Waiblingen

Hoppla, Kirche, du lebst ja noch!

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Im Kindergarten St. Miriam werden christliche Werte vermittelt. © Leonie Kuhn
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Senioren beim Frühstück in der Tagespflege.
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Anschließend wird gemeinsam Zeitung gelesen.
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Der Leiter des Seniorenzentrums Thomas Sixt-Rummel (rechts) führt seine Gäste durch die Räume.
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Im Garten können die Senioren spazieren gehen.
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Direkt neben dem Seniorenzentrum grenzt der Kindergarten St. Miriam an.
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Im Kindergarten können die Kleinen malen und spielen.
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Früher war das Marienheim ein Seniorenzentrum.
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Sozialarbeiter Matthias Engel stellt das Kinderzimmer vor.
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Auf der Wand im Kinderzimmer ist die Arche Noah gemalt worden.
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Die Sozialarbeiter zeigen verschiedene, leerstehende Zimmer.
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Hier können die Bewohner kochen.
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Klare Regeln.
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Die Kleiderkammer im Marienheim.
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Im Moment wird hier noch Sommerkleidung verkauft.
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Schulleiterin Evelyn Niemann führt durch die Räume.
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Ein Tafelanschrieb von der letzten Prüfung.
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Hier lernen die Schüler Holz zu verarbeiten.
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Dafür stehen ihnen verschiedene Geräte zur Verfügung.
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In den Pausen können die Schüler Tischkicker spielen.
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Ingrid Lüdecke, die Mutter des Murrhardter Begegnungscafés, im Gespräch mit Caritas-Leiter Hendrik Rook. © Picasa
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Hier bekommt jeder einen Kaffee.
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Einmal in der Woche trifft sich hier die Handarbeits-Gruppe.
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Im Begegnungscafé gibt es auch Schmuck zu kaufen. © Picasa
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Das Herz des Cafés: Seine Mitarbeiter.
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Das Schild wurde extra für das Café entworfen.

Waiblingen. Heute gehen wir die Kirche suchen: Wo wohnt die Zuversicht, die aus dem Glauben kommt? Wo leben die christlichen Werte, die oft genug bloß in Sonntagsreden wohlfeil beschworen werden? Chronik einer katholischen Reise durch den Rems-Murr-Kreis.

Das Fazit im Video finden Sie hier.

Wer am Sonntag in die katholische Kirche geht, kann depressiv werden: Da hocken ja bloß ein paar Leute rum. Aus dieser Perspektive wirkt Kirche wie der Scheinriese Herr Turtur im Jim-Knopf-Buch: mächtig und groß von weitem; und schrumpfend mit jedem Schritt, den man nähertritt.

Aber Moment: Kirche ist ja wohl nicht bloß das Gebäude mit dem Turm. Kirche ist überall da, wo Jesus ist; und überall da, wo zwei oder drei Leute in seinem Namen beisammen sind, um der Wertespur zu folgen, die er ausgelegt hat, da ist Jesus mitten unter ihnen. So steht es in der Bibel.

„Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten.“

Die katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart ist derzeit mitten in einem Erneuerungsprozess – vielleicht könnte man auch sagen: einem Selbstfindungsprozess. Das Motto: „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten.“ Kirchengemeinden und Dekanate spüren der Frage nach: Wo stehen wir, wie wollen wir wahrnehmbar sein, was können wir den Menschen geben?

Also: Suchen wir kirchliche Orte! Fahren wir los, mit einem Kleinbus der Caritas durch den Landkreis. Mit an Bord: Dekanatsreferentin Kornelia Vonier-Hoffkamp, Dekanatsgeschäftsführer Uli Häufele, Caritas-Regionalleiter Hendrik Rook.

Mal sehen, ob die Wüste lebt.

Alt trifft Jung im Haus Miriam

Ein Kinderspielplatz wird gebaut, ältere Anwohner protestieren, es ist ihnen zu laut. Derlei kommt vor, aber es geht auch anders: Bauen wir ein Seniorenheim; und direkt daneben – einen Kindergarten! Dann können die Alten, wenn die Jungen draußen tollen, zum Fenster rausschauen und sich daran freuen. So läuft das in Waiblingen im katholischen „Haus Miriam“.

