zur Ausbildung eines Rettungssanitäters, den Umgang mit Gaffern zu lernen. Es werden eigens Schauspieler engagiert, die als renitente Gaffer auftreten. Angehende Sanitäter trainieren unter anderem, sich trotz der Störenfriede voll und ganz auf den Patienten zu konzentrieren.

Besondere Schwierigkeiten bereiten jene, die sich durch nichts und niemand von ihrem Tun abhalten lassen wollen. Thomas Behringer erlebt es immer wieder, dass sich Gaffer ihrerseits noch beschweren, wenn Leute vom Rettungsdienst nachdrücklich bitten, doch zur Seite zu gehen. Rot-Kreuz-Mitarbeiter seien „unverschämt und frech“ gewesen, bekommt Thomas Behringer dann tags drauf zu hören. „Wir sind gottfroh, wenn die Polizei kommt“, sagt der Rettungsdienstleiter. „Die Polizei hält uns den Rücken frei.“

Es ist strafbar, Verletzte in Notlagen zu filmen

Polizeibeamte können beispielsweise einen Platzverweis aussprechen. „Manche waren so borniert und beharrten auf ihr Recht zu gaffen, dass ihnen ein Platzverweis unmittelbar bevorstand, ehe sie sich entfernten“, schrieb die Polizeidirektion Aalen Mitte Januar auf Facebook nach einem tödlichen Unfall auf der B 29 bei Lorch. Eine Geisterfahrerin war dort unterwegs gewesen. Zwei Menschen starben, ein junger Mann erlitt schwere Verletzungen (wir haben berichtet). Von einer Brücke aus filmten und fotografierten zahlreiche Schaulustige.

Ohne solch eine Bühne treten einige von ihnen noch viel näher ans Geschehen heran. Thomas Behringer hat schon Schaulustige erlebt, die aufs Trittbrett des Rettungswagens gestiegen sind, um besser ins Innere schauen zu können. In einem weiteren Fall waren Videos von einem Kind, das nach einem Unfall in Lebensgefahr schwebte, bereits auf Youtube veröffentlicht, als Sanitäter noch im Rettungshubschrauber um sein Leben kämpften.

Wer Verletzte in Notlagen filmt, macht sich strafbar, so Polizeisprecher Bernhard Kohn. Fragt sich nur, wer den Beweis führt. Am Rande des tödlichen Unfalls auf der B 29 „hatten Einsatzkräfte nicht die Kapazitäten, dies beweiskräftig zu verfolgen“.

Je mehr Menschen, desto weniger Helfer

Es sind nicht alle gleich. Rettungskräfte erleben es auch, dass Menschen aktiv fragen, ob sie helfen können. „Aber das sind ganz wenige“, erzählt Thomas Behringer. Je mehr Menschen um einen Unfallort herumstehen, desto geringer ist offenbar die Chance, dass jemand hilft: Jeder denkt, es könnte ja jemand anderes einspringen, so erklärt Prof. Dr. Harald Fiedler von der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen das Phänomen (siehe Interview unten).

Ein Schaulustiger bleibt selten allein. Der Wissenschaftler und Autor Dr. Alexander Grau schreibt in seiner Veröffentlichung „Schrecken, Sensation und Schaulust“, „erst die Gruppe ermöglicht den Gaffer“: „Das Gruppenerlebnis macht das Gesehene erst wirklich interessant und macht es überhaupt erträglich. Damit schiebt sich die Gemeinschaft der Gaffer vor das Schicksal der oder des Opfer(s)“.

Eltern drängeln sich vor, damit ihre Kinder mehr sehen

Das könnte eine Erklärung dafür sein, weshalb Menschen, von Rettungssanitätern zum Beiseitegehen aufgefordert, lachend stehen bleiben. Genau das erleben Einsatzkräfte, erzählt Thomas Behringer. „Krass“ nennt er das Verhalten von Eltern, die sich bis ganz nach vorn durchdrängeln, um ihren Kindern freien Blick aufs Geschehen zu ermöglichen.

Solches Verhalten ist nicht neu. „Die Lust am Betrachten des Schrecklichen scheint ein fest in der menschlichen Psyche verankertes Bedürfnis zu sein“, schreibt Alexander Grau. Er beschreibt die bestialische Hinrichtung Robert-Francois Damiens’, der im Jahr 1757 ein Attentat auf Ludwig XV. verübt hatte, das allerdings misslang. Der Assistent des Scharfrichters berichtete von Menschenmengen, wie er sie nie zuvor gesehen hatte; „auf dem ganzen Platz gab es kein Fenster, das nicht dicht mit Neugierigen besetzt gewesen wäre“.

