Waiblingen

Hardy Langer: Ausstellung im Zeitungshaus

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Wird morgen eröffnet: Ausstellung mit Werken des Schorndorfer Malers und Grafikers Hardy Langer. Hier in seinem Atelier vor einer typischen Verkaufsbude, wie man sie in Griechenland in jedem Hafen findet. © ZVW
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Schorndorf Hammerschlag Atelier Hardy Langer © Jamuna Siehler
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Schorndorf Hammerschlag Atelier Hardy Langer © Jamuna Siehler
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Soeben verlassen: Ein Bett, wie es vom Maler gesehen wird. © ZVW

Waiblingen/Schorndorf. Der Lack, die Firniss, der Glanz – da ist etwas nicht echt. Der Lack, der über unser Leben gezogen ist, gehört auf Poren, Schrunden und Risse untersucht. So geht der Maler Hardy Langer vor, der jetzt im Zeitungshaus Waiblingen ein Tableau an Arbeiten ausstellt unter dem Titel „Störfälle“.

Wobei, es darf einen schon etwas faszinieren. Aber es ist nicht erlaubt, die Nachtseiten auszublenden. Deshalb richtet dieser Schorndorfer Bildermacher seine Scheinwerfer darauf und zieht etwas ins Grelle.

Langer steht in seinem Atelier und ist gefordert. Er soll auswählen. Es schreibt sich schließlich über ein bestimmtes Bild konkreter als über 25 Bilder. Er hadert. Ein eigentlich unmöglicher Auftrag. Es ist, als ob ein Vater sagen sollte, welches von den fünf Kindern ihm am liebsten ist.

Aber da, da steht doch ziemlich weit vorne dran was aus Griechenland, aus Ithaka, wo sich der Maler immer wieder mal zurückzieht ins einfachere Leben, ohne dass er wirkliche Erschöpfungszustände kennt. Der Mann Hardy Langer ist robust, keine Frage. Schließlich ist er einer der Hauptschaffer der Schorndorfer Szene. Und so oft schafft er dabei für die ganze Szene, für das Publikum, etwa mit den Kunstvereinskollegen an neuen Schauen und an einem stetigen Austausch mit Städtepartnerschafts-Kollegen aus Frankreich oder Italien.

Das Ithaka-Bild also, hier nebendran abgedruckt. Man muss den Blick dessen haben, der nicht einfach als Tourist auf eine Griechenland-Insel einfällt. Der auch etwas weiß. Mit den Leuten spricht. Wir sehen eine Verkaufsbude, ein Periptero. Männer, die aus der Armee ausgeschieden sind, bekommen vom Staat solch eine Bude. Eine Art Rente in Naturalien. Am Strand, in Häfen, dort findet man diese Peripteros zuhauf, sie sind in Reihe und Serie geschaltet, alle verkaufen dasselbe, Zigaretten, Zeitschriften, Eis. Eine Subsistenzwirtschaft, die so weit den Mann nährt. In der Krise, so lesen wir sofort mit, werden diese Buden, die mit Vor-, Seiten- und Hinterdächern immer mehr wuchern, noch mehr Männer und Familien nähren müssen. Wahrscheinlich so lange, bis es für alle nicht mehr reicht.

