Waiblingen

Immer mehr Anglizismen: Die Deutsche Sprache geht vor die Hunde

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"New Tailoring in fließendem Japancrèpe trifft auf grafische Streifen und reiche Winterblumen. Alles ready to wear - sowohl als Farbkick für die neue Daywear, als auch als für den besonderen Anlass", heißt es auf der Webseite des Schorndorfer Modeunternehmens Riani. © Ramona Adolf
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Das Schorndorfer Pharmaunternehmen Catalent leistet sich erst gar keinen eigenen deutschen Internetauftritt. Die Übersetzung hier erfolgte über Google. © Ramona Adolf
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Auch das Schorndorfer Traditionsunternehmen Frech mag es international: "The World of Die Casting Technology" © Ramona Adolf
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"Upgrade yourself – die Toolbox App. Jetzt kannst du die Toolbox App downloaden und deinen Auftrag mit einer Vielzahl intelligenter Funktionen erledigen. It's in your hands", heißt es bei Bosch. © Ramona Adolf
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Peter Hahn wirbt mit einem "New Look". Dennoch wird man auf dieser Homepage weitestgehend von Anglizismen verschont. © Ramona Adolf
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Recht bodenständig geht es bei Kärcher zu, bis auf die Rubriken "Home & Garden" und "Professional". © Ramona Adolf
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Kübler Workwear aus Plüderhausen hat mehrere Produktlinien, darunter auch "Kübler Weather". Ansonsten trifft man auf der Firmenhomepage nur selten auf Anglizismen. © Ramona Adolf
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Keine "Workwear" aber dafür Outdoor-Klamotten gibt es bei Lochmann aus Backnang. © Ramona Adolf
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Die Stihl-Gruppe macht 90 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Doch das Bekenntnis zum Standort Waiblingen beweist der Motorsägen- und Gerätehersteller Stihl auch mit dem deutschen Internetauftritt. © Ramona Adolf

Waiblingen/Schorndorf. Sprachpuristen wissen es längst: Die deutsche Sprache geht vor die Hunde. Nicht zuletzt wegen der vielen Anglizismen, also dem kunterbunten Mischmasch aus deutschen und englischen Begriffen. Wir haben einen Blick auf die Internetseiten von Rems-Murr-Firmen gewagt – und sind auch dort über allerlei Denglish-Wahn gestolpert. Die Ergebnisse finden Sie auch in unserer Bildergalerie.

Die Rems-Murr-Firmen halten sich mit Anglizismen weitgehend zurück, zeigt unsere Stichprobe. Ausnahmen bestätigen freilich die Regel. So strotzt der Auftritt der Schorndorfer Modefirma Riani gleich auf der Startseite mit englischen Ausdrücken: „Watch the Show Fall/Winter 2017. Shop at Breuninger. Shop at Engelhorn“. Derartig auf den Werbesprech eingestimmt, schauen wir uns die Kollektion „Peacock Stripes“ genauer an: „New Tailoring in fließendem Japancrèpe trifft auf grafische Streifen und reiche Winterblumen. Alles ready to wear - sowohl als Farbkick für die neue Daywear, als auch als für den besonderen Anlass.“

Peter Hahn verschont weitgehend mit englischen Begriffen

Peter Hahn aus Winterbach kann’s auch nicht lassen: „New Look. Willkommen Frühlingsmode“ oder „Day and Night: Tagsüber korrekt, abends perfekt“ lauten die Schlagworte auf den Startseiten. Ansonsten verschont uns der Modeversand weitgehend mit englischen Begriffen – bis auf das unvermeidliche „Sale“ für Sonderangebote und „Shoppen“ für Einkaufen.

„Testen Sie Akku Power. Made by Stihl“

Die Stihl-Gruppe macht 90 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Doch das Bekenntnis zum Standort Waiblingen beweist der Motorsägen- und Gerätehersteller Stihl auch mit dem deutschen Internetauftritt, der sich des Englischen weitgehend enthält – bis auf eine Ausnahme: „Testen Sie Akku Power. Made by Stihl“ schreit uns Stihl auf Englisch die geballte Kraft des Akkumulators entgegen. Gefallen hat uns „Vrrääähm!“ für den großen Sägespaß zum kleinen Preis. Einem Sprachpurist würde bei dem Comicausdruck vermutlich ein „Umpf“ entfleuchen, vielleicht aber auch ein „AI, AAIIEE, AAAAIIIIEEE!“

Kärcher tritt bodenständig auf

Recht bodenständig tritt der Reinigungsspezialist Kärcher auf. Mit einer kleinen Einschränkung. Kärcher unterscheidet sein Sortiment in „Home & Garden“ und „Professional“. Private Anwender der Reinigungsgeräte würden sich womöglich auch bei „Heim & Garten“ wiederfinden und gewerbliche Anwender bei „Gewerbe“. Zugegeben: „Professional“ klingt professioneller. Aus der Sicht des sprachlichen Reinheitsgebotes hätte Kärcher im weiteren Internetauftritt durchaus noch Reinigungsbedarf und könnte mal seine Rubriken „Inside Kärcher“ und „Newsroom“ durchkärchern.

Arbeitskleidung oder Workwear?

Was klingt besser: Arbeitskleidung oder Workwear? Eben. Der Plüderhäuser Spezialist für Arbeitskleidung firmiert unter Kübler Workwear und hat mehrere Produktlinien, darunter auch „Kübler Weather“. Damit ist aber auch fast schon genug der Anglizismen auf der Internetseite. Vermutlich hätte eine hippere Werbeagentur die extremen Einsatzbedingungen zu „extreme operating conditions“ gepimpt und statt von Kälte, Nässe, Wind und Dunkelheit von coldness, wetness, wind and darkness geschrieben.