Video: Die Leiterin des Kindergarten und der Leiter des Seniorenzentrums über das gemeinsame Konzept.

Hier ist „Leben in der Bude“, sagt Pflegeheimleiter Thomas Sixt-Rummel: 80 Ehrenamtliche aus der näheren Umgebung und der Kirchengemeinde schauen regelmäßig vorbei; im Speisesaal ist täglich offener Mittagstisch für Heimbewohner, Angehörige und Nachbarn; 50 bis 60 Schulpraktikanten pro Jahr machen sich nützlich.

Die Alten gehen in den Kindergarten und erzählen den Jungen aus ihrem Leben, die Jungen spazieren mit den Alten ums Haus beim Martinsumzug. Ein schwerst Dementer sitzt draußen im Rollstuhl, keine Regung belebt sein Gesicht, er ist unerreichbar für Ansprache. Unerreichbar? Neben ihm spielt ein Kind im Sandkasten, formt einen Kuchen, singt ein Lied. Die Augen des Greises weiten sich, und wer genau hinschaut, kann es sehen: ein Lächeln.

Wenn jemand stirbt, „wird er nicht durch den Wirtschaftshof entsorgt. Vor dem Haupteingang steht der Bestatter.“ Auch die Kinder sehen den Leichenwagen. So entstehen Gespräche über Gott und Gefühle. Aber haben die Väter und Mütter von Eray, Osman und all den anderen muslimischen Kindern im Haus Miriam denn kein Problem mit dem ganz offen christlichen Geist dieses Ortes? „Viele muslimische Eltern sind dankbar, dass Gott in unserer Einrichtung ein Thema ist“, sagt Kindergartenleiterin Judith Fischer. Im Austausch entdeckt man verblüffende Gemeinsamkeiten und noch verblüffendere Unterschiede. Gemeinsamkeit: „Auch für Muslime ist Maria die Mutter Jesu.“ Unterschied: „Die Jungfrauengeburt wird bei den Muslimen nicht im Ansatz angezweifelt.“

„Wir sind Kirche!“, sagt Thomas Sixt-Rummel. „Kindergarten und Pflegeheim sind wir auch.“

Im Marienheim wohnen heute Flüchtling

Das Waiblinger Marienheim, eine etwas welke Schönheit, war früher ein Altenheim, heute leben hier rund 300 Flüchtlinge. Die Weite der Korridore, die Größe der Räume, der Begegnungssaal, das Spielzimmer – so viel Platz ist „total untypisch für die normale Flüchtlingsunterkunft“, sagt Caritas-Sozialarbeiter Matthias Engel. Zur Not ließen sich auch 600 reinpacken, aber die katholische Kepplerstiftung verzichtete lieber auf erhebliche Miet-Mehreinnahmen, als Hilfsbedürftige zusammenzupferchen. Auch das ist nicht selbstverständlich. In den dramatischsten Zeiten der Flüchtlingskrise barmten landauf, landab Kommunen und Landkreise händeringend um Quartiere – und zahlten in ihrer Verzweiflung bisweilen Wucherpreise an Immobilienbesitzer, die mit dem Aufstellen von Feldbetten das Geschäft ihres Lebens machten.

Video: Zwei Sozialarbeiter über ihre Arbeit in einer Flüchtlingsunterkunft.

Aktuell helfen etwa 60 Ehrenamtliche, „ganz viele aus der Antonius-Gemeinde“, auch „aus der Nachbarschaft“. In diesem ehemaligen katholischen Altenheim wird neuerdings das muslimische Zuckerfest gefeiert – das Glanzlicht des Jahres aber für die hundert hier lebenden Kinder war der Besuch des Nikolaus: Sie drängten sich mit Riesen-Augen um den heiligen Bischof aus Myra, jener Stadt in der heutigen Türkei.

Flüchtlingsarbeit, sagt Hendrik Rook, „gehört zum Wesenskern von Kirche“. Wer das bezweifeln sollte, hat wirklich nicht den blassesten Schimmer von christlicher Kultur. Am Ende der Zeit wird der Herr jene erhören, von denen er weiß: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ Matthäus, Kapitel 25, Vers 35.

