Waiblingen

Islamische Bestattung: Nachfrage bei Muslimen in Waiblingen steigt

muslimische Gräber
Die muslimischen Grabfelder auf dem städtischen Friedhof in Waiblingen-Neustadt. © Alexandra Palmizi

Vertreter des Türkischen Vereins Fellbach haben jüngst die dortige Oberbürgermeisterin Gabriele Zull gebeten, muslimische Bestattungen künftig auch in Fellbach zu ermöglichen. Winnenden bietet das auch seit kurzem, die Nachbarstadt Waiblingen ist hier schon seit langem einen Schritt weiter: Auf dem Friedhof in der Ortschaft Neustadt sind 27 muslimische Gräber vorhanden – und die Nachfrage danach ist seit der Corona-Krise gestiegen: 15 Grabfelder sind nach Auskunft der Stadtverwaltung aktuell belegt, zwölf sind noch frei – und alle sind Richtung Mekka ausgerichtet. 

Für gläubige Muslime ist die saudi-arabische Stadt der wichtigste Ort der Welt: Hier steht die Kaaba, das bedeutendste Heiligtum der Weltreligion mit ihren geschätzten 1,8 Milliarden Anhängern.

In Neustadt gab es schon früher ein Grabfeld für Muslime, wie ein Blick ins elektronische Archiv des Zeitungsverlags Waiblingen zeigt. Bereits 1996 hat der damalige Ortsvorsteher Rudolf Sailer im Ortschaftsrat das Thema diskutiert – zehn Jahre später wurden die muslimischen Grabfelder Wirklichkeit. „Lange konnten sich Stadt und Vertreter der muslimischen Gemeinde nicht einigen: Bestattung in Tüchern, wie gewünscht, ist nach deutschem Recht nicht möglich. Jetzt wurde eine Bestattung im Sarg vereinbart“, heißt es im Zeitungsbericht von 2006.

Die Gräber in Neustadt sind für Muslime aus ganz Waiblingen da

Weitere muslimische Grabfelder in der Kernstadt oder in den anderen Ortschaften Bittenfeld, Beinstein, Hohenacker und Hegnach gibt es nicht. Das heißt aber nicht, dass auf dem muslimischen Grabfeld auf dem Friedhof in Neustadt nur Menschen begraben werden dürfen, die in Neustadt wohnen. „Die Gräber sind für die gesamte Stadt Waiblingen vorgesehen, nicht nur für Neustadt“, betonen Michael Seeger, Fachbereichsleiter Städtische Infrastruktur, und Thorge Semder, Abteilungsleiter Grünflächen und Friedhöfe.

Stadt: Bislang wurden Muslime in Neustadt in Särgen begraben

Bestattungen in Tüchern, die früher nach deutschem Recht nicht erlaubt waren, hat das Land Baden-Württemberg vor etwa acht Jahren für zulässig erklärt. Heißt das nun, dass die Möglichkeit der Bestattung in Tüchern von Muslimen auf Waiblinger Friedhöfen auch genutzt wird? Michael Seeger und Thorge Semder verneinen das. „Bisher wurden die Bestattungen immer im Sarg vorgenommen, da es auch eine Frage des Transportes ist. Am Sarg sind Griffe, am Leinentuch nicht.“ Falls beim Verstorbenen infektiöse Krankheiten vorlagen, sei der Sarg geschlossen zu halten. „Bisher wurden immer gute und praxisnahe Lösungen gefunden.“

Wegen Corona ist es schwerer geworden, sich im nichteuropäischen Ausland bestatten zu lassen

Wegen der Corona-Pandemie können sich viele Muslime in Deutschland ihren Wunsch, sich im Land ihrer Vorfahren bestatten zu lassen, nicht erfüllen. Dies betrifft zum Beispiel viele türkischstämmige Bürger. Auch aus diesem Grund geht die Nachbarstadt Fellbach jetzt den Weg, verstärkt mit dem Türkischen Verein zusammenzuarbeiten, der ja auch von selbst auf die Stadt zukam. Ist das ein Weg, den sich auch Waiblingen vorstellen kann? Falls ja: Welche Vereine in Waiblingen könnten hier als Partner fungieren? Gibt es vielleicht auch schon in Waiblingen ähnliche Anfragen von Vereinen oder Moscheegemeinden?

