Waiblingen

Immer weniger Tierärzte bieten Notdienste an

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Die Weinstädter Tierärzte Dr. Isabella Sohn-Nehls und Dr. Wolfgang Nehls mit Terrier Nana. © Alexandra Palmizi

Weinstadt. Tierbesitzer müssen im Notfall schon heute oft weite Strecken in Kauf nehmen. Denn immer mehr niedergelassene Praxen verweisen nach Feierabend und an Feiertagen an die Tierkliniken. Das muss und darf nicht sein, findet der Weinstädter Tierarzt Dr. Wolfgang Nehls, der die Notfalldienstplanung für den Rems-Murr-Kreis koordiniert und organisiert.

Warum soll sich ein Tierbesitzer vermehrt an Tierkliniken wenden, obwohl zum einen die Tierarztpraxen vor Ort dieselbe Leistung erbringen können und zum anderen die Notfallverordnung anderes vorsieht? Die Frage wirft Dr. Wolfgang Nehls auf, niedergelassener Tierarzt in Weinstadt. Er stützt seine Kritik auf die Notfalldienstverordnung. „Gemäß Berufsordnung muss jede Praxis einen Notdienst regeln. Will sie keinen eigenen Notdienst anbieten, muss sie an einem geregelten Notdienst im Praxenverbund teilnehmen“, stellt der Tierarzt die Lage dar.

Doch der Tierbesitzer findet eine andere Situation vor: Von den 24 niedergelassenen Tierarztpraxen im Kreis übernehmen nach Auskunft von Nehls aktuell nur noch sechs Ärzte den Notdienst, 2017 waren es noch elf. 1988 seien es sogar 14 Praxen gewesen, die sich die Arbeit aufgeteilt hätten. Inzwischen gestalten viele niedergelassene Kollegen die Notdienst- und Bereitschaftsverordnung individuell, kritisiert Dr. Nehls einen um sich greifenden „Missstand“. Sei ein Arzt am Wochenende nicht da, könne es passieren, dass der Kunde die Anrufbeantworteransage mit Verweis an die Klinik zu hören bekomme.

Feiertage und Wochentage nach 20 Uhr nicht mehr abgedeckt

Tierbesitzer müssten sich bei der Regelung auf einige Nachteile einstellen: Wird unter der Woche nachts oder an Feiertagen ein Tierarzt benötigt, kann der Kunde nicht mehr selbstverständlich mit der Hilfe vor Ort oder im nächstgelegenen Nachbarort rechnen. Seit 2018 gebe es den tierärztlichen Notdienst im Kreis nur noch am Wochenende, von Samstag, 8 Uhr, bis Montag, 8 Uhr. Feiertage, die nicht auf einen Samstag fallen, sowie Wochentage nach 20 Uhr seien mit dem System nicht abgedeckt.

Mit der Folge, dass Tierbesitzer vermehrt die Klinik ansteuern. Viele wüssten gar nicht mehr, dass die Tierarztpraxis bei der Versorgung der Tiere dieselben Möglichkeiten biete wie eine Klinik, inklusive Operation. „Wir machen nicht nur Wurmkuren“, verdeutlicht Nehls. Aus seiner Sicht verstärkt sich die „Abwanderungstendenz“ in Richtung der Tierkliniken, sollte sich die Mentalität einiger niedergelassener Kollegen nicht ändern. „Es werden falsche Signale gesetzt“, so Wolfgang Nehls. Schon heute falle ihm auf, dass viele, die wegen eines Notfalls in einer Klinik waren, die Klinik auch bei anderen Krankheiten zumindest als Alternative vorziehen.

Häufigster Kritikpunkt: Die Entfernung

Auf der Strecke bleiben könnte zudem die Versorgung komplizierter Operationen. „Wir müssen Medikamente vorhalten und Fortbildungen besuchen, das lohnt sich nicht mehr, wenn wir solch einen Fall nur noch einmal im Jahr haben.“ Kunden hätten sich bei ihm schon beklagt. „Viele wollen nicht in eine Tierklinik, weil sie in der Regel deutlich teurer ist oder weil sie einem niedergelassenen Tierarzt mehr vertrauen“, so Dr. Nehls. „Natürlich wollen die Besitzer zu dem Tierarzt, der bisher ihr Tier behandelt hat.“ Als häufigster Kritikpunkt werde die Entfernung genannt.