Outdoor-Klamotten bei Lochmann

Im Rems-Murr-Kreis ist ein weiterer Anbieter von Berufskleidung ansässig, die Firma Lochmann aus Backnang. Während es sich bei Lochmann bei der Arbeits- und Zunftkleidung eben um Arbeits- und Zunftkleidung handelt und nicht um Workwear, kommt Lochmann bei den Outdoor-Klamotten nicht an diesem Anglizismus vorbei. Eine eindeutige Übersetzung für „Outdoor“ findet sich nicht so leicht, und Freizeit-Kleidung trifft die Sache mit wind- und wetterfesten Klamotten nicht. Auch bei „Corporate Wear“ lässt uns die deutsche Sprache im Stich, sofern man nicht großzügig von Uniformen sprechen möchte. Wobei Uniform die mit individuellen Stickereien veredelten Hemden, Westen, Hosen und Röcke nicht ganz trifft.

Remstäler Weingüter schenken reinen Wein ein – auf Deutsch

Verlässlich deutsch sind die Remstäler Weingüter. Bei der Remstalkellerei wie auch bei den Weingütern im Remstal suchen wir vergeblich nach englischen Ausdrücken. Dass beim Schwaikheimer Weingut Escher die Veranstaltungs-Rubrik mit „Events“ überschrieben ist – geschenkt. Dem Sprachpuristen wird im Remstal im Allgemeinen reiner Wein eingeschenkt.

Die mittelständische Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis ist international ausgerichtet. Das zeigt sich beispielsweise beim Schorndorfer Traditionsunternehmen Frech darin, dass es sich auf seiner Internetseite mit „The World of Die Casting Technology“ vorstellt und voraussetzt, dass wir verstehen, dass sich Frech mit Druckgieß-Techniken beschäftigt.

Catalent: Kein eigener deutscher Internetauftritt

Noch konsequenter geht das Schorndorfer Pharmaunternehmen Catalent ans Werk. Es firmiert nicht nur englisch unter Catalent Germany GmbH, sondern leistet sich erst gar keinen eigenen deutschen Internetauftritt. Wer des Englischen nicht vollständig mächtig ist, sollte sich auf die angebotene Google-Übersetzung freilich nicht gänzlich verlassen. Die feinsinnige Unterscheidung zwischen deliver und supply hat die Translate-Maschine leider nicht drauf und übersetzt beides mit liefern – und liefert ein schönes Beispiel für eine weitere sprachliche Unsitte, die der vollautomatischen Textverstümmelung. Niemand is perfect.

„Upgrade yourself – die Toolbox App“

In die Vollen geht Bosch, wenn es darum geht, die deutsche Sprache mit englischen Begriffen aufzumotzen und sich ein internationales Flair zu geben. „Upgrade yourself – die Toolbox App“: Bosch Elektrowerkzeuge weiß, was Handwerker wünschen. „It’s in your hand“. Bosch stellt einen Teil seines Sortiments an Elektrowerkzeugen für Handwerk und Industrie in seinem Werk Murrhardt her. Der gesamte Geschäftsbereich nennt sich, wie es sich bei einem internationalen schwäbischen Konzern gehört, übrigens Bosch Power Tools. Dass die „Bosch Packaging Technology“, einst schnöde Verpackungstechnik genannt, in Waiblingen ihren Sitz hat, sei nur am Rande erwähnt. In der Verpackungstechnik führt sowieso kein Weg an Anglizismen vorbei – und sei es auf Kosten der Verständlichkeit. Sind wir Verpackungslaien wirklich schlauer, wenn uns „Two-in-one Case Packer“ erläutert wird mit dem Hinweis: „Verpacken Sie auf einer Maschine Packungen stehend oder liegend in RSC, HSC oder Retail-/Shelf Ready Kartons!“. Kapiert haben wir aber, dass es sich bei „Seamless. One System“ um nahtlos verpackte Schokoriegel handelt.

Updates und Moonlight-Shopping

Selbst der Zeitungsverlag ist vor Anglizismen nicht immer gefeit, auch wenn der Chefredakteur die Reinheit der Sprache immer wieder anmahnt. „Update“ oder „Moonlight-Shopping in Höfen“ fanden wir in unserem Online-Auftritt (!) www.zvw.de, weil sich ein Mondlicht-Einkauf nicht so mondän anhört. Unsere digitale Zeitungsausgabe nennt sich selbst E-Paper, was nicht gerade schwäbischen Ursprungs hat. So viel Selbstkritik darf sein und beweist, dass es Sprachpuristen selbst in einer deutschen Lokalzeitung oftmals nicht so easy haben.

Englisch ist in

Die Agentur Wortwahl hat jüngst zusammen mit Studenten der Hochschule Darmstadt Anglizismen auf den Internetseiten der 30 Dax-Konzerne gezählt.

Spitzenreiter war der Chiphersteller Infineon, bei dem fast jedes dritte Wort der englischen Sprache entliehen war, was zu so absurden Sätzen führt wie „Infineon Designer: Infineons neue Digital Prototyping Software ist verfügbar“.

Auf Platz zwei und drei folgten BMW („Highlight der ,Iconic Impulses. BMW Group Experience’“) und Linde „Erfahren Sie mehr über unser Clean Technology Portefolio“).