Waiblingen

Käuflicher Sex: Eine kleine Bordellgeschichte

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Klassischer Name: „Rotlichtmilieu“. Mit Geschichte und Gegenwart des Gewerbes, das zu Unrecht oft als „ältestes der Welt“ bezeichnet wird, befasst sich ein neues wissenschaftliches Sachbuch. © Bernhardt (Archiv)

Waiblingen/Weimar. „Das Bordell – Historische und soziologische Beobachtungen“: Ein außergewöhnliches Forschungswerk hat Andreas Ziemann, Professor in Weimar, vorgelegt. Unter anderem hat er dafür im Laufhaus im Waiblinger Gewerbegebiet Düsseldorfer Straße recherchiert.

Venustempel, Freudenhaus, Lasterhöhle: Zuschreibungen gibt es viele, das Bordell ist ein mythenumwabertes Institut, gleichzeitig der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend entzogen, von Tabus umstellt. Andreas Ziemann nähert sich dem Milieu mit maximaler Forscherseriosität und scheuklappenfreier Neugier. Auf den ersten hundert Seiten spannt er einen weiten historischen Horizont auf, im letzten Drittel beleuchtet er die Gegenwart.

Die Geburtsstunde der Prostitution

Bereits auf Seite 15 räumt Ziemann die Phrase vom „ältesten Gewerbe der Welt“ ab: „schlichtweg falsch“. Ob Töpferwaren- oder Vieh-Handel, all das gibt es viel länger. Die Geburtsstunde der Prostitution als ökonomisches Tauschgeschäft ist recht präzise benennbar: Solon, Gesetzgeber Athens, gründete das erste städtische Bordell um 600 vor Christus. Zuvor hatte es in pantheistischen Gesellschaften „heilige Prostitution“ in Tempeln gegeben – Solon trieb diese Tradition genau nicht auf die Spitze, sondern zähmte im Gegenteil die orgiastischen Auswüchse des Venuskults, die das bürgerlich-städtische Gefüge gefährdeten: Junge Männer, denen noch das Geld fehlte, um eine Ehe zu schließen, fanden eine kontrollierte Möglichkeit der Lustabfuhr, anstatt die Promiskuität in der Mitte der Gesellschaft anarchisch auszuleben. Der Abbau „sexueller Überschüsse“ wurde ausgelagert in einen Sonderraum: Trieb-Outsourcing gewissermaßen. Daran knüpfte die christliche Kultur ziemlich nahtlos an: Sie propagierte das Ideal der Keuschheit und gestattete Sexualität nur in der domestizierten Sphäre der Ehe – weil sich manche Bedürfnisse aber partout nicht in Luft auflösen wollen, wurden sie in eine Parallelwelt verbannt, damit sie nicht innerhalb der offiziellen Ordnung wuchern konnten.

Recherchen auch in Waiblingen

Der spannendste Teil des Buches aber beleuchtet die Gegenwart. Hier ist Ziemann ein Forschungscoup gelungen: Er hat Lokalitäten besichtigt und mit Prostituierten wie Betreibern gesprochen. Seine Recherchen im Stuttgarter Leonhardsviertel und der Düsseldorfer Straße Waiblingen eröffnen verblüffend konturenscharfe Einblicke.

Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Prostituierten

Der prägende Bordelltypus heute in Süddeutschland ist das „Laufhaus“ (siehe Interview auf Seite 2), wo der Besitzer die Infrastruktur liefert und Prostituierte sich als – zumindest formal – selbstständige Subunternehmerinnen einmieten. „Vorrangig Rumäninnen und Bulgarinnen“ bevölkern das hiesige Prostitutionsmilieu, Ziemann vermutet für den Stuttgarter Raum einen „Ausländeranteil von 90 Prozent“. Die jungen Frauen werden durch wechselnde Etablissements geschleust und ab und zu auf Heimaturlaub geschickt, so gibt es „regelmäßig neues attraktives Personal“. Damit einher gehen ein „deutlicher Preisverfall“ und eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft: Während deutsche Prostituierte oft ein „Berufsethos“ pflegen, was die Bezahlung angeht, und Freiern auch klare Grenzen setzen, neigen ausländische dazu, aufgrund ihrer Herkunftsarmut „marktübliche Preise und Gepflogenheiten“ zu „unterbieten“; eine beklemmende Spielart der Globalisierung.

30 Euro für 20 Minuten

Gängige Kalkulation: Die Zimmermiete beträgt „120 bis 140 Euro“ – pro Tag, was bei einer laufhausüblichen Zahl von 50, 60 Zimmern täglich 7000 Euro ergibt; eine „Gelddruckmaschine“, sagt ein Insider. Kehrseite der Bilanz: Der Freier bezahlt „für 20 Minuten sexueller Dienstleistung ab 30 Euro aufwärts“, womit die Prostituierte erst ab dem fünften Sexualkontakt pro Tag aus den roten Zahlen kommt.

Polizei: In Zukunft weniger Straßenprostitution

Immer öfter verfügen Laufhaus-Räume – für die Frauen Wohnkabuff und Arbeitsort zugleich – „über ein eigenes Badezimmer mit Toilette“. Ziemann zitiert einen Polizisten: Die „Straßen-“ oder „Schmuddelprostitution“ in „Hinterhöfen“ werde noch „weiter zurückgehen. Die Bordelle werden sich in Richtung Qualität orientieren, sprich: gehobene Geschichten; so mit hoher Hygiene und Sicherheit für alle.“

„Alter, Gesundheitszeugnis“ und frühere Arbeitgeber

Das faszinierendste Kapitel beschreibt ein Gespräch mit einem Bordellbesitzer, bei dem sich wacher Unternehmergeist mit bürokratischem Ordnungssinn paart. Arbeitszeiten und Tarife seiner Mieterinnen seien ihm egal – sehr interessieren ihn hingegen „Alter, Gesundheitszeugnis“ und frühere Arbeitgeber: Er lasse sich Meldebestätigungen ausfüllen, achte darauf, dass keine Mieterin unter 21 ist, und lege ihre Pässe der Polizei zur Prüfung vor. Die Zukunft des Bordellwesens sieht auch er in „gehobener und durchweg hygienisch einwandfreier Qualität der sexuellen Dienstleistungen sowie in angenehmer Atmosphäre und stilvoller Einrichtung“. Als Familienbetrieb versteht er sein Geschäft aber nicht: „Ich will nicht, dass meine Kinder in meine Fußstapfen treten. Damit kann man oft nur schwer klarkommen, diese Doppelmoral, all diese extremen Vorurteile und das Getuschel und Gemache. Das Ganze wird irgendwann mal veräußert, und dann war es das.“

Sexualität ohne Folgeverpflichtung

Das Ende wird das nicht gewesen sein. Bordelle erfüllen gesellschaftliche Funktionen: Sie schützen die bürgerliche Sphäre vor ungehemmter Triebauslebung, bieten „reine Sexualität ohne Folgeverpflichtung“, dienen der „Kompensation fehlender Intimität“. Ziemann bilanziert: „Man kennt Bordelle seit über 2000 Jahren; und es ist niemand in Sicht, der ihr Ende prophezeit.“ Allein im Stuttgarter Raum gebe es derzeit „rund 165 Prostitutionsobjekte“.


Ein Gespräch mit Andreas Ziemann über die schillernden Realitäten des Gewerbes

Ist Prostitution selbstbestimmte Sexarbeit oder übelste Ausbeutung? Und wie gewinnt man als Forscher eigentlich Einblicke in ein Milieu, das sich der Ausleuchtung entzieht? Ein Gespräch mit Andreas Ziemann.

   Ein Buch über das Bordellwesen, mit Feldstudien, unter anderem in Waiblingen – hatten Sie keine Angst, dass Ihnen ein Zuhälter auf die Nase haut?

Unbestritten. Als ich vor vier, fünf Jahren in die Forschung einstieg, las ich zunächst historische Texte. Da ist man noch auf der sicheren Seite. Aber irgendwann merkte ich: Jetzt musst du wirklich ins Feld. Und das war tatsächlich eine mit enormer Unsicherheit behaftete Situation. Wenn ich alleine unterwegs war im Milieu, hatte ich in der Anfangszeit ein sehr ungutes Gefühl.

   Wie gelang die Kontaktaufnahme? Sie konnten ja schlecht irgendwo reinschneien: Erzählen Sie mal, wie läuft das hier.

Ich habe zunächst Vorgespräche geführt – in den Telefonaten wurde ich in 95 Prozent der Fälle abschlägig beschieden und teilweise beschimpft. Dieses Milieu will nicht soziologisch untersucht werden. Aber ich hatte das Riesenglück, dass Bekannte aus dem Landeskriminalamt und von der Sitte mir dann Ansprechpartner aus dem Milieu vermittelten. So gingen manche Türen auf.

   Ein Bordelltypus, den Sie ausführlich beschreiben, ist das sogenannte Laufhaus, wie es auch in Waiblingen zu finden ist: Prostituierte haben hier Zimmer angemietet, und wenn sie für einen Freier bereit sind, steht ihre Tür offen. Die Kunden können durch die Gänge streichen.

Man wird zwar videografisch beobachtet, aber das sind eigentlich offene Einrichtungen, ohne Türsteher und Wirtschafterin. Das Laufhaus ist heute vor allem in Süddeutschland ein prägender Typus. Laufhäuser liegen mittlerweile paradigmatisch in Industriegebieten: Sanitärfachmarkt, Tankstelle, Reifenmarkt, Bordell.

   Die Schlüsselfrage: Ist Prostitution unter diesen Bedingungen selbstbestimmte Sexarbeit oder Ausbeutung? Oder muss man wohl beides für möglich halten?