Langer will an diesem Werk jetzt nicht die große Kritik am globalen Finanzkapitalismus aufhängen und wie das arme Griechenland immer weiter kolonisiert wird. Ist nicht in erster Linie sein Thema. Eigentlich hat sein Freund Ulrich Kost ihn auf dieses Motiv gebracht. Er hat’s auch fotografiert. Langer malt meistens von Fotografien ab. Aber was heißt Abmalen? Dieses innere Glühen, diese Temperierung, Gefühlsaufladung und Lichtsetzung aus diffuser Quelle, greller Quelle, dieses Durchglühtwerden durchaus mit dem Kontrastmittel des Röntgenapparats, das ist eben die Kunst in der Kunst des Bildermachens. Der spezifische Langer’sche Zugriff auf die Welt. Man steht davor und ist auf einmal Teilnehmer, nicht nur Zuschauer, Speichermedium von Oberflächeneindrücken. Ithaka ist die Heimat des Odysseus. Hat schon einen Grund, warum sein Schiff auf dem Dach der Bude durch schwere See schwankt. Der Hintergrund, das Hinterland von Ithaka, ist von Langer nur noch als lichterloher Irrgarten angedeutet. So, als ob überall Sirenen sitzen und mit ihrem Gesang-Gelicht die Schiffe auf die Felsen locken. Der Junge mit seinem Fahrrad steht vor Christos Bude, so heißt der Besitzer, und blickt in diesen grell ausgeleuchteten Ort der traurigen Gestalt. Die Buden haben von morgens bis nachts offen. Christo fristet darin ein beengtes, bewegungsloses Leben, informiert der Maler, Und trotzdem leuchten über ihm noch die Sterne.

Das ist diese Art von Kunstmacherei, die es für Langer sein muss. Wenn ein Bild nichts über das Leben, den Tod oder wenigstens einen Zustand dazwischen aussagt, dann soll es besser nicht gemalt werden. Jüngst besuchte Langer die Art-Messe in Karlsruhe. Was er sah, hat ihn nicht überzeugt. Gerade die Arbeit der Jungen, die ja bestimmungsgemäß wild sein sollte. „Mir fehlt die Seele“, sagt er dann, „das Anliegen.“ Und versucht eine Beschreibung der eigenen Befassung: „Ich versuche, den Betrachter irgendwo hinzubekommen, er soll berührt werden.“ Dabei darf für ihn durchaus etwas schön gemalt sein, handwerklich perfekt. Im nächsten Moment der Näher-Befassung aber „muss da etwas sein, was dich befremdet“.

Die Bettwärme ist perdu

Bruchstellen, bei denen der Betrachter sich zu entscheiden hat, treiben ihn auch in seiner Bett-Serie an. Da hat er Freunde gebeten, einen Draufblick mit der Kamera nehmen zu dürfen in dem Moment, wo sie ihre Schlafstätte verlassen. Ihre Träume zurücklassen. Das Bett, das ist ja das Intimste schlechthin. Wer es verlässt, „dem geht ein Teil des Schutzes verloren“, die Bettwärme ist perdu. Es braucht nicht viel Gedankenübertragung, um zu bemerken, dass die Flüchtenden, die über Griechenland ihren Weg nach Westeuropa suchen, just diese Wärme verloren haben. Nestwärme. Für uns eigentlich nur ein schön poetischer Begriff.

Langer nimmt Vorlagen her und fängt dann auf der Leinwand an, Weiterungen zuzulassen. Das verlassene große schwarze Schlauchboot, ein typisches Schleuser-Gefährt. Es wird umkreist von Hunden. Was war da vorher, was wird noch geschehen?

Dass die Ordnung der Welt Etagen hat, es ein Oben und ein Unten gibt und dass es zum Niveauausgleich mit allen verheerenden Folgen kommen muss, symbolisiert Langer in einer anderen Serie. Da nimmt er die Earth-Bilder von Google, und zwar die Standorte von Konzernen wie Nestle, Minengesellschaften in Südafrika oder Goldman Sachs, und schreibt die Koordinaten dazu. Wenn irgendwo „über das Menschliche hinweggetrampelt wird“, wie er sagt, dann will er es sein, der wenigstens die Spuren liest, dokumentiert, ins Große und Grelle überführt. Seine Suchscheinwerfer drauf richtet. Das Berührtwerden funktioniert nur so.

Störfälle

Störfälle nennt Hardy Langer sein breit ausgelegtes Tableau der Arbeiten im Zeitungshaus in Waiblingen. Eröffnet wird die Ausstellung diesen Sonntag, 28. Februar, 11.15 Uhr. Zu sehen bis zum 15. April montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr, freitags bis 16 Uhr.

Über die Bilder spricht Ulrich Kost, Künstler und Kunsterzieher aus Schorndorf.