Waiblingen

Hundeführerschein könnte Pflicht werden: Bei welchem Punkt eine Hundetrainerin "Bauchweh" hat

Hundefüherschein
Symbolfoto: Ein Führerschein für den Hund? Was hat es damit auf sich? © ZVW/Habermann

Was haben ein Hund und ein Auto gemeinsam? Was nach dem Beginn eines schlechten Witzes klingt, könnte zu einem Fakt werden: Hund und Auto haben tatsächlich etwas gemeinsam – für beides braucht man in Baden-Württemberg künftig wohl einen Führerschein. Das haben Grüne und CDU nämlich in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart. Eine Tierschützerin und eine Hundetrainerin aus Waiblingen sehen noch viele ungeklärte Fragen. Dennoch befürworten sie den Hundeführerschein.

Koalition beschließt Führerschein ohne weitere Vorgaben

Unter der Überschrift „Hunde, Katzen und andere Heimtiere“ heißt es im Koalitionsvertrag von Grünen und CDU in Baden-Württemberg, dass „nach niedersächsischem Vorbild ein theoretischer und praktischer Sachkundenachweis sowie eine Kennzeichnungs-, Registrierungs- und Versicherungspflicht für die Hundehaltung eingeführt“ werden. Dieser Sachkundenachweis, umgangssprachlich auch „Hundeführerschein“ genannt, betrifft nun auch die örtlichen Hundehalter. Doch was ist damit gemeint?

„Das wissen weder die Grünen noch die Schwarzen bisher genau“, sagt Heike Benzing lachend am Telefon. Die 47-Jährige ist Inhaberin der Hundeschule „4Steps4Dogs“ in Waiblingen. Die beiden Parteien hätten bislang nur festgelegt, dass der Führerschein komme, aber es gebe noch nichts Konkretes und auch keinen zeitlichen Ablauf, sagt Heike Benzing.

Vorbild ist Niedersachsen: Dort gibt es bis zu 10.000 Euro Strafe

Vorbild des Vorstoßes ist Niedersachsen. Hier gibt es den Hundeführerschein schon seit 2011. Das „Niedersächsische Gesetz über das Halten von Hunden“ (NHundG) wurde dazu neu gefasst. Die Sachkunde wird danach durch eine theoretische und eine praktische Prüfung nachgewiesen. Die Theorie muss abgelegt werden, bevor ein Hund angeschafft wird, die Praxis während des ersten Jahres der Haltung.

Für Antje Geis vom Tierschutzverein Waiblingen macht dieses Vorgehen wenig Sinn: „Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, den Führerschein vorab zu machen. Die Halter sollten sich bereits informiert haben, welchen Hund sie haben möchten, und über dessen individuelle Bedürfnisse dann die Prüfung ablegen müssen.“

In der theoretischen Prüfung sollen potenzielle Hundehalter laut des NHundG zeigen, dass sie unter anderem Kenntnisse über das Sozialverhalten von Hunden und rassespezifische Eigenschaften haben. Außerdem müssen sie Gefahrensituationen mit Hunden erkennen können und auch etwas über die Hundeerziehung wissen. In der praktischen Prüfung müssen diese Kenntnisse dann auch angewendet werden. Wer in Niedersachsen einen Hund hält, ohne die Sachkunde nachweisen zu können, handelt ordnungswidrig im Sinne des NHundG. Das kann mit einer Geldbuße von bis zu 10.000 Euro geahndet werden. Abgenommen wird die Prüfung in Niedersachsen von Personen oder Einrichtungen, die eine Fachbehörde zu diesem Zwecke anerkannt hat, wie es in der Gesetzessprache heißt.

"Bauchweh" bei Abnahme durch Hundeschulen

Wo Hundehalter aus Waiblingen den Führerschein ablegen können, steht noch nicht fest. Auf Nachfrage bei der Stadt heißt es dazu: „Solche Details sind noch nicht bekannt.“ Denkbar wäre es, die Prüfung in einer Hundeschule abzulegen.

Doch haben diese dafür überhaupt Kapazitäten? Heike Benzing meint dazu: „Illusorisch ist das nicht.“ Die Inhaberin einer Hundeschule hat allerdings die Befürchtung, dass aufgrund der hohen Nachfrage auch Hundeschulen die Prüfung anbieten werden, die mit veralteten Methoden arbeiten. „Da habe ich ein bisschen Bauchweh, wenn auch Schulen den Führerschein abnehmen, die noch mit Strafen arbeiten“, sagt Heike Benzing.

Auch Antje Geis hat Bedenken im Hinblick auf die Abnahme der Prüfung durch Hundeschulen: „Ich sehe da Schwierigkeiten bei der Einheitlichkeit. Es gibt ja unzählige Hundeschulen. Mir fehlt da die Idee, wie repräsentativ dieser Führerschein dann ist, wenn es keine einheitlichen Standards gibt“, sagt die 44-Jährige.

Werden Sozialhilfeempfänger finanziell unterstützt?