Die Franz-König-Schule gibt Jugendlichen eine zweite Chance

Gehen wir in den Hinterhof, die Treppe hoch, am Tischkicker vorbei, weiter zu den Klassenzimmern und Werkstätten. Nichts ist protzig hier, nichts spektakulär komfortabel, es gibt ein paar abgestoßene Ecken und enge Winkel, aber du spürst gleich: Geschäftig geht es hier zu und vital. Die Franz-König-Schule im Waiblinger Gewerbegebiet Ameisenbühl ist eine private Berufsfachschule unter Trägerschaft der Caritas. Junge Leute können hier einen Schulabschluss nachholen oder sich vorbereiten auf den Einstieg in eine Lehre.

Es ist eine kleine Schule, drei Klassen, 50 Schüler – aber für viele, die aus Afrika oder Syrien Hunger und Krieg entkommen sind, ist sie die erste echte Chance ihres Lebens; und die zweite, dritte, vierte für viele andere, die vor lauter verunglückten Versuchen schon fast verlernt haben, an sich zu glauben. Ein kirchlicher Ort? Selbstverständlich, sagt Schulleiterin Evelyn Niemann: „weil wir uns gezielt Jugendlichen annehmen, die besondere Förderung brauchen“. Hier lernen nicht die Musterknaben und Überfliegerinnen, sondern die Entwurzelten und Geflohenen, die am Schulsystem Verzweifelten. Hendrik Rook von der Caritas sagt: „Wir wollen genau die.“

Der gemeinsame Religionsunterricht ist Pflicht, ob Christ oder Muslim. Die einen lernen das Zuckerfest kennen, die anderen erfahren, was es eigentlich mit diesem Weihnachten auf sich hat. Zusammen besuchen sie auch Gotteshäuser. Und wenn ein muslimischer Jugendlicher sagt: In eine katholische Kirche setze ich keinen Fuß? Dann antworten die Lehrer: Doch – und danach zeigst du uns die Moschee. „Wir muten den Schülern die Auseinandersetzung zu.“

„Ungemein sinnhaft“ sei dieser Ort – und viele Waiblinger Katholiken wissen wohl nicht einmal, dass es diese Schule gibt; diese Kirche der zweiten Chance.

Kirche ist überall: Drei Begegnungen

Eine Zeitungsseite reicht nicht, um diesen Tag auf den Spuren von Kirche zu beschreiben. Allein eine Seite ließe sich füllen über den Reli-Lehrer und Schulseelsorger Heinz Rupp, der in der Albertville-Realschule nach dem Amoklauf die „Ökumenische Schulgemeinschaft“ und nun in der Waiblinger Salier-Realschule das „Café Fair“ aufzubauen half. Hier treffen sich Schüler zwischen Hot-Dog-Maschine, „Insel der Harmonie“-Tee, Bio-Cola und fair gehandeltem Kakao. Das Café Fair ist Kirche.

Allein eine Seite ließe sich füllen über Martin Stierand und die Krankenhausseelsorge. Eine Klinik ist ein Körper-Reparaturbetrieb? Eine Klinik ist auch ein Ort, wo Menschenmacht an ihr Ende kommt – in einem Haus von der Winnender Größe sterben täglich zwei, drei Patienten. Die Seelsorger stehen Erlöschenden bei, finden Worte, wenn den Angehörigen die Sprache versiegt, beten dem Gläubigen ein Vater unser, halten dem Ungläubigen die Hand. Eine Klinik ist Kirche.

Video: Bewegende Worte beim Besuch der Suchtberatung in Backnang.

Allein eine Seite ließe sich füllen über Ursula Jaschinski, Vorsitzende des „Kreuzbundes“ in Backnang, einer katholischen Sucht-Selbsthilfegruppe. Einst fand Jaschinski hier selber Beistand. 30 Jahre täglichen Rotweins hatten ihr Suchtgedächtnis geprägt, Freunde und Familie drängten ratlos: „Wir möchten nicht, dass du vor die Hunde gehst.“ Sie stieß zur Kreuzbundgruppe – „ich war sowas von überrascht, wie herzlich die Leute sind!“ Und, nicht zu fassen: „fröhlich ohne Alkohol!“ Die Gruppe „hat mich begleitet zur Entgiftung“, die Gruppe trug sie nach der Therapie – seither ist Ursula Jaschinski trocken und hilft anderen auf dem Weg aus der Sucht. Eine Selbsthilfegruppe ist Kirche.