Nehls wünscht sich, dass die Notfalldiensterfüllung in der eigenen Praxis oder im Verbund mit anderen wieder Schule macht. „Ein Verweis an die Klinik sollte nicht der Normalfall werden.“ Dass sich einzelne Praxen aus dem Verbund ausklinken, bedeutet für die verbliebenen Notdienstleistenden noch mehr Arbeit.

"Wir bewegen uns am Limit"

Auch Dr. Elke Maiwald, Tierärztin in Schwaikheim, plädiert dafür, dass die Tierärzte zusammenhalten. „Der Notdienst ist wichtig, damit deutlich mehr Ärzte zur Verfügung stehen für Notbetroffene, sagt Elke Maiwald. „Die Leute sind froh, dass sie einen Ansprechpartner haben.“ Die Tierärztin fühlt sich verpflichtet, im Notdienstverbund dabeizubleiben. „Wir bewegen uns am Limit, es wird uns zudem immer mehr Dokumentationspflicht aufgebürdet, aber aus Passion für Tiere und Tierbesitzer machen wir’s.“

„Uns tut es leid, aber der Arbeitsaufwand ist zu hoch“, so Dr. Mark Pflanz, niedergelassener Tierarzt aus Fellbach, zur Entscheidung, zum Jahreswechsel nach 20 Jahren aus dem Notdienstverbund im Kreis auszusteigen. Er spricht von einer „kleinen Gruppe von Tierärzten“, die sich jahrelang den Notdienst geteilt hätten. Die Bereitschaft habe abgenommen mit dem Aufkommen der Kliniken, die im Gegensatz zu niedergelassenen Ärzten ohnehin stetig erreichbar sein müssten, zudem technisch und personell anders ausgestattet seien. Vor acht bis zehn Jahren hätten die ersten Praxen gekündigt.

Praxen verlassen Notdienstverbund

„Wir haben versucht, alle Hebel in Gang zu setzen, um sie zum Bleiben zu bewegen“, so Pflanz. Auch die Tierärztekammer sei informiert worden. Sie habe in einer Stellungnahme festgestellt: „Es ist eine Verweisung an eine Tierklinik möglich. Die ausreichende Versorgung muss sichergestellt sein.“ Die generelle Verpflichtung zur Teilnahme am Notdienst habe sich somit anders umsetzen lassen. Zum Jahresende 2017 hätten weitere Praxen den Notdienstverbund verlassen. „Die Gründe sind nachvollziehbar, aber damit war für uns ein Maß erreicht, ebenfalls aufzuhören.“


Was tun bei einem Tiernotfall

Wer mit seinem Tier einen Notfall hat, kann die zentrale Rufnummer 07 00/08 43 76 68 und landet direkt beim diensthabenden Kollegen. Rufnummern und aktuelle Notdienste finden Sie auch auf der Homepage des Notdienstes.

Der Anruf kostet den Ortstarif und kann zeitweise mit Weiterleitung eingerichtet werden. Der Arzt kann von der Praxis aufs Handy weiterschalten und ist erreichbar. Der Kunde wählt eine einzige Nummer und hat im günstigsten Fall die gewünschte Person am Telefon.

Anders ist der tierärztliche Notdienst nach Information von Dr. Wolfgang Nehls in Stuttgart geregelt. Der Kunde wählt eine zentrale Rufnummer und landet auf einem Anrufbeantworter, der ihn informiert, wer aktuell Notdienst hat. Als Zweites ruft er bei der Nummer des diensthabenden Arztes an, wo er mitunter an die Klinik verwiesen wird.

Der Notfalldienst für niedergelassene Tierarztpraxen und Kliniken ist geregelt über die Landestierärztekammer Baden-Württemberg. Demnach muss jeder niedergelassene Arzt oder eine Klinik stets erreichbar sein. Alternativ zu dieser Regelung können sich Praxen zusammenschließen und einen geregelten Notdienst organisieren.