Heute befriedigen auch die Medien solche offenbar tief verwurzelten Bedürfnisse. Sensationslüsterne Berichterstattung in Medien enthemmt die Neugierinstinkte der Zuschauer – in diesem Sinne zitierte der Spiegel bereits vor knapp 20 Jahren den Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky. Dieser verurteilt Gaffer nicht, er wirbt sogar um Verständnis. Interessiertes Stieren sei nicht grundsätzlich schlecht; Spiegel-Zitat: „Ein Blick zwischen Opfer und Zuschauer kann Menschen zu Schicksalsgefährten werden lassen.“


Waiblingen. Was löst diesen Drang im Menschen aus, bei Unfällen oder wenn’s brennt wie gebannt zuzuschauen? Prof. Dr. Harald Fiedler, Fachgruppenleiter Psychologie an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen, gibt Antworten:

Welche Beweggründe bringen Menschen dazu, bei Unfällen, Bränden oder dergleichen untätig und möglichst weit vorne auf das Geschehen zu starren?

Zunächst muss man festhalten, dass das spontane Bedürfnis, bei außergewöhnlichen, seltenen oder reizstarken Vorkommnissen zuzuschauen, in allen Kulturen, Alters-, Geschlechts- und Bildungsgruppen gleichermaßen ausgeprägt ist. Es ist sozusagen völlig normal zu gaffen. Wir sehen das an Kindern, die erfahrungsgemäß die unbefangensten Gaffer sind. Wenn man erwachsene Gaffer nach ihren Motiven fragt, können es die allermeisten gar nicht erklären oder in Worte fassen. Das spricht für eine tief verwurzelte, wahrscheinlich sogar genetische Ursache. „Gaffen“ verspricht einen evolutionsbiologischen Vorteil, indem es die eigenen Überlebenschancen erhöht. Durch Zuschauen kann man nämlich potenziell hilfreiche Informationen für den Fall gewinnen, dass man selbst einmal in einen Unfall oder eine Katastrophe gerät. Dieser Grund ist aber keinem Gaffer bewusst.

Warum helfen die Menschen in der Regel nicht?

Wenn nicht geholfen wird, kann das mehrere Gründe haben: zum einen ist da die sogenannte „Verantwortungsdiffusion“. Das bedeutet, dass umso weniger geholfen wird, je mehr Zuschauer vor Ort sind. Der Einzelne fragt sich dann: „Warum soll ausgerechnet ich helfen, es wird doch sicher einer da sein, der das besser kann“. Zum anderen sind oft schon professionelle Rettungsdienste vor Ort, und in diesem Fall denkt man, „ich brauche ja gar nicht zu helfen, das sollen die Profis machen“. Manchmal ist es sinnvoll, wenn Rettungskräfte einzelne Zuschauer persönlich ansprechen und um ganz konkrete Hilfe bitten, zum Beispiel ein Absperrband zu halten oder dergleichen. Das funktioniert dann in der Regel sogar.

Es treten ja nicht alle Augenzeugen als Gaffer auf – gibt es einen bestimmten Typ Mensch, der tendenziell eher zum Gaffen neigt?

Nein, ein solcher „Typ“ ist bisher nicht identifiziert worden. Man kann aber das Folgende sagen: Damit ein Mensch bei einem Unfall nicht gafft, muss er Empathie, Pietät und Anstandsregeln gelernt und verinnerlicht haben. Das scheint bei manchen Menschen nicht der Fall zu sein. Es kann aber auch sein, dass die Wucht des Ereignisses einen Zuschauer derart plötzlich, überraschend und stark trifft, dass erlernte Normen und Regeln schlagartig verblassen und das evolutionsbiologisch angelegte Grundmuster durchbricht.

Welche Beweggründe bringen Menschen dazu, beispielsweise Videos von Sterbenden oder von schlimmen Unfallszenen im Internet zu veröffentlichen?

Früher hat man seine außergewöhnlichen Erlebnisse und Erfahrungen mündlich weitererzählt und dadurch Aufmerksamkeit oder Anerkennung gewonnen; heute kann man diese viel direkter mitteilen und sogar bebildert zeigen. Im Internet ist das sehr einfach und eine attraktive Möglichkeit, sich interessant zu machen oder in anderer Form davon zu profitieren, zum Beispiel, indem man vermeintlich wichtige oder spannende Informationen mit anderen teilt und meint, auf diese Weise etwas Gutes zu tun. Mit vielen „Klicks“ kann im Extremfall sogar Geld verdient werden. Negative Folgen sind so gut wie nicht zu befürchten, das heißt, es gibt wenig Hemmfaktoren für „Hochlader“ und „Zuschauer“. Im Grunde hängt auch dies aber von der schon erwähnten Empathiefähigkeit des Einzelnen ab und von der Bereitschaft, Anstandsregeln zu befolgen.

Riskieren Schaulustige, die sich schreckliche Szenen ganz genau anschauen, eine Art Trauma zu erleiden, sich mit Alpträumen zu quälen oder dergleichen mehr?

Aus der Traumaforschung ist bekannt, dass man durch das reine Betrachten schrecklicher Szenen traumatisiert werden kann. Das ist zwar eher selten, aber im Einzelfall kommt es zum Beispiel zu wiederkehrenden, quälenden Erinnerungen, Gefühlen von Hilflosigkeit oder Angst sowie Konzentrations- und Schlafstörungen, auch in Verbindung mit Alpträumen. Besonders bei Kindern sollte man diesbezüglich vorsichtig sein.