Waiblingen

Jesiden: Stille Tränen des Schreckens

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„Laira“ mit dem zusammengepressten Mund. Jesidisches Mädchen aus dem kurdischen Irak. © Mathias Ellwanger
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„Laira“ mit dem zusammengepressten Mund. Jesidisches Mädchen aus dem kurdischen Irak. © Mathias Ellwanger
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Diyarbakir/Südost-Anatolien. Durch die großzügigen Spenden, die beim Waiblinger Verein „Freunde helfen Freunde“ eingegangen sind, wurde es möglich, für ein großes Flüchtlingslager bei Diyarbakir eine große Lieferung an Hilfsgütern und Lebensmitteln zu kaufen, die dort gefehlt haben. In Zelten sind hier zurzeit 1500 jesidische Kurden untergebracht, die vor dem Terror des IS im Nordirak geflohen sind.

Wenn in Diyarbakir die Bäckereien morgens ihre Läden öffnen, sitzen meist schon Gruppen von ärmlich gekleideten Frauen auf den Bordsteinen vor den Geschäften. Es sind zahllose Flüchtlinge aus Syrien, die hier in der Millionenstadt gestrandet sind und eher geduldig warten als betteln. Sie hoffen auf das Almosen ihrer muslimischen Glaubensgenossen. Und tatsächlich kaufen viele ein oder zwei Fladenbrote mehr und verteilen sie eher beiläufig an die Hungrigen. Man schätzt, dass etwa 15 Prozent der syrischen Vorkriegsbevölkerung in die Türkei geflüchtet sind. Das wären weit mehr als eine Million Menschen. Eine jüngste Schätzung spricht gar von zweieinhalb Millionen. Viele schlagen sich durch, wie die Frauen in Diyarbakir, die in Plastiktüten das geschenkte Brot sammeln und zu ihren Familien tragen.

Zurückgeblieben sind hier die Frauen mit ihren Kindern

Wer die Stadt in südwestlicher Richtung nach Mardin hinausfährt, lässt die für ihre 50-Kilo-Melonen berühmten Hevsel-Gärten und den tief liegenden Tigris links hinter sich. Nach etwa 20 Kilometern dann sind sie zu sehen: die langen Reihen der halbrunden Zelte, die sich dort an einem sanften Hang hinabziehen. Das Flüchtlingslager. Noch vor zwei Jahren war das hier ein großes Picknick-Areal, das auch wegen seines schattigen Wäldchens und der Sportanlagen gern von den Großstädtern aufgesucht wurde. Von den 4000 überwiegend jesidischen Flüchtlingen aus dem Nordirak, die sich hierherretten konnten, sind Mitte Dezember noch etwa 1500 übrig geblieben. Die anderen, vor allem Familienväter und junge Männer, haben sich aufgemacht, nach Europa, nach Deutschland.

Die Koordinatorin der Hilfeeinrichtungen für das Camp, Müzeyyen Anik Aydin, erzählt, dass 80 Prozent der Zurückgebliebenen Frauen mit ihren Kindern sind. 360 der Kinder gehen in eine zur Grundschule umgewidmeten Baracke. Aber es fehlen Lehrer. Für die etwa 60 Zwei- bis Fünfjährigen wurde ein Kindergarten eingerichtet. Abends sieht man die Kinder auf dem Gelände herumtollen. Spielen und Streiten, wie überall auf der Welt.

Nur ein Mädchen, nennen wir sie „Laira“, hält sich etwas abseits. Mit zugedrücktem Mund schiebt sie einen rostigen Schubkarren immer und immer im Kreis herum. Sie chauffiert ihre Stoffpuppe, die ohne Zudecke in der Wanne liegt. Ihr Puppenwagen!

Die großen Augen der kleinen Laira mit ihrem Puppenwagen

Mit ihren großen Augen schaut sie die Besucher an. Augen, die zu viel gesehen haben. Ihre Lippen bleiben abweisend zusammengepresst. Auch als die Besucher Schokolade verteilen. Sehr misstrauisch lässt sich auch Laira einen Riegel zustecken. Sie überlegt, reißt das Goldpapier auf, schmeckt, dreht sich der Geberin Ilknur zu - und strahlt, leuchtet, öffnet und verabschiedet sich mit überschwänglichen Kusshändchen.

Das außen trostlos graue Zelt (16 Quadratmeter) von Ibrahim Ghano ist innen, am Boden und den Wänden mit bunten Teppichen, Tüchern und Kissen ausgelegt. Zur Ausstattung jedes Zeltes gehört ein beweglicher Stromheizkörper, der hier mit voller Kraft gegen die Abendkühle ankämpft. Immer mal wieder fällt der Strom auch aus. In Halbhöhe hängt ein moderner Flachbildschirm, er flimmert.

