Hans-Ingo von Pollern wird 70
Waiblingen. Plumpe Grabenkämpfe kann er nicht ausstehen. Doch einem kleinen, feinen Streit um der Sache willen geht er nie aus dem Weg: Hans-Ingo von Pollern, feinsinniger Kunstliebhaber, bekennender Zeitungsleser und dienstältester Stadtrat, hat seinen Elan nach 41 Jahren im Rat nicht verloren. Ein bisschen kratzen, anecken, ein Sonderling sein – das gefällt ihm: „Mir macht es Lust, gegen den Strom zu schwimmen“, sagt er. Am Dienstag (6.12.) feiert er seinen 70. Geburtstag.
Ausdauer hat er. Das gilt für seinen Beruf als Jurist im Regierungspräsidium Tübingen ebenso wie für seine Arbeit in der Kommunalpolitik. Als er 65 war, fühlte er sich noch lange nicht reif für den Ruhestand und verlängerte um drei Jahre. Mit 68 war’s kein bisschen anders – Ingo von Pollern wollte weiterarbeiten. Das schrieb er auch seinem Chef, Ministerpräsident Kretschmann, von dem eine sehr nette Antwort zurückkam: Der Ministerpräsident bedankte sich für das Angebot, doch leider seien die gesetzlichen Vorgaben für eine erneute Verlängerung nicht gegeben. Ingo von Pollern räumte enttäuscht seinen Schreibtisch. Das kann ihm in der Kommunalpolitik nicht passieren.
Seit 41 Jahren im Gemeinderat
1975 wurde er als 29-Jähriger zusammen mit Klaus Riedel und Friedrich Kuhnle in den Gemeinderat gewählt, mit 70 hat er noch immer Spaß an der Kommunalpolitik. Und er will noch lange bleiben: „Die fitten Alten sollten sich der Gesellschaft zur Verfügung stellen“, sagt er sich, fest entschlossen, die 50 Jahre im Gemeinderat vollzumachen. Für Politik interessiert sich Ingo von Pollern schon fast sein Leben lang, genauer, seit er 1963 einen Artikel über die Rettung der Bergleute von Lengede gelesen hatte. Danach habe er nicht nur das Zeitungslesen, sondern auch die Politik entdeckt, sagte er heute. Mitten in der 68er-Bewegung studierte er in Tübingen Jura, war von Sitzstreiks und spontan anberaumten Grundsatzdiskussionen aber eher abgestoßen. Sein Elternhaus war liberal, seine Eltern aber nie in einer Partei. Er selbst ging zur Jungen Union: „Ich dachte, die FDP kann nicht das erreichen, was eine Volkspartei schaffen kann.“
Die fußgängergerechte Altstadt durchgesetzt
An die turbulenten Anfänge im Gemeinderat erinnert er sich gut. Soll Waiblingen autogerecht oder fußgängerfreundlich werden, war eine der zentralen Fragen, die den Rat in den 70ern umtrieb. Ingo von Pollern ist heute froh, dass sich die fußgängergerechte Altstadt durchgesetzt hat und in der Altstadt damals nicht Tabula rasa gemacht wurde. Stattdessen wurde der Charme der alten Fachwerkhäuser wiederentdeckt. „Gott sei Dank“, sagt er heute. Doch Mitte der 70er sei Waiblingen ziemlich unansehnlich gewesen, das Fachwerk noch unter grauem Verputz. Ein Kind dieser Zeit ist das Marktdreieck, das 1976 anstelle des alten Oberamts gebaut wurde. Modern, farbig und identitätsbildend sollte es werden, gefallen hat das nicht jedem. Auch den denkbar knappen Beschluss, die Gaststätte „Traube“ (das heutige Restaurant Bachofer) nicht abzubrechen, hat Ingo von Pollern noch in Erinnerung: „Zur Abstimmung bin ich wie immer zu spät gekommen. Und das war gut so“, bekennt er verschmitzt: „Denn ich hätte für den Abbruch gestimmt.“
Die Parteiarbeit in seiner CDU: Nicht immer vergnügungssteuerpflichtig
Ingo von Pollern, der CDU-Mann: Über all die Jahre hat er versucht, sich eine gewisse Unabhängigkeit im Rat zu bewahren. Froh ist er, dass die ideologischen und persönlichen Grabenkämpfe von früher vorbei sind. Nicht immer vergnügungssteuerpflichtig findet er auch die Parteiarbeit in seiner CDU, in der er sich selbst in der „Mitte links“ und als Bewunderer von Kanzlerin Angela Merkel verortet. „Was Seehofer macht, geht gar nicht“, findet er. Anstand und Respekt dürften auch in der Bundespolitik nicht verloren gehen. Und dass Deutschland angesichts des „brutalen Nord-Süd- und West-Ost-Gefälles“ für Flüchtlinge eine moralische Verantwortung habe.
Der Gemeinderat muss sich zur Gartenschau bekennen
Die Flüchtlingswelle hielten (und halten) manche für den Anfang vom Ende, derzeit lässt noch ein ganz anderes Thema die Wogen hochschlagen: die Gartenschau. „Die Beschlüsse sind gefasst. Schade, dass manche wenige denken, die Pläne seien der Untergang des Abendlandes“, meint von Pollern. Seltsam berührt habe viele im Gemeinderat, dass der Saal beim Thema Flächensuchlauf voll gewesen, aber kaum einer noch da war beim Tagesordnungspunkt Gartenschau. Über die bereits abgespeckte Kunstlichtung werde man sicher weiter diskutieren, doch zerredet werden dürfe das Ganze nicht. „Der Gemeinderat muss jetzt zu seinen Beschlüssen stehen und sich zur Gartenschau bekennen – die schweigende Mehrheit verlässt sich auf ihre gewählten Mandatsträger“, ist er überzeugt. Bürgerinfomationen, -fragestunden und -beteiligung, all das sei okay. „Aber wenn wir jede Entscheidung von allen absegnen lassen, führt das zu Verzögerung, ja Stillstand.“
"Ich fühle mich nicht wie 70"
Ingo von Pollern, der Jubilar. „Ich fühle mich nicht wie 70“, versichert er fröhlich, „trotz Haarausfall und Falten eher wie ein Mittfünfziger.“ Eigentlich sei er ja komplett uneitel, eine Glatze würde er aber gern verhindern, weshalb er sich eine Haartransplantation deshalb durchaus vorstellen könne. Ob er das ernst meint? „Na klar“, sagt er, aber schmunzelt dabei. Ob mit vollem Haupthaar oder nicht: Ingo von Pollern wird weiter mit Lust gegen den Strom schwimmen und in Anlehnung an den Dichter Hebbel „lieber ein kantiges Etwas als ein rundes Nichts“ sein. Vergnügt kündigt er an, dass er sich im Gemeinderat noch lange einsetzen will – „auch wenn das für manche eine Bedrohung ist“.
Zitat
„Die deutsche Mentalität: Für etwas sein ist uninteressant, dagegen sein ist in.“
Ingo von Pollern

