Waiblingen

Im Waiblinger Bahnhofskiosk dauernd Ärger mit den Masken

Bahnhofskiosk
Ursula Wanner hinter der Plexiglasscheibe im Bahnhofskiosk. © Gabriel Habermann

Das Plakat ist unmissverständlich: „Stopp. Hier gilt Mundschutzpflicht“, steht draußen an der Tür zum Waiblinger Bahnhofskiosk. Drinnen steht Ursula Wanner hinter einer Plexiglasscheibe, verkauft Zigaretten, Zeitschriften, Bier und Süßigkeiten und nimmt Geld und Tippzettel entgegen. Trotz der klaren Ansage in Zeiten von Corona ist die 66-Jährige Kummer mit den Masken gewohnt. „Der Letzte, mit dem ich Ärger hatte, war 92“, erzählt sie. „Er sagte, ich bin jetzt 92 und trage keine Maske.“ Geantwortet habe sie dem streitbaren Herrn: „Und ich bin 66 und will, dass Sie jetzt eine Maske tragen.“

Im Verkaufsraum wacht Zora, der Schäferhund

Man kann sagen: Nichts Menschliches ist Ursula Wanner fremd. Seit zehn Jahren arbeitet sie im Kiosk, der von morgens um fünf bis abends um sechs geöffnet ist. Im roten Shirt, die blonden Haare mit einer Spange hochgesteckt und mit einer modischen Brille auf der Nase, sorgt sie schnell und umsichtig dafür, dass Erwachsene auf dem Weg zu ihrer Bahn schnell noch die Zeitung oder Zigaretten, Kinder und Jugendliche Süßigkeiten und Getränke bekommen. Neben ihr liegt hinter der Kasse groß und gutmütig Hund Zora: ein altdeutscher Schäferhund, die Nase immer in Richtung Verkaufsraum. Vor dem Kiosk warten die Leute diszipliniert darauf, bis sie – immer zwei gleichzeitig – eintreten dürfen. Nur mit der Maskenpflicht haben es viele nicht so. Alte und Junge, Männer und Frauen: Den ganzen Tag betreten die Menschen den Kiosk – ein Gutteil von ihnen ohne Mund-und-Nasen-Schutz oder mit der Maske auf Halbmast. „Zum Teil tragen die Leute die Masken unter der Nase oder sogar im Mund“, erzählt Ursula Wanner. Bei anderen baumelt die Maske unterm Kinn, wieder andere haben das Teil in der Hosentasche oder fischen es erst aus dem Rucksack, wenn Ursula Wanner sie zum Tragen auffordert.

„Die Maske bitte über die Nase“

Und das tut sie, darauf kann man wetten. „Die Maske bitte über die Nase“, bittet sie den Mann mittleren Alters in karierten Shorts, der eine Schachtel Camel holt. „Die Maske bitte über die Nase“, sagt sie der älteren Dame, die sich ein Piccolöchen kauft. „Die Maske bitte über die Nase“, wiederholt sie bei den Jugendlichen, die sich Süßigkeiten holen, und wieder bei dem älteren Mann, der seinen Tippzettel abgibt. Männer seien beim Nicht-Tragen schlimmer als Frauen. Diese schimpften hinter ihrer Maske zwar, setzten sie aber trotzdem auf. Und generell sei die ältere Generation uneinsichtiger als die Jungen. „Wenn man bei den Älteren was sagt, sagen die, man sei unverschämt.“ Ursula Wanner nimmt das gelassen. Zur Hilfe kommt ihr nie einer, auch nicht, wenn die Leute richtig blöd werden. „Diese Zeiten sind vorbei“, sagt die 66-Jährige. „Zivilcourage hat keiner mehr.“

Ist die Maskenpflicht übertrieben?

