Waiblingen

Jürgen Braun: Der Mann im Maschinenraum der AfD

Wahlparty AfD_0
Mann im Glück: Jürgen Braun, einer der parlamentarischen Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion (das Foto zeigt ihn bei der Wahlparty Ende September in der „Krone“ Necklinsberg). © Habermann / ZVW

Kirchberg an der Murr/Berlin. Kaum in den Bundestag eingezogen und schon kein Hinterbänkler mehr: Die AfD-Fraktion hat Jürgen Braun aus Kirchberg zu einem ihrer vier parlamentarischen Geschäftsführer gewählt.

Manchmal sagt Jürgen Braun Sachen, die nachgerade verstörend leutselig klingen für den Vertreter einer Partei, die sich sonst oft in „Allein gegen das System“-Pose wirft und den gesamten Berliner Polit-Apparat zum Reich der Verkommenheit erklärt – ohne dass man ihn überhaupt danach gefragt hätte, erzählt er zum Beispiel: „Die Bundestagsverwaltung“ sei „sehr freundlich, sehr anständig“. Der Mann ist wahrlich nicht der Rüpel der Kompanie. Den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke nannte er mal mit gepflegter Verachtung in der Stimme „diesen Herrn aus Thüringen“.

In dem Job ist kein Polterer gefragt

So einen machen die zum parlamentarischen Geschäftsführer? Was ist denn da schiefgelaufen? Aber vielleicht wissen sie ja, was sie tun: In dem Job ist kein Polterer gefragt, eher ein Mittler. Ein parlamentarischer Geschäftsführer muss das fraktionelle Alltagsgeschäft managen, interne Streitereien einhegen, die Arbeitsfähigkeit garantieren, geordnete Abläufe gewährleisten, ist Mann im Maschinenraum, Flohzirkus-Dompteur und „Nun vertragt euch mal“-Beauftragter in Personalunion.

Braun ist krisenerprobt

Dass Braun krisengestählt ist und so leicht nicht mehr zu erschüttern, dürfte dabei hilfreich sein. Einst war er Chefredakteur des Fernsehsenders B.TV, der 2002 in Insolvenzstrudeln unterzugehen drohte. Braun wurde entlassen – danach schnurrte stundenlang ein Laufband über den Bildschirm: „Seit dem Ausscheiden von Braun“ habe sich „das Erscheinungsbild und die Qualität“ des Programms „erheblich verbessert“. Wer derart hinterhältige Heckenschüsse weggesteckt hat, wird nicht gleich einem Kreislaufkollaps erliegen, falls es mal Fraktionszoff auszuhalten gilt.

Regelrecht euphorisiert wirkt der Mann dieser Tage, auch wenn er in einem Provisorium werkeln muss. Er hat zwar einen Schreibtisch in Berlin, bloß ist der „leer. Die Rechner kommen nächste Woche.“ Immerhin, „das Telefon ist eingestöpselt seit zwei Tagen“. Und die Heizung im Büro? „Ich weiß noch nicht, wie die bedient werden soll, aber ich hab ja 'n Pullover dabei.“

„Persönlichkeiten“ und „Bekloppte“: Die AfD-Fraktion

Die AfD-Fraktion, schwelgt Braun, sei eine „tolle Truppe“. Eine solche Ansammlung von „Persönlichkeiten“ habe es zuletzt „in den 50er, 60er Jahren in Bonn“ gegeben. So ulkig übertrieben die nostalgisch angehauchte Schwärmerei klingt – dieses Team versammelt tatsächlich Köpfe von intellektuellem Format: 20 der 92 AfD-Abgeordneten haben einen Doktortitel, darunter sind vier Professoren für Fächer von der Medizin über Emaille-Technik bis zu Verbraucherpolitik und Betriebswirtschaft. Ein paar bringen Vorerfahrung aus Landtagen mit, aber im Prinzip gibt es hier „keine Berufspolitiker“, dafür viele Leute, die „im Vorleben was geleistet“ haben: als Experte für theoretische Elementarteilchenphysik, Philosoph, ARD-Parlamentskorrespondent, Chefsyndikus beim Weltkonzern Bayer, Oberstaatsanwalt, Daimler-Entwicklungsingenieur oder Bundeswehr-Offizier, Dienstgrad „Oberst im Generalstab“.

Wer allerdings behauptet, dies sei die Fraktion der faschistoiden Krawallos, hat auch nicht unrecht.

Derbe Provokationen gehören zum Ton

Jens Maier aus Dresden warnte vor der „Herstellung von Mischvölkern“ und bezeichnete die Aufarbeitung der NS-Verbrechen als „Schuldkult“. Der Bayer Petr Bystron feierte die rechtsextremistische „Identitäre Bewegung“ als „tolle Organisation“, die man „unterstützen“ müsse. Der Sachse Ulrich Oehme warb im Wahlkampf mit dem Slogan „Alles für Deutschland“; die Parole war früher auf die Dolche von Hitlers Schlägerbande SA graviert. Der Thüringer Stephan Brandner ist selbst nach den Maßstäben einer Partei, bei der derbe Provokationen zum Knigge-Ton gehören, ein Top-Performer: Während seiner Zeit im Thüringer Landtag erwirtschaftete er imposante 32 Ordnungsrufe; mal nannte er die Grünen „Koksnasen“, mal verglich er einen Kollegen von der Linken mit einem „Nilpferd“ (die FAZ berichtet allerdings, Brandner wolle seriöser werden und habe einen Vorsatz gefasst: „Vor großen Reden kein Bier trinken“). Siegbert Droese, noch einer von der Sachsen-Front, hält einen anderen Rekord: Er schaffte es, auf einem einzigen Auto-Nummernschild gleich dreimal die Initialen Adolf Hitlers vorzuführen. Droeses Wahlkampf-Wagen trug das Kennzeichen „L-AH 1818“; die 1 und 8 stehen in der Neonaziszene für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets.

Wer gibt den Ton an in der Fraktion? Zwei Szenarien

92 AfD-Parlamentarier – „Die Zeit“ hat unlängst durchgezählt: 16 seien moderat, 33 nicht richtig einzuordnen, 30 gehörten zum völkischen Flügel, und 13 stünden selbst für AfD-Verhältnisse ganz weit rechts draußen.

Wohin steuert die Partei? Fällt sie irgendwann vom Rand der Erdenscheibe vollends rechts runter? Oder liegt die Zukunft auf den Bahamas? Schwarz, gelb und blau, das ist der Flaggendreiklang dieses Inselstaats; es wären auch die Farben einer Koalition aus Union, FDP und AfD. Einer wie Braun, sagen manche, könne dafür sorgen, dass in der Fraktion nicht die Haudraufs und Hetzer den Kurs bestimmen. Andere meinen: Solch treue Parteisoldaten, die fleißig den Papierkram erledigen im naiven Glauben an die Vernunftfähigkeit dieses radikalen Haufens, seien letztlich nichts weiter als nützliche Idioten der Rassisten.

Ach, sagt Braun, er sehe seine Aufgabe „als PGF“ darin, die „vielen Top-Leute“ zu unterstützen, „damit die arbeiten können“. Ein paar „Problemfälle haben Sie bei über 90 Leuten natürlich immer mal. Bekloppte gibt’s in jeder Partei.“