Waiblingen

Gewerkschaft und Belegschaft sind schockiert

Wut, bis hin zu Tränen_0
Topmodern: Verpackungstechnologie in Waiblingen. Bosch will den Geschäftszweig nun abstoßen © Habermann / ZVW

Waiblingen. Einen „nicht zu heilenden Vertrauensverlust“ habe Bosch angerichtet, im Betrieb herrsche „Wut, bis hin zu Tränen“: Mit drastischen Worten kommentiert die IG Metall den Plan des Bosch-Konzerns, die Sparte „Packaging Technology“ abzustoßen.

„Niveaulos“ sei es gewesen, schreibt die IG Metall, „wie Bosch den Mitarbeitern die Entscheidung mitgeteilt hat“: Am Donnerstagnachmittag vergangener Woche habe die Konzernspitze den Beschluss gefasst, die Verpackungssparte loswerden zu wollen, am Freitag früh seien die Beschäftigten in Waiblingen per Durchsage auf 10.30 Uhr zu einer „Mitarbeiterinformation“ einbestellt worden, „aus den Lautsprechern schallte es: ,Es besteht Anwesenheitspflicht!’“. So erfuhren die Leute: Wir werden verkauft. An wen? Das ist derzeit noch völlig unklar.

"Wie ein Schlag ins Gesicht" 

„Aus meiner Sicht ist das ein nicht zu heilender Vertrauensverlust, den Bosch schulterzuckend in Kauf nimmt“, kommentiert Matthias Fuchs, Geschäftsführer der IG Metall Waiblingen. „Die Reaktion der Beschäftigten war erst mal Ungläubigkeit, dann Wut, bis hin zu Tränen. Eine Beschäftigte erzählte mir, dass sie seit 30 Jahren bei Bosch beschäftigt ist und sich die Verkündung wie ein Schlag ins Gesicht anfühlt.“

Betriebsräte hätten „nach dem ersten Schock“ geäußert, „dass sie nicht nachvollziehen können, was gerade abgeht: In den letzten Jahrzehnten haben die Beschäftigten über Standortsicherungsverträge Millionen hergegeben, damit sich Packaging weiterentwickelt – und nun verstößt die Schillerhöhe die Verpackungsspezialisten.“

Große Versprechen, gewichtige Zweifel

Neben der Wut gärt auch die Unsicherheit. Einerseits nämlich gibt es nachgerade grandios klingende Versprechungen von Bosch: „Alle rund 6100 Mitarbeiter“ rund um die Welt „sollen übernommen werden“, wenn ein neuer Besitzer feststeht, kündigte der Konzern via Pressemitteilung an.

Und Stefan König, Chef von Bosch Packaging Technology, hat dieser Tage erklärt: „Wir werden als starker, stabiler Bereich zusammenbleiben und als bewährtes Team – auch unter einem neuen Eigner – unseren Kunden hervorragende Produktionslösungen und Services bereitstellen.“

Die Botschaft: Alles wird gut. Andererseits gibt es Signale, die daran zweifeln lassen, wie glaubhaft solche Garantien sind; ein Sprecher der Bosch-Geschäftsführung sagte zum „Handelsblatt“: Verkaufsgespräche hätten noch nicht begonnen, mögliche Interessenten könne er nicht nennen – aber „zum jetzigen Zeitpunkt schließe ich gar nichts aus“; auch ein Verkauf an chinesische Bieter oder gar an Finanzinvestoren sei möglich.

Erste Warnsignale im November 2016

Wie verlässlich sind die Ansagen von Bosch? Diese Frage wirft auch ein Blick in die Vergangenheit auf. Rückblende:

Anfang der 2000er Jahre baute Bosch den Verpackungssektor massiv aus, maßgeblich über den Erwerb anderer Unternehmen. Bosch Packaging Technology ging dauernd auf Einkaufstour und schluckte Firmen von Dresden bis Remshalden (Paal Verpackungsmaschinen), von den Niederlanden über Dänemark bis Japan; noch 2015 kamen Osgood Industries in Florida und Kliklok-Woodman in Georgia/USA und England hinzu. Es sah ganz danach aus, als sehe Bosch in der Verpackungstechnik ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld.

Im November 2016 folgte ein erstes Warnsignal: Bosch Packaging Technology kündigte die Streichung von 170 Arbeitsplätzen in Waiblingen an. Betroffen: Stellen im Bereich Nahrungsmittelverpackung. Der Fokus solle künftig stärker auf Maschinen für Pharmakunden gelegt werden. Das allerdings sah nur nach einer leichten Kurskorrektur aus, nicht nach einem grundlegenden Einschnitt.

Und erst recht beruhigend klang, was 2017 Volkmar Denner, Vorsitzender des Bosch-Konzerns, als Strategie für die Zukunft ausgab: „Bestehendes Geschäft weiterentwickeln, neue Geschäftsfelder erschließen.“ Geschäftsfelder abstoßen? Davon sagte er nichts.

Weitere Stellenstreichungen im Mai 2018

Im Mai 2017 verkündete Bosch Packaging Technology via Pressemitteilung einen Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro und einen Anstieg der weltweiten Belegschaft auf 6300 Leute. Bei der Branchenmesse Interpak präsentierte sich das Unternehmen spektakulär auf rund 3500 Quadratmetern Fläche.

Alles gut? Im Mai 2018 folgte das zweite Warnsignal – weitere Waiblinger Stellenstreichungen im Bereich Nahrungsmittelverpackung. Indes, wieder sah es nur nach einer Verlagerung des Angebots-Portfolios aus: weg von „Food“, hin zu Pharma.

Expandieren, zukaufen, nachjustieren: Das also war der Kurs – dem nun der schroffe Knick folgt. „Nach intensiver und gründlicher Prüfung aller strategischen Optionen“, vermeldet eine Pressemitteilung in ausgekühltem Management-Jargon, habe Bosch beschlossen, das Geschäft mit Verpackungsmaschinen abzustoßen.

„Loyalität ist keine Einbahnstraße“

Wie geht es weiter in Waiblingen? „Die IG Metall und die betrieblichen Interessenvertreter werden von Bosch eine ordentliche Mitgift für die Zukunft einfordern“, verspricht Susanne Thomas von der IG Metall Ludwigsburg/Waiblingen.

Die Gewerkschaft organisiert nun gemeinsam mit dem Gesamtbetriebsrat eine Verhandlungskommission, „die sich den Interessenlagen der deutschen Standorte widmet“. Kernziel: Bei der Neugestaltung der Packaging Technology – unter welchem Besitzer auch immer – solle die Belegschaft „eine aktive Rolle“ spielen und ein gewichtiges Wort mitreden.

„Loyalität ist keine Einbahnstraße“, sagt Gewerkschafterin Thomas – „Bosch hat die Chance, den Vertrauensbruch der letzten Woche wieder halbwegs zu kitten.“


Bosch Packaging

Bosch Packaging Technology ist spezialisiert auf Verpackungsmaschinen und hat ausweislich der Homepage an 37 Standorten in 18 Ländern (unter anderem in mehreren europäische Staaten, USA, Brasilien, China, Indien, Japan, Nigeria, Südafrika) etwa 6200 Mitarbeiter; Umsatzvolumen: 1,3 Milliarden Euro. Hauptsitz ist Waiblingen; hier arbeiten rund 900 Leute.

Die Robert Bosch GmbH hat mehr als 400 000 Beschäftigte und erzielte im Jahr 2017 einen Umsatz von 78,1 Milliarden Euro.