Waiblingen

Halle für Ukrainer: Sportler aus Hohenacker ziehen um - und zeigen Verständnis

Flüchtlingsunterkunft
Die Kleinturnhalle Hohenacker ist jetzt eine Notunterkunft für 60 Menschen. © ALEXANDRA PALMIZI

Eigentlich wollen alle vermeiden, dass Sporthallen zu Flüchtlingsunterkünften werden. Als Notunterkunft bieten sie zwar ein Dach über dem Kopf – mehr aber auch nicht. Es ist eng, die Privatsphäre stark eingeschränkt. Beeinträchtigt ist auch der Schul- und Vereinssport. In den Vereinen, die sonst die Kleinturnhalle Hohenacker nutzen, überwiegt aber das Verständnis für die außergewöhnliche Situation. Wo sie nun trainieren. Und was mit dem Sportunterricht der Grundschule ist.

Tischtennis: „Wir sind am allermeisten betroffen“, glaubt Gerhard Hassler, Abteilungsleiter beim GTV Hohenacker. Denn die Tischtennis-Spieler haben in der Kleinturnhalle nicht nur trainiert, sondern auch Punktspiele ausgetragen. Nun müssen sie hin- und herwechseln: Die Spiele finden in der benachbarten Gemeindehalle statt. Auch trainiert wird hier am Dienstag. Das Freitagstraining ist hingegen in die Sporthalle in Neustadt verlegt worden.

In beiden Hallen haben die Tischtennisler laut dem Abteilungsleiter ein Drittel der Fläche zur Verfügung. Sie haben ihre Platten nach Neustadt transportiert und auch Platz im Geräteraum erhalten. „Mit dieser Zwischenlösung können wir eigentlich sehr gut leben“, so Hassler. Man müsse „ein Stück weit zusammenrücken“.

Dennoch sei natürlich die Frage, wie lange es so bleibt. „Endlos Platz“ sei in den Hallen nicht, und es sei auch „eine gewisse Grenze erreicht“ für die Vereine, die ja auch unter Corona gelitten haben: Die Tischtennis-Abteilung hat laut Hassler einen leichten Rückgang der Mitglieder hinnehmen müssen, tritt auch mit weniger Mannschaften an als vorher. Er wünsche sich, dass Kommunen und Abgeordnete nach Berlin signalisieren: Es muss sich was ändern. „In welcher Form auch immer.“

Dennoch, so der Abteilungsleiter: Die Bereitschaft zu helfen sei da. „Wenn man sich vor Augen führt, welches Leid die Menschen in der Ukraine erfahren haben durch diesen beispiellosen Angriffskrieg der Russen, muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass unsere Probleme verschwindend gering sind.“ In der Kleinturnhalle Hohenacker sollen laut der Stadt ausschließlich Ukrainer beherbergt werden, bis zu 60.

Handball: Verständnis äußert auch Thomas Widholm vom SSV Hohenacker. „Jeder“ verstehe, dass man den Ukrainern helfen müsse. Und es gebe auch Verständnis, wenn wegen der kurzfristigen Planung anfangs etwas nicht ganz rund läuft. Von einer kurzen Einschränkung geht Widholm aber nicht aus. „Wir sprechen nicht von ein paar Wochen“, glaubt er. Mindestens bis Mitte 2023 werde die Kleinturnhalle wohl nicht für den Sport zur Verfügung stehen, ist seine Einschätzung. Oberbürgermeister Sebastian Wolf hat kürzlich das Ziel betont, dass Waiblinger Hallen nur kurzzeitig als Unterkunft genutzt werden sollen. An alternativen Unterbringungen arbeite die Verwaltung intensiv.

