Waiblingen

Im Zweifel Finger weg von Pfefferspray

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Ein solcher Abwehrversuch kann sich schnell gegen das Opfer wenden. © Dan Race / Fotolia

Waiblingen. Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015 in Köln rüsteten Frauen auf. Pfeffersprays waren zeitweise ausverkauft, die Zahl der Erlaubnisscheine für Schreckschusswaffen schnellte in die Höhe. Die Polizei sieht das kritisch. Nicht nur um Selbstbewaffnung ging es im zweiten Teil des Gewaltschutzseminars der Polizei.

„Der Einsatz von Pfefferspray muss geübt sein“, sagt Renate Sonnet. Die Erste Kriminalhauptkommissarin berät seit vielen Jahren Bürger in Präventionsfragen, und sie leitet einen Teil des Gewaltschutzseminars für Frauen, welches die Polizei mehrmals im Jahr anbietet. Im zweiten Teil ging’s unter anderem um „Abwehrwaffen“.

Ein Pfefferspray gilt als Waffe

Sie nutzen rein gar nichts, sofern die Besitzerin im Fall der Fälle damit nicht umgehen kann, warnt Renate Sonnet: Polizisten proben den Umgang mit Pfefferspray; Privatpersonen meist nicht. So kann ein Täter leicht die Waffe – und solch ein Spray gilt als Waffe – an sich reißen und für seine Zwecke nutzen: „Wenn Sie Pfefferspray abkriegen, sind Sie reaktionsunfähig.“

Wer ein Pfefferspray benutzt, begeht eine vorsätzliche Körperverletzung. Ob das straffrei bleibt, weil es sich um Notwehr handelte, entscheidet im Zweifel ein Gericht. Notwehr setzt einen „gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff“ voraus und muss verhältnismäßig sein. Wer schmieriges Hinterherpfeifen mit einer Pfefferspray-Attacke ahndet, verletzt diesen Grundsatz wohl gründlich.

„Das Opfer bestimmt, was Gewalt ist“

Empfindet eine Frau freches Hinterherpfeifen als Gewalt – dann hat sie in vollem Umfang recht. „Das Opfer bestimmt, was Gewalt ist“, betont Renate Sonnet: Gradmesser ist das individuell sehr verschieden ausgeprägte Unwohl-Gefühl. Bei psychischer Gewalt neigen Menschen eher zum Bagatellisieren als bei handfesten körperlichen Übergriffen.

Die Zahl der bei der Polizei angezeigten sexuellen Belästigungen hat deutlich zugenommen. Im Jahr 2013 hat die Polizei 58 Taten dieser Art registriert, in den beiden darauffolgenden Jahren 81 beziehungsweise 82.

Sensibel und wachsam sein

„Wir stellen fest, dass die Hilfsbereitschaft nicht unbedingt glänzt in diesem Bereich, wenn man nicht auf sich aufmerksam macht“, sagt Renate Sonnet. Sensibel und wachsam sein, um eine Gefahrensituation möglichst meiden oder frühzeitig verlassen zu können, diesen Rat stellt die Polizei an erste Stelle.

Gerät man doch in eine potenziell gefährliche Situation: gezielt Hilfe einfordern von Passanten oder anderen Fahrgästen etwa in der S-Bahn. Und, ganz wichtig: Widerstand leisten. Mit allem, was geht. Früher wurde Frauen eingebläut, sie sollten sich lieber gefügig zeigen, zumal dann, wenn ein Täter bewaffnet ist – damit einer Vergewaltigung nicht noch eine Tötung folgt.

Frauen sollen Gegenwehr leisten

Heute raten Fachleute zum genauen Gegenteil: Frauen sollen Gegenwehr leisten, und zwar so heftig, wie’s geht. Studien zufolge lässt ein Täter mit großer Wahrscheinlichkeit von seinem Opfer ab, sofern er auf massive Gegenwehr stößt. „Der Täter schaut nach Widerstand, nicht nach Schönheit oder Alter“, so Sonnet.

Nur ganz, ganz selten springt ein wildfremder böser Mann hinterm Gebüsch hervor oder wartet nachts in der Tiefgarage auf ein Opfer. Nur ein kleiner Prozentsatz der Sexualdelikte wird von Tätern begangen, die ihr Opfer nie zuvor gesehen haben. Die Mehrzahl der Fälle spielt sich in Beziehungen ab. Wie viel geschieht, ohne dass eine Frau eine Tat anzeigt, kann niemand wissen.

Augen offenhalten

„Ich als Polizistin bin natürlich immer fürs Anzeigen“, sagt Renate Sonnet – wohl wissend, welche Belastungen eine Anzeige fürs Opfer mit sich bringen kann. Sobald die Polizei von einem Delikt erfährt, gibt es kein Zurück mehr; es greift die Strafverfolgungspflicht. Je mehr Spuren gesichert sind, desto besser. Ein Gericht wird eine Aussage ganz anders werten, wenn Spurenlage und Aussage übereinstimmen.

Wer denkt daran schon nach sexueller Gewalt. Das Opfer geht sehr lange duschen und stopft alle Kleider in die Waschmaschine – der „Supergau“, wie die Kriminalhauptkommissarin sagt. Eine Spurensicherung, die vor Gericht Bestand hat, nimmt etwa die Gewaltschutzambulanz in Heidelberg vor.

Weil „Angst Verhalten steuert“, meiden Frauen eher außerhalb des Privaten Situationen, die sie als furchteinflößend empfinden. Teilnehmerinnen des Gewaltschutzseminars treibt zudem die Frage um, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie Zeuge einer Bedrohung werden. „Es kann keiner von Ihnen verlangen, dass Sie sich selbst gefährden“, versichert Renate Sonnet. 110 wählen, das ist dann angezeigt. Und: Augen offenhalten, sich das Aussehen der Täter einprägen.

Das Gesetz und Anlaufstellen

  • Erst seit kurzem gilt Grabschen als eigener Straftatbestand. In §184i Strafgesetzbuch heißt es unter der Überschrift „sexuelle Belästigung“: „Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn nicht die Tat in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist.“
  • Als gesetzgeberische Antwort auf die Vorfälle in Köln in der Silvesternacht 2015 gilt der §184j - „Straftaten aus Gruppen“: Strafbar macht sich auch, wer eine Straftat fördert, indem er sich an einer Gruppe beteiligt.
  • Vergewaltigung in der Ehe gilt erst seit dem Jahr 1997 als strafbar. Ebenfalls seit dem Jahr 1997 sieht es das Gesetz als möglich an, dass ein Mann Opfer einer Vergewaltigung wird.
  • Die nächstgelegene Gewaltschutzambulanz, die eine forensische Spurensicherung nach einer Vergewaltigung oder einer anderen Gewalttat kostenfrei durchführt, befindet sich an der Gerichtsmedizin in Heidelberg, Voßstraße 2. Dort ist immer jemand da, 24 Stunden jeden Tag, Telefon 01 52/54 64 83 93.
  • Die auch für den Rems-Murr-Kreis zuständige Trauma-Ambulanz in Aalen ist erreichbar unter der Telefonnummer 0 73 61 /55-18 01.
  • Immer besetzt ist das Hilfetelefon 0 80 00/11 60 16. Beratung für Frauen wird dort in 17 Sprachen angeboten.