Waiblingen

„Ich war nicht ich selbst“ - Waiblinger Dachfenster-Werfer sagt: Eigentlich sei er "ganz friedlich"

Dachfensterwerfer
Mann auf dem Dach - der Fall erregte im September großes Aufsehen in Waiblingen.

Im Prozess gegen den Reihenhaus-Brandstifter, der mit dem Wurf von Dachziegeln und einem Dachfenster versuchten Totschlag an Polizeibeamten verübt haben soll, hat das Stuttgarter Landgericht Zeugen gehört. Es wurden auch Filmaufnahmen der Polizisten aus deren Bodycams eingeführt. Und eine Rolle spielte dazu der Brief einer Frau aus Bittenfeld, die den Bericht unserer Zeitung über den Prozessauftakt gelesen hat ...

"Alles abgesperrt" - und "gefühlt 10 000 Menschen"

Zunächst ging es um die Suchtgeschichte des Angeschuldigten, der angab, bereits im Alter von elf Jahren Drogen konsumiert zu haben. Alkohol, wie er auch bei der Tat am 8. September vergangenen Jahres gegen 19.15 Uhr bei dem Großeinsatz von Polizei und Feuerwehr in der Neustädter Straße im Spiel war, habe er getrunken, um von harten Drogen wie Kokain, Ecstasy und Amphetamin wieder runterzukommen. Zur Tat selbst ließ der Dachdecker seinen Verteidiger, Dr. Markus Bessler, erklären, er übernehme die volle Verantwortung für das, was passiert ist. Das Dachfenster des Reihenhauses habe er herausgerissen, weil er Rauch gerochen hätte. Seine Erinnerung setze erst wieder ein, als er im Winnender Zentrum für Psychiatrie ans Bett fixiert war und Polizisten vor ihm standen. „Ich war nicht ich selbst“, schätzte der 36-Jährige seinen Zustand zur Tatzeit ein.

Die 34-jährige Lebensgefährtin des Angeklagten, die in einem Notruf der Polizei gemeldet hat, dieser hätte sich im Ausnahmezustand im Haus verbarrikadiert und würde Gegenstände kaputt machen, berichtete von Streitigkeiten im vorausgegangenen Spanien-Urlaub mit Ausläufern zu ihrer Schwester und ihrer „bestimmerischen“ Mutter sowie von Auseinandersetzungen in der Quarantäne nach dem Urlaub. Sie sah ihren Partner, den sie aufgefordert hatte, auszuziehen, „voll auf Drogen“, als er von draußen zu den Kindern rief, „der Papa ist da“ und ein Blumentopf gegen das Fenster flog. Mit den Worten „Das ist mein Zuhause, hier kriegt mich keiner raus“, habe sich der Angeklagte mit den Kindern vor den Fernseher gesetzt, worauf sie die Kinder zu ihrer Schwester gebracht habe. Als sie mit der Schwester zurückkam, habe sie ihr Partner gefragt, ob sie Verstärkung mitbringt. Und als sie draußen die Polizei verständigt habe, sei Rauch aus dem Haus gekommen.

„Da war alles abgesperrt, und gefühlt 10 000 Menschen standen herum“, beschrieb die Frau den Polizeieinsatz „wie im Film“. Aus heutiger Sicht wisse sie nicht, ob das alles passiert wäre, wenn sie den Angeklagten einfach schlafen lassen hätte. Vom Wurf des Dachfensters auf Polizisten habe sie nichts mitbekommen, aber zum auf dem Dachfirst stehenden Angeklagten habe sie gerufen, er solle doch endlich springen, dann habe das alles ein Ende.

„Ich bin ja ganz friedlich“ - aber an diesem Abend flog ein Dachfenster

Als der Angeklagte sich bei seiner Lebensgefährtin entschuldigt hatte, verlas Richter Rainer Gless einen Brief, den eine Frau aus Bittenfeld nach dem Lesen unseres letzten Berichts an das Gericht geschrieben hat. Sie teilte mit, der Angeklagte habe am 22. Juli 2019 ihrem Ehemann auf einer Leonberger Baustelle, wo beide arbeiteten, das Leben gerettet. Ihr Mann habe einen Herzinfarkt erlitten, und der Angeklagte habe als Einziger erkannt, dass er reanimieren muss, und das auch getan.

Ein 30-jähriger Polizist, der mit im Einsatz war, sagte aus, der Beschuldigte habe gedroht, allen, die ins Haus kommen, etwas anzutun, als das Reihenhaus umstellt war. Beim Gang ins Gebäude hätten vier Polizisten einen Brandherd in der Küche festgestellt, mit Wasser gelöscht und den Kollegen die Haustüre geöffnet. Mit Worten sei keine Annäherung zu dem Mann auf dem Dach zustande gekommen. Er habe gesehen, berichtete der Zeuge weiter, wie ein Kollege draußen plötzlich nach hinten sprang, und da sei das etwa 21 Kilo schwere Dachfenster geflogen gekommen. Unmittelbar danach habe ein Kollege gerufen, der Mann auf dem Dach bewaffne sich jetzt mit Dachziegeln.

Da, so der Zeuge, habe er seine Bodycam eingeschaltet. Die Filme hat sich das Gericht bereits angeschaut. Es ging schon noch Zeit ins Land, und der Ton war auch nicht gerade freundlich, bis der Angeklagte mit erhobenen Händen aus der Haustüre kam, sich hinkniete und dann auf den Boden legte, damit die Polizeibeamten ihm Handschließen anlegen und sich sagen lassen konnten: „Ich bin ja ganz friedlich.“

Im Prozess gegen den Reihenhaus-Brandstifter, der mit dem Wurf von Dachziegeln und einem Dachfenster versuchten Totschlag an Polizeibeamten verübt haben soll, hat das Stuttgarter Landgericht Zeugen gehört. Es wurden auch Filmaufnahmen der Polizisten aus deren Bodycams eingeführt. Und eine Rolle spielte dazu der Brief einer Frau aus Bittenfeld, die den Bericht unserer Zeitung über den Prozessauftakt gelesen hat ...

"Alles abgesperrt" - und "gefühlt 10 000 Menschen"

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