Was bedeutet das vorerst für die SSV-Handballer? Nicht alle Teams sind laut dem Abteilungsleiter betroffen. Weitere Wege gibt es vor allem für die Männer: Sie trainieren nun in Waiblingen. Die Jugendlichen sind von der Kleinturnhalle nur ein paar Meter weiter in die Gemeindehalle gezogen. Dort trainieren auch weiterhin die Frauen I: Sie spielen in der Baden-Württemberg-Oberliga und sind damit das Aushängeschild der Spielvereinigung Hohenacker-Neustadt, die der SSV mit dem TSV Neustadt bildet. Die Frauen durften deshalb den Trainings-Zeitraum der Männer übernehmen.

Mit dieser Lösung ist Abteilungsleiter Widholm einigermaßen zufrieden. Nur für die Jugend sieht er ein Problem: Am Montag sei die Gemeindehalle nun vierfach belegt. „Wie wir da vernünftig trainieren können, ist nicht klar.“ Das drücke etwas auf die Stimmung. Insgesamt aber habe er „nix großartig Negatives gehört“ aus seinen Reihen. Zeigen müsse sich allerdings, wie Sport und Notunterkunft neben- und miteinander zurechtkommen. An mehreren Abenden in der Woche werde in der Gemeindehalle bis 22 Uhr trainiert. Da gebe es schon eine gewisse Lautstärke – und gleich nebenan schlafen womöglich Kinder. „Das muss sich zeigen, wie gut das geht.“

Freizeit-Volleyballer sind nach Bittenfeld ausgewichen

Volleyball: Auch die Volleyball-Freizeitmannschaft des Skiclubs Hohenacker hat die Kleinturnhalle bislang zum Spielen genutzt. Jetzt sind sie nach Bittenfeld umgezogen. „Es blieb uns ja nichts anderes übrig“, so Club-Vorsitzende Anke Ochs. Andere Vorschläge der Stadt seien für sie nicht machbar gewesen. Die Ortsvorsteherin Sandra Matuschke habe sich für eine Lösung eingesetzt, so Ochs. Und so sei es dann Bittenfeld geworden. Dort habe der Trainingsauftakt auch ganz gut geklappt. Die Mitglieder der Freizeitmannschaft, sechs bis acht Leute, hätten Fahrgemeinschaften gebildet.

Umziehen musste außerdem auch die Fitnessgymnastik des Skiclubs: Sie findet nun im Lesesaal des Bürgerhauses Hohenacker statt. „Das ist ein bisschen beengt, aber es geht halt nicht anders“, so Anke Ochs. Im Verein sagten alle, dass man in so einer Lage helfen müsse. „Das ist ein Beitrag, den wir leisten können.“

Lindenschule Hohenacker: Sportunterricht soll nicht ausfallen

Grundschule: Neben den Sportvereinen hat in der Kleinturnhalle auch Sportunterricht für Grundschüler stattgefunden. Ausfälle soll es für die Kinder der Lindenschule Hohenacker wegen der Notunterkunft nicht geben. In einem Elternbrief hat Rektorin Constance Schmidt die Eltern zum Schulstart informiert: „Alle Sport-Stunden konnten wir in die Gemeindehalle verlegen, d. h. es wird dadurch keine Einschränkungen im Schulsport geben.“

Und: „Auch die Bewegungslandschaft kann weiterhin von der Schule (mit GFK und Hort) und den Kitas in Hohenacker genutzt werden.“  In den Ferien ist sie laut der Schulwebsite auf Sicherheit geprüft und gereinigt worden. Sie sei für alle Einrichtungen des Bildungshauses wieder freigegeben.

Eigentlich wollen alle vermeiden, dass Sporthallen zu Flüchtlingsunterkünften werden. Als Notunterkunft bieten sie zwar ein Dach über dem Kopf – mehr aber auch nicht. Es ist eng, die Privatsphäre stark eingeschränkt. Beeinträchtigt ist auch der Schul- und Vereinssport. In den Vereinen, die sonst die Kleinturnhalle Hohenacker nutzen, überwiegt aber das Verständnis für die außergewöhnliche Situation. Wo sie nun trainieren. Und was mit dem Sportunterricht der Grundschule ist.

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper