Waiblingen

Helmpflicht für Radfahrer?

Fahrradhelm
So ist’s recht. Nicht nur die Kinder tragen Helm. © Schneider / ZVW

Waiblingen. Nach dem Tod eines 85-jährigen Radfahrers vor kurzem in Aspach flammt die Diskussion um eine Helmpflicht wieder auf. Chefarzt Dr. Riepl spricht sich dafür aus, denn er kennt die Folgen eines Sturzes sehr genau. Der Fahrradclub ADFC und passionierte Radfahrer setzen auf freiwillige Einsicht.

E-Bike-Fahrer laufen Gefahr, Gewicht und Geschwindigkeit ihres Gefährts zu unterschätzen. Stürzen sie ohne Helm, ziehen sie sich zuweilen Verletzungen zu, „die mehr denen eines Motorradfahrers entsprechen als jenen eines Fahrradfahrers“, so Dr. Christoph Riepl, Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Winnenden.

„Einen Helm zu tragen sollte zur Pflicht werden“

„Einen Helm zu tragen ist immer anzuraten und sollte zur Pflicht werden“, so der Arzt. Prallt der Kopf ungeschützt gegen die Straße oder eine Bordsteinkante, drohen Brüche und Hirnblutungen, „die je nach Art und Lokalisation tödlich sein können“.

Offene Schädelverletzungen mit Schädigung des Hirngewebes bezeichnet der Arzt als die schlimmsten Folgen eines Sturzes ohne Helm. Nach einem Unfall können Einblutungen auch zeitlich verzögert auftreten, erläutert Dr. Riepl: „So kann es durchaus vorkommen, dass Verletzte nach dem Unfall umhergehen, normal reagieren, sprechen – und nach einiger Zeit bewusstlos zusammenbrechen und an einer Massenblutung versterben.“

Ohne Helm Sturz mit Mountainbike: Bub schwer verletzt

Der 85-jährige E-Bike-Fahrer, der am Vormittag des 10. April beim Fürstenhof in Aspach mit einem Auto zusammengestoßen war, verstarb noch am Abend desselben Tages. Der Mann hatte keinen Helm getragen. Schwere Verletzungen erlitt am selben Tag ein neunjähriger Junge in Remshalden (wir haben jeweils berichtet). Der Bub war mit seinem Mountainbike ohne Helm eine abschüssige Strecke hinuntergesaust und gestürzt.

Kinder tragen sehr viel häufiger einen Helm als Erwachsene (siehe Info-Box). Der Kreisseniorenrat Rems-Murr appelliert an Erwachsene, ihre Vorbildfunktion zu erfüllen und Helm zu tragen, nicht nur auf dem Pedelec, sondern auf jedem Rad. Eine gesetzliche Helmpflicht halten Seniorenräte mehrheitlich für nicht sinnvoll.

„Es sollte jedem selbst überlassen bleiben“

„Der Gesetzgeber sollte nur Verbote aussprechen, wenn er deren Einhaltung auch hinreichend überwachen kann. Das scheint aber in diesem Fall illusorisch zu sein“, nennt Dr. Heinz-Jürgen Kopmann, der Vorsitzende des Seniorenforums Schorndorf, einen der Gründe dafür. Zudem schade ein Radfahrer ohne Helm niemand anderem, nur sich selbst.

„Es sollte jedem selbst überlassen bleiben“, findet Rolf Dreher vom Seniorenrat Kernen. „Ich setze auf die Einsicht der Menschen“, sagt Klaus Werner aus Weissach im Tal. „Nachdem ich im weiteren Bekanntenkreis von schweren Radunfällen gehört habe, finde ich es ausgesprochen wichtig, einen Fahrradhelm zur Pflicht zu machen“, diese andere Meinung vertritt Gudrun Hanel aus Auenwald im Kreisseniorenrat.

Ein ungeschriebenes Gesetz der Physik

Ebenfalls für Helmpflicht spricht sich der passionierte Radfahrer Karl-Heinz Pscheidl aus Auenwald aus: „Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz der Physik, dass Radfahrer bei einem Unfall meistens über das Lenkrad absteigen, der Kopf ist immer vorne.“

Fahrradhelme schützen nicht in jedem Fall, betont der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Laut Pressesprecherin Stephanie Krone sind die Helme als Sturzhelme kreiert. Sie seien nicht dafür konstruiert, bei Kollisionen mit Autos und bei hohen Geschwindigkeiten zu schützen. Stephanie Krone verweist auf Ergebnisse der Unfallforschung, wonach handelsübliche Fahrradhelme den Träger nicht optimal schützen, „weil die häufig betroffenen Schläfen nur unzureichend abgedeckt werden“.

Sieben von 15 Helmen erhielten die Note „Gut“

Das ist nicht der Hauptgrund, weshalb sich der Fahrradclub gegen eine Helmpflicht ausspricht. Eine Pflicht würde vielen Radlern das Fahrradfahren vergällen, befürchtet der Club und spricht gar von zu erwartender „schlagartig zurückgehender Fahrradnutzung“: „Das ist beispielsweise aus Australien bekannt, wo die Helmpflicht Anfang der 1990er Jahre eingeführt wurde.“

Der Club berät seine Mitglieder, welche Fahrradhelme taugen. Die Stiftung Warentest hat erst vor wenigen Tagen ihre Ergebnisse nach Tests von Fahrradhelmen veröffentlicht. Sieben von 15 Helmen erhielten die Note „Gut“. Viele Anbieter haben beim Schläfenschutz nachgebessert, lobt die Stiftung Warentest.

Kinder tragen Helm, Erwachsene oft nicht

  • Im Rems-Murr-Kreis hat die Polizei im vergangenen Jahr 301 (Vorjahr: 300) Unfälle registriert, bei denen Radfahrer beteiligt waren. Zwei Radfahrer starben. 55 Radfahrer erlitten schwere, 212 Radfahrer leichte Verletzungen.
  • Laut einer Erhebung der Bundesanstalt für Straßenwesen trugen im Jahr 2015 innerorts 18 Prozent der Radfahrer einen Helm. 76 (69) Prozent der Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren waren mit Fahrradhelm ausgestattet. Der Höchststand von 75 Prozent aus dem Jahr 2013 wurde damit übertroffen. Rückläufig ist die Quote bei den Elf- bis 16-Jährigen: 29 Prozent trugen Helm, das sind zwei Prozentpunkte weniger als im Jahr davor.
  • Die Ergebnisse der Bundesanstalt für Straßenwesen verwundern: Sieht man Gruppen von Kindern mit dem Fahrrad auf dem Schulweg, baumelt bei sehr vielen der Helm am Lenker.