Waiblingen

Gockel-Mann mit bewegter Geschichte

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Das Schönste an der Arbeit ist für Ramiz Jacob der Umgang mit Menschen. © Habermann/ZVW

Waiblingen. Fast täglich versorgt Ramiz Jacob hungrige Waiblinger an seinem Hähnchenmobil mit knusprigen Göckele. Sein Lebensplan in jungen Jahren sah aber ganz anders aus. Der 60-Jährige stammt aus dem heute völlig zerstörten Mossul im Irak und gehört einer der ältesten christlichen Bevölkerungsgruppen überhaupt an.

Das Wort Hähnchen kann Ramiz Jacob in mehr als 30 Sprachen. Eine Folge seines Jobs als Gockel-Mann, bei dem sich Arbeiter und Angestellte, Nachbarn und Monteure auf der Durchreise ein schnelles Mittagessen holen - aber auch eine seiner bewegten Lebensgeschichte. Eine der wohl am wenigsten verbreiteten Sprachen dieser 30 ist seine Muttersprache: Aramäisch. Unter Bibel-Experten gilt sie als die Sprache, die Jesus gesprochen hat.

Von Kunden wird Ramiz Jacob oft für einen Muslim gehalten und er spricht auch fließend Arabisch, doch in Wirklichkeit gehört er zur urchristlichen Bevölkerungsgruppe der Chaldäer, die lange Zeit in der Region um das zerstörte Mossul lebte, in unmittelbarer Nähe der biblischen Stadt Ninive, weswegen die dort spielende Geschichte von Jona und dem Wal eine besondere Bedeutung für ihn hat.

Sein Sohn ist Pastoralreferent an der Sankt-Antonius-Kirche

Während er heiße Göckele – „die Soße wird nach meinem Rezept hergestellt“ – und Kartoffelsalat einpackt, wechselt der Mann mit den freundlichen Augen gerne ein paar Worte mit den Kunden. Wenn mal mehr Zeit bleibt, darf’s auch eine etwas ausführlichere Diskussion über Fragen von Politik und Religion sein. Ob Islam oder Christentum – er weiß, wovon er spricht: „Der Glaube steht in meinem Leben an erster Stelle.“ Insofern kommt es vielleicht nicht von ungefähr, dass Sohn Rabee, noch im Irak geboren, nach dem Abitur in Deutschland die theologische Laufbahn einschlug und als Pastoralreferent der Sankt-Antonius-Kirche wirkt. Die Predigten des Sohnes hört sich der Vater gerne an, besucht aber gemeinsam mit seiner Frau Thamira auch oft die Messen der chaldäisch-katholischen Gemeinde in Stuttgart.

Eigentlich sah sein Lebensplan etwas anderes vor, als im fernen Deutschland Hähnchen zu grillen. Die Familie führte ein gutes Leben, er arbeitete in der Zollverwaltung, doch durch Kriege und eine wachsende Repression gegen Christen noch unter Sadam Husseins sah er sich zur Flucht genötigt. Kurz nachdem er nach Jahren des Militärdienstes im Offiziersrang in sein ziviles Leben zurückgekehrt war, wurde er erneut einberufen – das war zu viel. „Ich wollte etwas anderes als Krieg.“ Dann ein Schicksalsschlag: Ein naher Verwandter, der in der Armee eine hohe Stellung innehatte und sogar für einen Ministerposten im Gespräch war, wurde offenbar von politischen Gegnern ermordet. Generell lebten Christen gefährlich, der Besuch von Gottesdiensten war ein Risiko, Attentate häuften sich.

Dann kam der IS

Viel schlimmer noch wurde es, als der Islamische Staat die Region um Mossul eroberte. Sie schmierten den Leuten das Zeichen für „Nazarener“ an die Häuser und befahlen ihnen, sie sofort zu verlassen. Thamira Jacob macht vor, wie Kinder und Alte mit vorgehaltenem Gewehr abkommandiert wurden, die Hände hinter dem Kopf. „Die ganzen Dörfer um die Stadt, wo Christen so lange Zeit lebten, stehen jetzt leer.“ Schon vorher hatte sich ein Großteil der Verwandtschaft über die halbe Welt verteilt, in die Schweiz, die Niederlande und vor allem in die USA, nach Detroit und Chicago.

Die Söhne sind gut ausgebildet und haben solide Berufe. Der Vater hat, um finanziell Fuß zu fassen, in vielen Jobs gearbeitet – beim Discounter, als Briefträger und in der Bäckerei. Seit zwölf Jahren nun der Göckeles-Grill, der fast täglich in der Fronackerstraße oder am Schäferkreisel Winnender Straße/Korber Straße steht. Egal, ob die Sonne in diesem Rekordsommer mit 40 Grad auf den Grill-Transporter brutzelt oder ob Kälte und Nässe den Betreiber in die Fahrerkabine treiben. Dem Wetter trotzen, meistens auf den Beinen und nach einem langen Tag den Grill putzen: „Das ist mein tägliches Brot“, sagt Ramiz Jacob zufrieden und fügt dankbar hinzu: „Deutschland hat uns in die Arme genommen.“


Chaldäer

Chaldäer, Assyrer oder Aramäer – diese Begriffe werden mehr oder weniger synonym auf die 600 000 Gläubige umfassende Bevölkerungsgruppe angewendet, der die Familie Jacob angehört. Sie gehören der chaldäisch-katholischen Kirche an.

Nach den Arabern und Kurden bildeten die Chaldäer lange Zeit die drittgrößte Volksgruppe im Irak. Wegen der unsicheren Lage wanderte der Großteil aus, überwiegend in die USA.

Seit 2014 gibt es in Stuttgart eine chaldäisch-katholische Gemeinde, die ihre Gottesdienste in der Kirche St. Paulus in Stuttgart-Rohracker feiert.