Zwei Jungs betreten den Kiosk, einer zieht beim Eintreten noch rasch die Maske hoch. Ob sie das Tragen von Mundschutz sinnvoll finden? Noch bevor die Jugendlichen antworten können, erklärt ein älterer Kunde hinter ihnen, für wie übertrieben er das Ganze hält, wenn ein Sicherheitsabstand eingehalten werden könne. „Ich finde es gut“, sagt dagegen einer der Jugendlichen. „Nicht die Coronakrise, sondern die Wirtschaftskrise ist fragwürdig“, insistiert der Herr hinter ihm.

In seinem Bus braucht der Fahrer keine Maske

Derweil füllt ein Mann im blauen Pullover seinen Lottoschein aus – ohne Maske, was Ursula Wanner kurz entgangen ist. „Oh, schon erledigt“, sagt er, als er drauf angesprochen wird, und zieht rasch das Teil über Mund und Nase. „Ein Busfahrer. In seinem Bus sitzt er hinter einer Scheibe, da braucht er keine Maske“, weiß Ursula Wanner. 90 Prozent der Fahrer kämen ohne und bruddelten, weil sie im Kiosk eine tragen müssten.

Weiße Einwegmasken, medizinische Masken und selbst genähter Schutz in allen Farben: Groß ist die Vielfalt der Mund-und-Nasen-Schutz-Teile, die derzeit in Bahnen, Geschäften und Restaurants zu sehen sind. Vorgeschrieben hat die Landesregierung lediglich, dass Mund und Nase bedeckt sind. Wie sie das machen, ist den Leuten überlassen. Manche ziehen vor dem Kiosk kurz den Rollkragen hoch oder den Schal über die Nase. Manche funktionieren eine Stofftüte um, andere ziehen das ganze T-Shirt aus und binden es sich über den Kopf, weiß die Kiosk-Verkäuferin. Der Erfindungsreichtum ist groß, aber ob’s funktioniert?

Plastikschilder sind in Baden-Württemberg nicht erlaubt

„Theoretisch reicht das“, sagt Pascal Murmann, Pressesprecher im Gesundheitsministerium, auf Anfrage. Die Frage sei im Fall der T-Shirt-Maske aber, ob jeder den Bauch sehen wolle ... „Es liegt an den Menschen, die Regeln einzuhalten“, betont Murmann. Und wenn sich einer weigert? Für Verstöße gegen die Mund-und-Nasen-Schutz-Pflicht ist laut Murmann das Ordnungsamt zuständig, das auch Bußgelder verhängen kann: zwischen 15 und 30 Euro, je nach Einschätzung des Ordnungsamtsmitarbeiters. Ladenbesitzer dürften Leute ohne Maske auffordern, ihren Laden zu verlassen. Generell rät der Ministeriumssprecher, bei fehlendem Mundschutz oder Masken auf Halbmast mit den Betreffenden das Gespräch zu suchen. Weil es auch Leute gibt, die keine tragen dürfen – etwa Asthmatiker –,  solle man nach den Gründen fragen. Nicht erlaubt ist es laut Murmann übrigens, statt Masken einen Plastikschutz zu tragen. Was in anderen Bundesländern geht, ist in Baden-Württemberg tabu: „Plastikschilder sind nur ein Spuckschutz“, sagt er. „Der Sinn ist aber, dass Mund und Nasen bedeckt sind.“

Das Plakat ist unmissverständlich: „Stopp. Hier gilt Mundschutzpflicht“, steht draußen an der Tür zum Waiblinger Bahnhofskiosk. Drinnen steht Ursula Wanner hinter einer Plexiglasscheibe, verkauft Zigaretten, Zeitschriften, Bier und Süßigkeiten und nimmt Geld und Tippzettel entgegen. Trotz der klaren Ansage in Zeiten von Corona ist die 66-Jährige Kummer mit den Masken gewohnt. „Der Letzte, mit dem ich Ärger hatte, war 92“, erzählt sie. „Er sagte, ich bin jetzt 92 und trage keine Maske.“

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