Beides, wobei man das durchaus an Nationalitäten festmachen kann. Die deutschen Prostituierten verstehen sich selbst eher als souveräne Sexarbeiterinnen, frei agierende Unternehmerinnen, und werden auch unterstützt von Vereinen wie Hydra.

   Der dafür eintritt, dass Sexarbeiterinnen nicht gesellschaftlich stigmatisiert oder bevormundet werden. Hydra fordert auf seiner Homepage, dass „Sexarbeit als eine Erwerbsarbeit wie jede andere anerkannt“ wird.

Ich habe im Gespräch mit zwei Mitarbeiterinnen von Hydra einmal eine fatale Frage gestellt: Ob sie sich eine Gesellschaft ohne Bordelle vorstellen können. Da waren die not amused. Sie sagten, die Frage beinhalte schon ein bestimmtes Urteil, und fragten zurück: Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass die beste aller möglichen Welten Prostitution nicht vorsieht, warum soll es nicht richtig sein, wenn Menschen, die sich nicht auf eine monogame Beziehung einlassen wollen, aus freien Stücken und gewaltfrei mit einer Sexarbeiterin einen Handel abschließen?

   Andererseits?

Die deutschen Prostituierten wurden seit der EU-Osterweiterung dominant vom Markt verdrängt und machen heute vielleicht noch 15 Prozent aus. Ich schätze, an die 90 Prozent unterliegen Zwangslagen.

   Inwiefern?

Die Frauen stammen großteils aus Bulgarien, Rumänien, Ungarn und kommen zum Teil aus so entsetzlichen Herkunftssituationen – beengte Wohnverhältnisse ohne fließend Wasser, in denen die ganze Großfamilie lebt –, dass ihnen im Laufhaus ein eigenes Zimmer mit Dusche geradezu als Luxus erscheinen kann. Da beginnt bereits die Zwangsprostitution: Den Frauen fällt nichts mehr ein, außer ihren Körper zu Geld zu machen, sie werden mit Bussen hergekarrt und können kein Wörtchen Deutsch. Daneben gibt es oft unmittelbare Zwangslagen: In Deutschland ist dirigistische Zuhälterei zwar seit 2002 verboten, Bordellbesitzer dürfen Art der Dienstleistungen, Preise und Arbeitszeiten nicht bestimmen. Aber natürlich gibt es das. Den Frauen wird von ihren Einkünften oft fast alles wieder weggenommen. Dagegen können Prostituierte juristisch agieren, wenn sie zur Aussage bereit sind. Nur ist das selten der Fall, weil sie mit guten Gründen echt Angst haben.

   Wobei es ja schon die Sichtweise gibt, dass das Laufhaus mit seiner sanitären Infrastruktur vergleichsweise Sicherheit bietet gegenüber dem Straßenstrich.

Das kleinere Übel tolerieren, um das größere zu vermeiden: Dahinter steht die Hoffnung, dass man es besser kontrollieren kann – mehr Sicherheit, bessere Hygiene.

   Das erinnert ein bisschen an Argumente aus drogenpolitischen Debatten, wo manche sagen: Kriminalisierung funktioniert nicht, um das Problem zu lösen – dann lieber staatlich kontrollierte Freigabe.

Es gibt die Forderung, das Gewerbe unter staatliche oder kommunale Aufsicht zu stellen. Dagegen streiten aber deutsche Sexarbeiterinnen an, gegen staatlichen Paternalismus, sie sagen, das wollen wir nicht, keinen starken Staat. Und Alice Schwarzer antwortet: Solange es Zwangsprostitution gibt, muss der Staat sich einmischen.

   Sie selber, ist mir bei der Lektüre aufgefallen, halten sich mit Wertungen zurück.

Der Soziologe Max Weber hat die Trennung betont zwischen Wissenschaft und Politik. Die Politik soll Partei ergreifen, sie darf auch Ideologien verbreiten. Der Wissenschaftler darf das eigentlich nicht. Seine Aufgabe ist es, sehr genau zu beobachten.

   Sie liefern sozusagen das Wissen aus erster Hand, auf dessen Grundlage die Politik dann fundiert urteilen kann.

Ja. Für einen Soziologen ist Werturteilsfreiheit eigentlich das Primäre.

   Dennoch, Sie müssen doch einen Eindruck über die Lebensverhältnisse von Prostituierten gewonnen haben.

Es gibt ehemalige Prostituierte, die heute als selbstständige Bordellbesitzerin arbeiten und ihre Erfahrungen nutzen, sie haben eine Karriere gemacht wie andere Berufstätige auch. Aber ich glaube, ein Großteil kommt nur mit psychischen und physischen Schäden heraus.

(Foto Andreas Ziemann, Quelle: Privat)

Zu Person und Buch

Andreas Ziemann, Jahrgang 1968, ist Professor für Mediensoziologie an der Bauhaus-Uni Weimar. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Gesellschaftstheorie und Randgruppen.

„Das Bordell – Historische und soziologische Beobachtungen“: Verlag Velbrück, 180 Seiten, 19,90 Euro.