Flaschenpost per Smartphone: Kinder an einem Strand Europas

Ibrahim, der älter als seine 50 Jahre aussieht, hat als Keramiktöpfer gearbeitet. In der Region um Shingal im Nordirak, das im Sommer 2014 Ziel von IS-Angriffen und Schauplatz von Massakern an Jesiden wurde. Leise und tonlos erzählt Ibrahim seine Geschichte. Im kurdischen Dialekt Kurmandschi, das uns auf Türkisch übersetzt und mir von Aygül Aras in Deutsch überreicht wurde. In den Gräben zwischen den Übersetzungen versickert das Leid.

Wir fragen nach keinen weiteren Details. Im Zelt sitzen die Frau und drei der sechs Kinder Ibrahims. Während er erzählt, beginnen stumm die Tränen seiner ältesten Tochter zu fließen. Stille Tränen des Schreckens, der Traumatisierung. „Wir waren acht Tage auf dem Berg. Ohne Essen. Bis die Guerilla da war und uns nach Syrien schleuste. Die PKK hat uns gerettet.“ In dieser Region wird es zu dieser Jahreszeit bis zu 50 Grad heiß. Ibrahim erzählt, wie Nachbarn verschwanden, entführt wurden, nie mehr gesehen wurden. „Um Mitternacht kamen Männer der IS, vollbewaffnet. Sie haben viele geschlachtet. Man weiß nicht, wie viele umkamen.“

Zum Schluss erwähnt Ibrahim noch, dass er im Herbst drei seiner Kinder im Alter von elf bis 15 Jahren, „begleitet von einem älteren Cousin“, auf die Reise geschickt habe. Er kramt sein Smartphone hervor und zeigt zwei Fotos. Kinder, irgendwo an einem Strand Europas. Dann die gleichen Kinder vor irgendeinem Platz in Deutschland. Gesendet vor drei Tagen! Sie haben es geschafft. Wo sie sind? Er weiß es nicht.

Wie in Deutschland sind es auch hier, in diesem Lager, die vielen Ehrenamtlichen, die sich vor allem um die Flüchtlinge kümmern, mit denen sie hier allerdings eine gemeinsame Geschichte, eine kurdische Leidensgeschichte teilen. Einer von ihnen, Firat, begleitete uns beim Abschied zum Wagen. „Im ersten Monat des Lagers ist keiner von uns nach Hause gegangen.“ Und nicht zum ersten Mal, als wir auf dieser Reise Menschen nach ihrem Beruf fragten, huschte auch über Firats Gesicht ein verlegenes Lächeln: „Ich war öfter im Gefängnis.“

Die Jesiden in diesem Lager sind beunruhigt darüber, dass nun auch in dem Land, in dem sie Schutz und Frieden suchten, wieder Gewalt herrscht. Beim Abendessen wieder in Diyarbakir fliegen einige F16-Jets provozierend niedrig über die Stadt. Eine Drohung für alle. Die Botschaft: Wir bombardieren PKK-Stellungen. Nachts wieder Detonationen aus der Altstadt. Sonja Galler, Deutsch-Dozentin an der Dicle-Universität berichtet, dass hier bereits 500 Geschäfte in den vergangenen drei Jahren in der Altstadt aufgegeben haben. Nach der kurzfristigen Aufhebung der totalen Ausgangssperre waren überall Karren voller Hausrat zu sehen, mit denen zermürbte Bewohner ihre Viertel verließen. Wohin sollen sie gehen?

Wenn man Diyarbakir Richtung Westen verlässt, ahnt man, was in diesem Land gerade stattfindet. Kilometerlang fährt man an gleichförmigen Hochhäusern entlang, ein Bauboom ohnegleichen. Hier entstehen, schon jetzt absehbar, die - übersichtlichen - sozialen Konfliktherde der Zukunft. Platz für die von der jahrzehntelangen Umsiedelungspolitik, den durchgepeitschten gigantischen Staudammprojekten in Anatolien und den Bombardierungen der kleineren Städte vertriebenen Kurden.

Was hier geschieht, ist eine gewaltsame, staatsbetriebene Re-Nomadisierung. Die Austreibung des Wohnens, der Erinnerung und von Geschichte. Der kurdische Poet Ciwan Haco singt während der Heimfahrt: „Ich habe meinen Namen in Diyarbakirs Erde vergraben, als der Himmel trauerte, weil Flöte und Tambourin gefesselt waren.“

Die Jesiden

Die Jesiden sind eine kurdisch (Kurmandschi-Dialekt) sprechende Volksgruppe, die vor allem im Norden Iraks und Syriens und der südöstlichen Türkei lebt. Ihre Zahl wird auf weltweit bis zu 800 000 geschätzt. In Deutschland leben etwa 60 000 Jesiden. Ihr Glauben setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen, ist monotheistisch, aber ohne Heilige Schrift. Seit August 2014 fliehen die Jesiden vor Massakern und Versklavung durch die Terrorgruppe Islamischer Staat, die sie als „Ungläubige“ betrachten.

Über die Entstehung der jesidischen Gemeinschaft herrscht Unklarheit. Vermutet wird die Entwicklung aus dem Zoroastrismus und der Einfluss persischer Mythologie. Erstmals schriftlich erwähnt wurden die Jesiden im 12. Jahrhundert.