Das Vorbild Niedersachsen zeigt auch in anderer Hinsicht, dass nicht alles einheitlich ist – nämlich in Bezug auf den Preis. Über den genauen Betrag entscheidet der jeweilige Prüfer. Beide Prüfungen kosten in Niedersachsen jeweils 40 Euro aufwärts. Was der Führerschein in Waiblingen kosten wird, ist laut Stadt ebenfalls noch nicht bekannt.

Ebenso wenig gibt es schon Informationen darüber, wem die zusätzlichen Einnahmen aus dem Führerschein zugutekommen werden. Der Stadt? Den Hundeschulen? „Es wäre auch schön, wenn das Geld an den Tierschutz geht oder das Tierheim“, sagt Hundeschulen-Inhaberin Heike Benzing. Für die Hundeschulen läge ein finanzieller Gewinn darin, dass sie Vorbereitungskurse für die Prüfung anbieten könnten, sagt sie. Die Vorbereitungskurse werden zwar – so wie in Niedersachsen – nicht verpflichtend sein. „Aber viele Hundehalter haben die Vorbereitung nötig“, meint Heike Benzing.

Mit Blick auf die Finanzen wirft Heike Benzing eine weitere wichtige Frage auf: „Was ist denn mit sozial benachteiligten Personen, die sich die Prüfung nicht leisten können? Ich denke da zum Beispiel an die Rentnerin, die kein Geld für einen Hundeführerschein hat. Ich hoffe, dass die nicht auf der Strecke bleiben.“ Manch ein Prüfungsanbieter berücksichtigt es bei den Preisen zwar, wenn der Hundehalter Sozialhilfe erhält. Eine Befreiung vom Sachkundenachweis gibt es in Niedersachsen für Sozialhilfeempfänger aber nicht.

Das niedersächsische Vorbild lässt eine Befreiung von der Prüfung aber in den Fällen zu, in denen die Sachkunde anders nachgewiesen werden kann. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn eine Person innerhalb von zehn Jahren vor der Haltung eines neuen Hundes mindestens zwei Jahre am Stück bereits einen Hund gehalten hat. Zudem sind Menschen befreit, die von Berufs wegen eine ausreichende Sachkunde mitbringen, etwa Tierärzte.

Was ist mit einem „Katzenführerschein“?

Wie ein Hundehalter in Waiblingen, der den Führerschein für den Hund geschafft hat, den Nachweis über die Prüfung erbringt, steht – wie so vieles – ebenfalls noch nicht fest. Denkbar ist, den Nachweis über die Hundesteuermarke abzuwickeln. Dass in Zukunft jeder Hundehalter beim Spaziergang mit Bello vom Ordnungsamt angehalten und nach seinem Führerschein gefragt wird, scheint dann doch unrealistisch.

So mancher Hundehalter mag sich durch diese neue Vorgabe des Landes diskriminiert fühlen, schließlich ist von einem „Katzenführerschein“ nicht die Rede. „Der Hund steht aber viel mehr in der Öffentlichkeit als andere Tiere“, sagt Antje Geis dazu. „Er muss in der Öffentlichkeit sicher geführt werden.“ Das sieht auch Heike Benzing so: „Bei Tieren, von denen eine größere Gefahr ausgeht, macht der Führerschein auch mehr Sinn“, sagt sie.

Schutz der Tiere und der Öffentlichkeit gleichermaßen

Die Koalition möchte mit der Führerschein-Pflicht unter anderem Beißattacken durch Hunde minimieren. Denn: „Viele Beißunfälle passieren im familiären Umfeld. Nicht nur Kampfhunde beißen“, sagt Heike Benzing.

Die neue Regelung soll nach Vorstellung der Landesregierung aber auch dem Tierschutz dienen, indem die Halter sich mit den Bedürfnissen ihrer Tiere vor der Anschaffung beschäftigen müssen. „Wenn der Mensch etwas über die Bedürfnisse und das Verhalten seines Tieres lernt, werden natürlich auch Beißunfälle minimiert, weil der Halter Situationen besser einschätzen kann. Da schließt sich dann der Kreis“, sagt die Hundeschulen-Inhaberin Heike Benzing.

Im Ergebnis befürworten sowohl die Tierschützerin Antje Geis als auch Heike Benzing den Hundeführerschein. Mit Blick auf die Bedürfnisse von Tieren halten beide den Führerschein auch für andere Haustiere für sinnvoll. „Für eine artgerechte Haltung wäre ein Führerschein auch bei Katzen, Kaninchen und Co. super“, sagt Antje Geis. Heike Benzing ergänzt: „Ich stelle mir da nur die Überprüfung des Sachkundenachweises etwas schwierig vor.“

Was haben ein Hund und ein Auto gemeinsam? Was nach dem Beginn eines schlechten Witzes klingt, könnte zu einem Fakt werden: Hund und Auto haben tatsächlich etwas gemeinsam – für beides braucht man in Baden-Württemberg künftig wohl einen Führerschein. Das haben Grüne und CDU nämlich in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart. Eine Tierschützerin und eine Hundetrainerin aus Waiblingen sehen noch viele ungeklärte Fragen. Dennoch befürworten sie den Hundeführerschein.

Koalition beschließt

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