Waiblingen

Im Wandel der Zeit: Wie sich die Bahnhofstraße in Waiblingen entwickelt hat

Bahnhofstraße 53
Bahnhofstr. 53: Auszüge aus dem Bauantrag von Wilhelm Eichenbrenner, Bj. 1908. Abgerissen wurde das Gebäude 1987. © Stadtarchiv Waiblingen

„Wie wurde die Bahnhofstraße, was sie heute ist?“ Mit dieser Frage setzt sich Kristina Kraemer auseinander. Sie leitet das Haus der Stadtgeschichte in Waiblingen. In einem Vortrag porträtierte Kristina Kraemer die Bahnhofstraße im Wandel der Zeiten – und zeichnete damit auch ein Panorama der Strömungen in Politik, Gesellschaft, Kultur, Konsum und Verkehrswesen in den vergangenen 150 Jahren. "Durch gezielte Planung änderte die Bahnhofstraße in den 1950er und 1960er Jahren ihr Gesicht", so Kraemer.

Auf einer von Kraemer gezeigten Karte von 1690 ist von der Bahnhofstraße noch nicht einmal etwas zu erahnen. Wurde Waiblingen doch erstmals 1861 ans Eisenbahnnetz angeschlossen. Insgesamt drei Bahnhöfe sind seitdem gebaut worden. 1876 der zweite, als zur vorhandenen Remstalbahn die neue Murrbahn dazukam. „Was muss das für ein Erlebnis gewesen sein“, fragte Kraemer, „als mit der Eisenbahn der Takt der neuen Zeit wortwörtlich Einzug hielt!“

Und unser aktuelles, eher banges Gegenwartsgefühl, so viel wurde in ihrer Darstellung deutlich, ist nicht gar so neu. Denn schon damals, so die Historikerin, „war „diese neue Zeit vor allem eine Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit“. Und eine des Aufbruchs und der Hoffnungen. Die Stadt wurde nach dem Schleifen der alten Stadtmauern und mit dem Anschluss ans Eisenbahnnetz entgrenzt. Und „die Technik verändert das Leben in immer schnellerer Weise“.

In aller Welt wurden die Bahnhofstraßen zu modernen Renommiermeilen der Stadt

Der wohlhabende und bestimmende Teil des Bürgertums verlässt seine bisherigen Ansiedlungen am Marktplatz in unmittelbarer Nachbarschaft zum Machtzentrum Rathaus – und baut entlang der neuen Bahnhofstraße mit Anschluss zur weiten Welt. Näher an den Waren-, Geld- und Verkehrsströmen. Nicht nur in Waiblingen, in allen Städten werden die Bahnhofstraßen zu modernen Renommiermeilen und verdrängen die alten Zentren. Als symbolische Räume, „Schneisen von innen nach außen“, wie Kraemer die Historikerin Silke Satjukow zitierte.

Sichtbar wurde dies, wie Kristina Kraemer anschaulich zeigte, an der Architektur. Es reihen sich Fabrikantenvillen, Manufakturen, Gerichtsgebäude und Sparkassenhauptstellen aneinander. Den Waiblingern wohlbekannt: die Villa Sixt (1897) oder die Villa Renz (1867).

Die Bau-Stile ganz im historistischen Bann des Barock oder des Gotisierens, etwas später dann Neo-Klassizismus und Jugendstil. Wenn man will, bürgerlich erschlichene Ahnen-Anmaßung des neuen Geld- und Kaufmannsadels.

Aber allemal doch irgendwie „schöner“, als was dann allzu oft an deren Stelle trat. Im Rückblick erscheint die Aufbau-Geschichte der Bahnhofstraße denn vor allem auch als Abriss-Orgie eines Beschleunigungsfurors in den Wirtschaftswunderjahren nach dem 2. Weltkrieg.

Und nicht wie in anderen Städten durch Bombentreffer, hob Kraemer hervor, „sondern durch gezielte Planung änderte die Bahnhofstraße in den 1950er und 1960er Jahren ihr Gesicht“.

„Der Individualverkehr hat der alten Prachtstraße die Schminke abgewischt“

Folge? „Vor allem der wachsende Wohlstand und der zunehmende Individualverkehr sind es, die der alten Prachtstraße die Schminke abwischen.“ Auch der Bahnhof verlor an Bedeutung. Zum Hauptverkehrsmittel wurde das Auto, das inzwischen die Bahnhofstraße verstopft und zum Slalom-Parcours degradierte.

Die alten Schmuckarchitekturen verschwanden teilweise und wurden durch eher kalte Zweckbauten ersetzt. Dazu kommt ab 1970 eine Rückbesinnung auf die historisch gewachsenen Innenstädte. Die Rückkehr der restaurierten Altstädte.

„Stehengeblieben ist aus der Blütezeit der Bahnhofstraße nicht viel“, schloss Kristina Kraemer. Umso mehr darf man sich auf ihr für's nächste Jahr geplante Buch über diese wunden- und geschichtsreiche Straße freuen.

„Wie wurde die Bahnhofstraße, was sie heute ist?“ Mit dieser Frage setzt sich Kristina Kraemer auseinander. Sie leitet das Haus der Stadtgeschichte in Waiblingen. In einem Vortrag porträtierte Kristina Kraemer die Bahnhofstraße im Wandel der Zeiten – und zeichnete damit auch ein Panorama der Strömungen in Politik, Gesellschaft, Kultur, Konsum und Verkehrswesen in den vergangenen 150 Jahren. "Durch gezielte Planung änderte die Bahnhofstraße in den 1950er und 1960er Jahren ihr Gesicht", so

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