Waiblingen

Gudrun Ensslin und Helmut Palmer verteidigt: Waiblinger Manfred Künzel wird 90

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Manfred Künzel 2015: In seiner Kanzlei hängen die Bilder seines Freundes Gerhard Hezel. © Hardy Zürn

Er ist Ur-Waiblinger, Menschenfreund, Liebhaber der Kunst und der Literatur, hat als Anwalt prominente Angeklagte wie die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin und den Remstalrebellen Helmut Palmer verteidigt – aber mit ebenso viel Gewissenhaftigkeit kleine Ladendiebe. Zur eigenen Kanzlei kam er durch Vermittlung seines Jugendfreundes, des späteren Showmasters Alfred Biolek. Am Sonntag wird Manfred Künzel 90 Jahre alt.

Sein spektakulärster Prozess war zweifellos Mitte der siebziger Jahre der in Stammheim gegen RAF-Mitglieder, die Terroristen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Manfred Künzel war zum Pflichtverteidiger Ensslins bestellt worden. Anfangs soll sie ihn noch als „Schwein“ bezeichnet haben. Sie sah ihn offenbar als willfährigen Diener eines angeblich faschistischen Systems. Doch der Waiblinger Jurist sah sich dem Rechtsstaat verpflichtet – und blieb darin konsequent. Bundesweit kam er schließlich in die Schlagzeilen, weil er mit einem Befangenheitsantrag den Vorsitzenden Richter Theodor Prinzing zu Fall brachte. Danach war Ensslin bereit, Kontakt mit ihrem Verteidiger aufzunehmen. Er habe neben vielen harmlosen Sündern auch Mörder, Kinderschänder und eben Terroristen verteidigt, sagte Manfred Künzel bei der Feier seines 60. Geburtstags, weil „es die Aufgabe des Strafverteidigers ist, sich zu den Menschen zu stellen, die straffällig geworden sind“.

Alfred Biolek wollte lieber „Allotria treiben“

In der Kanzlei Künzel und Partner arbeitet ein Dutzend Anwälte. Gegründet wurde sie 1948 von einem gewissen Josef Biolek, dem Vater von Alfred Biolek. Der spätere Fernsehstar hatte wie Künzel Jura studiert und war vom Vater ausersehen, die Kanzlei zu übernehmen. Aber wollte, wie er seinem Kumpel gestand, lieber „Allotria treiben“ und ins Unterhaltungsgeschäft gehen. „Fredy“ zog also in die weite Welt des Showbusiness, wurde berühmt, doch die alte Freundschaft überdauerte die Jahrzehnte.

Streit um die Kehrwoche: Mieter verteidigt

Eins von Manfred Künzels juristischen Steckenpferden war das Mietrecht. Jahrzehntelang engagierte er sich im Mieterverein Waiblingen und hat dort Mieter anwaltlich beraten. Mit Humor nahm er die schwäbische Kehrwoche aufs Korn. Bei einem kleinen Prozess vor dem Amtsgericht Waiblingen, so erinnert sich Anwaltskollege Lothar Kaiser, ging es um einen Vermieter, der kündigen wollte, weil der Pflicht zur großen Kehrwoche nicht Genüge getan worden sei: Die Treppenfenster seien nicht ordentlich gereinigt worden, stattdessen blieben dort – Schlieren! Der Anwalt argumentierte, dass es sich ja nicht „um Kathedralenfenster“ handle. Zu seiner Referendarszeit wurden Prozesse verhandelt, die sich heute keiner mehr vorstellen mag – etwa wegen Ehebruchs oder Homosexualität.

Freund des Malers Gerhard Hezel

Regelmäßig kommt Manfred Künzel, geistig immer noch ganz klar, trotz zunehmender körperlicher Gebrechen in die Kanzlei, um nach dem Rechten zu sehen und Besuchern die Bilder seines alten Künstlerfreundes Gerhard Hezel mitsamt den darin zu entdeckenden geistreichen Anspielungen zu erläutern.

Wälzte er von Berufs wegen kubikmeterweise Akten, so entspannte er sich als Mann von humanistischer Bildung am besten beim Lesen von anspruchsvoller Literatur und Philosophie. Von den Klassikern wie Schiller, Goethe und Hölderlin, Philosophen der Frankfurter Schule von Adorno und Habermas bis zu seinem Lieblingsautor Jean Paul. „Das hat den Nebeneffekt“, sagt der Anwaltskollege, „dass sein Haus doppelwandig wurde, da die Innenwände mit Bücherregalen gesäumt sind.“ Mit moderner Technik hingegen steht er auf Kriegsfuß: Als in der Kanzlei die EDV eingeführt und auf seinem Schreibtisch ein Monitor platziert wurde, bat er die Sekretärin, „den Fernseher“ zu entfernen – er lese lieber.

In Waiblingen kennt er zu jedem Turm eine Geschichte

Waiblinger ist und war er immer mit Leib und Seele. Gerne berichtet er von den Spuren der Heimatstadt in der großen Literatur, etwa bei Heinrich Heine und Achim von Arnim. Er kennt – wieder laut Anwalt Lothar Kaiser – „jeden Turm, jeden Keller, jeden Neidkopf und jede Geschichte dazu“. Lebhaft und detailreich vermag er von seiner Kindheit zu erzählen, als Waiblingen noch ländlich geprägt war. Und wie die Schüler zur Zeit des Nationalsozialismus militaristisch gedrillt wurden, verschweigt er dabei nicht. Schülern nachgeborener Generationen erklärte er die Rechtsberufe beim Projekt „Zeitung in der Schule“. Für die Integration ausländischer Mitbürger beziehungsweise für humanitäre Hilfsaktionen für die Opfer von Naturkatastrophen setzte er sich durch Mitarbeit beim Arbeitskreis „Fremde unter uns“ und im Verein „Freunde helfen Freunden“ ein.

Er ist Ur-Waiblinger, Menschenfreund, Liebhaber der Kunst und der Literatur, hat als Anwalt prominente Angeklagte wie die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin und den Remstalrebellen Helmut Palmer verteidigt – aber mit ebenso viel Gewissenhaftigkeit kleine Ladendiebe. Zur eigenen Kanzlei kam er durch Vermittlung seines Jugendfreundes, des späteren Showmasters Alfred Biolek. Am Sonntag wird Manfred Künzel 90 Jahre alt.

Sein spektakulärster Prozess war zweifellos Mitte der siebziger Jahre der

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