Waiblingen

Hassparolen nach Fußball-Spiel: Drei junge Männer wegen Volksverhetzung vor Amtsgericht Waiblingen

Amtsgericht Bürgerzentrum Justiz Welfensaal Beamter
Das Amtsgericht Waiblingen verhandelte den Fall im Bürgerzentrum.
© ZVW/Benjamin Büttner

„Mitgefangen, mitgehangen“ - was das Sprichwort bedeutet, bekommen drei junge Angeklagte aus dem Rems-Murr-Kreis vor dem Amtsgericht Waiblingen zu spüren. Ihnen wird Landfriedensbruch und Volksverhetzung vorgeworfen. Coronabedingt wird im Bürgerzentrum verhandelt, um die Abstände zu garantieren.

Auf Videos der beiden Tatabende, die während der Verhandlung gezeigt werden, ist klar zu erkennen, wie sich die Stimmung am Tatabend hochschaukelt. Es war während der Fußball-WM 2018. Serbien verliert in der Vorrunde gegen die Schweiz, einige Tage später gegen Brasilien. Beide Male kommt es nach einem Public Viewing in der Innenstadt von Stuttgart zu Tumulten.

Mit dabei - wenn auch, wie sich im Verlauf der Verhandlung zeigt, als indirekt Beteiligte - sind zwei heute 24-Jährige und ein 18-Jähriger aus Waiblingen und Umgebung. Sie rufen und singen mit, als sich vor einem Café zwischen 250 und 300 Personen zusammenrotten, überwiegend Fans der serbischen Fußballmannschaft. Zuerst skandieren sie Fangesänge, später Hassparolen gegen albanische Mitbürger.

Mob bewirft Polizisten mit Gegenständen

Der Mob fackelt Pyrotechnik ab. Die einschreitenden Polizisten werden mit Gegenständen beworfen und auch verletzt. Die Verteidigung sieht ein „aktives Tun“ als gegeben, allerdings handele es sich lediglich um ein „Mitgejohle“: Da keiner der Mandanten Serbisch spreche, seien sie unfähig gewesen, den Gegenstand der Gesänge zu verstehen. Die Angeklagten hätten nicht mitgesungen, wenn sie den Sinn verstanden hätten, der einen „Anreiz zu Feindseligkeit und Gewalttätigkeit“ schaffen könne, so der Anwalt.

Polizist versteht Serbisch: Er wertet die Videos aus

Einer der als Zeugen geladenen Polizisten spricht Serbisch. Er sei zuständig gewesen für die Auswertung des Videomaterials und spricht von einem „Zufallstreffer“, dass der teils hetzerische Inhalt der Gesänge überhaupt bekanntgeworden ist. Er beschreibt zwei Rädelsführer, die umgeben sind von vielen anderen, die „gestikulierend, singend, tanzend unterstützt haben“. Darunter auch die Angeklagten, die auf den Videobildern die Hand hochreißen und aktiv mitsingen, wenn auch ahnungslos, dass die Worte gegen Albaner hetzen.

„Er hat aus der Stimmungslage heraus etwas mitgesungen, das er sich zusammengeklaubt hat nach dem Gehör“, beschreibt der Anwalt seinen Mandanten. Und als „anwesend, aber getragen von Neugierde“.

Der Verteidiger des zweiten Angeklagten sagt, dass die Beteiligung „von der Qualität her“ ein anderes Kaliber sei als die der Rädelsführer. Auf den Videos sind zwei vermummte Männer in der vordersten Reihe zu sehen, die die Menge anheizen.

Richter: „Sie hätten sich früher vom Acker machen können"

Richter Blattner wendet ein, dass zur inneren Distanz auch die räumliche, die äußere Distanz gehört hätte: „Sie hätten sich früher vom Acker machen können, als klar war, dass sich die Situation hochschaukelt.“

Strafmildernd wirke sich aus, dass die Ereignisse lange zurückliegen und sich die drei seitdem nichts zu Schulden haben kommen lassen.

Jugendhelferin geht von "Herdentrieb" aus

„Perspektivisch sieht es gut aus“, entlastet auch die Jugendgerichtshilfe das Trio mit Blick auf den sozialen Rahmen. Demnach leben alle in stabilen, vertrauensvollen Verhältnissen bei den Eltern, haben Arbeit, verdienen ihr eigenes Geld. Der jüngste bekommt Azubilohn. Keiner sei strafrechtlich in Erscheinung getreten. Das Mitsingen stuft die Jugendhelferin als Auswirkung des „Herdentriebs“ ein. „Einer fängt an, ohne den Verstand einzusetzen, einer springt und die anderen springen mit.“

Verfahren wird eingestellt

Das Gericht kommt den Anträgen der Verteidigung auf Einstellung des Verfahrens nach. Die Angeklagten müssen eine Geldstrafe zahlen. Als Ratschlag gibt der Richter den jungen Männern mit, sich künftig von solchen Situationen fernzuhalten. „Man sollte schauen, dass man das Weite sucht von Leuten, die Blödsinn machen und Pyro rumwerfen.“

„Mitgefangen, mitgehangen“ - was das Sprichwort bedeutet, bekommen drei junge Angeklagte aus dem Rems-Murr-Kreis vor dem Amtsgericht Waiblingen zu spüren. Ihnen wird Landfriedensbruch und Volksverhetzung vorgeworfen. Coronabedingt wird im Bürgerzentrum verhandelt, um die Abstände zu garantieren.

Auf Videos der beiden Tatabende, die während der Verhandlung gezeigt werden, ist klar zu erkennen, wie sich die Stimmung am Tatabend hochschaukelt. Es war während der Fußball-WM 2018. Serbien

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper