Waiblingen

IG Metall: Kundgebung mit 500 Arbeitnehmern

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Der VfB-Fanblock hätte das nicht überzeugender hingekriegt: Metall-Arbeiter fordern auf dem Waiblinger Rathausplatz mehr Lohn. © Büttner/ZVW

Waiblingen. Die IG Metall feiert eine „geile Tarifrunde“: mit Krawummrhetorik und Rote-Fahnen-Farbkraft. Am Mittwochmittag demonstrierten rund 500 Metallarbeitnehmer auf dem Waiblinger Rathausplatz. Ihre Forderung: „Sechs Prozent mehr ist fair!“

Eine Viertelstunde lang hatte es ausgesehen, als sei die IG Metall auch nicht mehr, was sie mal war: Um 13.30 Uhr, offiziell der Beginn der Kundgebung, schlichen nur zwei Handvoll Rotbemützte umeinander her, die Kaffee-Kanonen brüteten traurig überdimensioniert vor sich hin, und dass dazu auf der Lastwagenbühne die Lenz Brothers einen Sänftelklassiker von Donovan spielten (“Catch the Wind“, fang den Wind), ließ auch nicht direkt Aufruhrbrodem durch die Fastfrühjahrsmilde dieses Januarsonnentages wabern. Aber dann.

Es beginnt, mit einer starken Viertelstunde Verspätung, als fernes Wispern – eine ahnungsvolle Luftschwingung, nicht mehr. Sie verdichtet sich zum akustischen Zittern, schwillt auf zum Schrillen: Trillerpfeifenlärm. Und jetzt, da hinten, biegen sie um die Ecke, durch die Kurze Straße ziehen sie heran: Rote Fahnen. Rote Mützen. Rote Westen. Rote Schals. Hundert, zwei-, vierhundert – und der Zug reißt immer noch nicht ab. Vorneweg: der Waiblinger IG-Metall-Geschäftsführer Matthias Fuchs mit wild entschlossen zauselndem Langhaar – trüge er dazu noch Bart und Sandalen, ginge er als Barrikadenjesus durch. Und jetzt stimmt auch die Musik: Tracy Chapman, „Talking about a Revolution“.

"Gemeinsam sind wir stark"

Es ist immer wieder staunenswert, was für routinierte Arbeitskämpfer die Metaller sind: Mit gelassener Entschlossenheit ergreifen sie vom Rathausplatz Besitz, einer sprüht auf den Steinboden einen orthografisch kühnen Slogan – „wir wollen mehr moni“ –, auf einem Plakat prangt Streiklyrik, „sechs Prozent mehr ist fair“, Gewerkschaftssekretär Christian Friedrich entert die Bühne, ruft „ein geiles Bild“ in die rotdurchwirkte Menge und zählt mit Begeisterungsstimme auf, wer alles da ist: Boschler aus Murrhardt, Remshalden, Waiblingen, Remswerk, Stihl, Mahle und und und.

Was folgt, sind Reden, die Satz für Satz das Gütesiegel „Amtlich auf Arbeitskampfkraft geprüft durch x-fachen Einsatz seit Jahrzehnten“ verdient haben: „Die Arbeitgeber müssen sich bewegen“, ruft Gewerkschafter Friedrich, die „müssen sich endlich mal bewegen“, ruft Betriebsrat Ralf Russo von Bosch, die „Unternehmen stopfen sich seit Jahren die Taschen voll, wir wollen ein Stück vom Kuchen, den wir mitgebacken haben.“ Betriebsrat „Lefty“ von Mahle: „Ohne uns werden keine Gewinne gemacht, das muss den Arbeitgebern klar sein, verdammt noch mal!“ Die wollen nur zwei Prozent rausrücken, ein „schlechter Aprilscherz“, eine „Sauerei!“ Und Betriebsrat Ünal von Stihl: „Riesensauerei!“ Aber „gemeinsam sind wir stark“.

Die Kernforderungen

Ein ästhetisch überempfindsamer Feuilletonredakteur könnte an dieser Stelle wohl Klage führen ob mangelnder rhetorischer Originalität – aber als ob es darum ginge. Hier kommt ein vielfach bewährtes Historienstück zur Wiederaufführung; und beim „Jedermann“ in Salzburg will doch auch niemand avantgardistisches Regietheater vorgesetzt kriegen, sondern alles so haben, wie es immer war.

Sechs Prozent, dazu die Möglichkeit, in bestimmten Lebensphasen, wenn zum Beispiel die Kinder noch klein sind, die Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden zu reduzieren: Das sind die Kernforderungen. (Was den geschäftig vorbeieilenden Waiblinger OB Andreas Hesky schwer beeindruckt: 28 Stunden die Woche? „Das habe ich in der Regel bis Dienstagabend beieinander.“)

Kommt die "zusätzliche Eskalationsstufe"? 

Bei Veranstaltungen wie diesen geht es nicht um Nuancen, Grautöne, Feinschraffuren, es geht ums große Bild, das es mit starken Pinselschwüngen unzweideutig hinzuwerfen gilt, ums Zelebrieren von Bildern der Stärke, des Zusammenhalts. Und in dieser Disziplin sind die Metaller Deutscher Meister. Die „arroganten Krawattenflitzer“, jubiliert „Lefty“ im Zornesschwung, „haben weder Anstand noch Charakter“, aber „wir bringen denen Anstand bei“ und „zeigen, wer wir sind: die IG Metall! Die größte Einzelgewerkschaft der Welt!“ Er weist ins Blau empor: Sogar „der Wettergott ist IG-Metall-Mitglied.“

Und wenn’s sein muss, verspricht der Murrhardter Boschler Russo, „zünden wir die ZE. Die zusätzliche Eskalationsstufe.“ Diese Tarifrunde, findet er, „ist geil“.


Hintergrund

Warnstreikwelle in der dritten Woche: Seit Jahresbeginn waren bundesweit laut IG Metall mehr als 600 000 Beschäftigte zumindest stundenweise draußen. Am Mittwoch hat in Böblingen die vierte Verhandlungsrunde in der Metall- und Elektro-Industrie begonnen. Während die Gewerkschaft sechs Prozent fordert, boten die Arbeitgeber im Dezember zwei an.