Das Begegnungscafé Murrhardt

Und nun willkommen in der Kirche des Kartenspiels und der handgestrickten Socken, der Kirche des Holunderblütensirups und der Lavendelsäckchen, willkommen im Begegnungscafé Murrhardt, dem ersten Haus am Platze, dem Herz der Stadt, willkommen im Mutterbauch der Lebensfreude: Da drüben spielen ein paar am Kartentisch die Trümpfe aus, von dort hinten, wo vier reizende ältere Damen in ihre Strickarbeiten vertieft sind, schallt es unter Gelächter: „Wir sind die lustige Handarbeitsgruppe!“ Und zwischen Leuchtsteinen, Sonnenblumen, Häkel-Entchen, Bonsai-Töpfchen mit Ringelblumensalbe und einem Regal voller Bibeln und Kreuzworträtselbücher sitzt – weiß das Haar, türkis und hoffnungsgrün die Kleider – Ingrid Lüdecke: über 80 Jahre alt; eine Persönlichkeit mit Riesenherz und genauso großem Temperament.

Mit diesem Café fing sie 1998 „auf der Straße an“. Früher hatte die Kirchengemeinderätin eine Schule für geistig Behinderte aufgebaut – und nun „fahr ich durch die Stadt und sehe, wie ein Schüler einen stadtbekannten Alkoholiker hänselt.“ Sie dachte: „Lüdecke, du bisch ja blöd“, wenn du da nichts machst. Fortan gondelte sie mit dem Fahrrad all die Winkel ab, wo Obdachlose und Versprengte hausten, und brachte Kaffee vorbei. Bisweilen spürte sie, wie es hinter ihr tuschelte: „Jetzt isch se voll abgsoffa“, die Lüdecke wird bald selber in der Gosse landen. Sie aber beschloss: Lüdecke, du wirst ein Café aufmachen, mitten in Murrhardt, und dort soll „jeder Heimat finden“, egal, wer er ist, wie er aussieht, was er hat. Sie ging Klinken putzen, warb, schnorrte, fand einen Raum und tat Handwerker auf: „Tut mir leid, Geld hab ich keins, aber ihr helft mir jetzt!“

60 ehrenamtliche Helfer packen mit an

Im Jahr 2000 öffnete das Begegnungscafé seine Tür, und seither kommen Gebrechliche und Kregle hierher, Fußläufige und Rollstuhlfahrer, Depressive und Frohnaturen, Abgestürzte und Gutbürgerliche, und 60 ehrenamtliche Helfer packen mit an.

„Wenn wir Maß nehmen an Jesus“, sagt Ingrid Lüdecke, „dann müssen wir rausgehen!“ Raus aus dem Kirchenschiff, raus auf die Straße, zu den Leuten, ins Leben, raus ins Altenheim, raus in den Rinnstein.

Aber wie ist das eigentlich – muss, wer hier einen Kuchen will, bezahlen? Lüdecke, entrüstet: „Jaaa! Natürlich! Aber wer nicht zahlen kann, kriegt auch was.“

Eine Reisebilanz

Ja, sagt Dekanatsreferentin Kornelia Vonier-Hoffkamp, es stimmt: „Wenn ich sehe, wie leer der Gottesdienst ist, kann ich depressiv werden – wenn ich schaue, wie lebendig Kirche ist, bin ich voller Hoffnung.“

Video: Das Fazit von ZVW-Redakteur Peter Schwarz und seinen Reisebegleitern nach ihrer Tour.


Alltagshilfe

Auch das ist Kirche: Einrichtungen, wie die Backnanger Sozialstation, kümmern sich um Menschen, die zu Hause leben und Unterstützung brauchen: Medikamente geben, Gummistrümpfe anziehen, waschen oder baden, einkaufen gehen, Wohnung putzen, ein offenes Ohr für ein gutes Gespräch haben.

Dazu kommt in Backnang die ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe, möglich gemacht von rund 70 Helferinnen.

Leitbild: nicht nur Pflegepersonal zu sein, sondern Bezugsperson.