Stadt Waiblingen bestätigt: Die Nachfrage nach muslimischen Grabfeldern ist gestiegen

Michael Seeger und Thorge Semder finden, dass die verstärkte Zusammenarbeit mit einem Verein dann Sinn ergibt, wenn eine sehr große Nachfrage nach muslimischen Gräbern besteht und es gleichzeitig Probleme gibt. „Dies ist aber bisher in Waiblingen nicht der Fall. Es ist noch kein Verein an die Stadt herangetreten.“

Bei Bedarf wäre aus Sicht von Thorge Semder und Michael Seeger eine Zusammenarbeit selbstverständlich möglich. „Wir haben auch nicht den Eindruck, dass nur aufgrund von Corona sich mehr Muslime im muslimischen Grabfeld bestatten lassen. Seit 2020 haben wir dort zwar mehr Bestattungen, dies vielleicht auch wegen Corona, aber ebenso, weil die Akzeptanz steigt und mittlerweile einige Menschen muslimischen Glaubens hier begraben sind.“

Ditib Waiblingen bestätigt die gestiegene Nachfrage nach islamischen Bestattungen vor Ort

Kadri Yayla, Vorstandsmitglied bei Ditib in Waiblingen, bestätigt die gestiegene Nachfrage nach muslimischen Bestattungen vor Ort. Die Ditib-Moscheegemeinde mit Sitz im Waiblinger Ameisenbühl hat 270 Mitglieder und ist Teil des Dachverbands der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, der bundesweit 896 Ortsgemeinden umfasst. Yayla begründet das zunehmende Interesse bei türkischstämmigen Bürgern mit einem Generationenwechsel. Während die erste Generation noch auf dem Boden der Türkei begraben werden wollte, möchten die nachfolgenden Generationen einen Platz auf einem deutschen Friedhof – damit die Kinder leichter das Grab ihrer Eltern besuchen können.

Kadri Yayla konnte das Grab seines Vaters in der Türkei lange nicht mehr besuchen

Wie schwer es ist, in der Corona-Zeit zu einem Grab im europäischen Ausland zu reisen, hat Kadri Yayla selbst erfahren. Der Vater des Ingenieurs ist vor zwei Jahren gestorben, das Grab in der Türkei konnte der Waiblinger seit Ausbruch der Pandemie nicht mehr besuchen. „Das ist traurig.“

Kadri Yayla ist sich sicher, dass die bislang 27 muslimischen Grabfelder in Neustadt maximal fünf bis zehn Jahre ausreichen werden – zumal 15 davon schon belegt sind. „Sie sehen, da ist fast kein Puffer.“ Ditib Waiblingen wird deshalb nach seiner Auskunft rechtzeitig auf die Stadtverwaltung zugehen, um über weitere muslimische Grabfelder zu sprechen. Yayla weiß als Chef eines Ingenieur- und Planungsbüros, dass städtische Planungen gewisse Vorlaufzeiten haben – und Ditib Waiblingen deshalb nicht zu kurzfristig Bedarf anmelden sollte.

Die Bestattung in Särgen aus naturbelassenem Holz ist ein Kompromiss

Warum die mittlerweile auch in Baden-Württemberg erlaubte Bestattung in Tüchern für Muslime so wichtig ist, kann Kadri Yayla leicht erklären. Zum einen soll der Leichnam schnell verwesen können und eins werden mit der Erde. Aus diesem Grund ist es auf deutschen Friedhöfen noch heute so, dass Muslime sich als Kompromiss zur reinen Tuchbestattung teilweise für einen unverzierten Sarg aus naturbelassenem Holz entscheiden.

Das Leinentuch soll zeigen, dass im Jenseits Arme und Reiche gleich sind

Dass im Islam nur ein einfaches Leinentuch ohne Naht für eine Bestattung verwendet wird, soll auch unterstreichen, dass es im Jenseits zwischen Arm und Reich keinen Unterschied gibt. „Der Friedhof ist gleich für alle. Man kommt mit nichts und geht mit nichts“, sagt Kadri Yayla. Zwar gebe es auch in der Türkei auf Friedhöfen manchmal prunkvolle Umzäunungen, aber das habe mit dem Glauben nichts zu tun.

Vertreter des Türkischen Vereins Fellbach haben jüngst die dortige Oberbürgermeisterin Gabriele Zull gebeten, muslimische Bestattungen künftig auch in Fellbach zu ermöglichen. Winnenden bietet das auch seit kurzem, die Nachbarstadt Waiblingen ist hier schon seit langem einen Schritt weiter: Auf dem Friedhof in der Ortschaft Neustadt sind 27 muslimische Gräber vorhanden – und die Nachfrage danach ist seit der Corona-Krise gestiegen: 15 Grabfelder sind nach Auskunft der Stadtverwaltung aktuell

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