Waiblingen

Künstler Karl-Ulrich Nuss wird 75

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Der Satyr. © ZVW
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Abschiedsparty -Laessing in Endersbach 22.02.2002
Karl-Ulrich Nuss im Jahr 2002. © ZVW
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Armer Konrad vor dem Rathaus in Weinstadt-Beutelsbach. © ZVW
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Bildhauer Professor Karl Ulrich Nuss geschaffenen drei Bronze-Stelen am Verbindungsweg zwischen Endersbach und Strümpfelbach hat
Karl-Ulrich Nuss mit dem ehemaligen OB Oswald bei der offiziellen Übergabe dreier Bronze-Stelen am Verbindungsweg zwischen Endersbach und Strümpfelbach. © ZVW
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Der Skulpturenpfad in den Weinbergen von Strümpfelbach. © ZVW
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Arbeiter mussten die Winnender Brunnenfigur vom Sockel heben. © ZVW
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Enthüllung des Weingeists in Fellbach. © ZVW
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Figuren bei der 750-Jahr-Feier Strümpfelbach. © ZVW
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Ob unsere Hände und Füße wirklich helfen beim Sprung? © ZVW
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Vater Fritz Nuss im Jahre 1997. © ZVW
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Jugendportraits, die Karl-Ulrich Nuss' Vater Fritz von ihm gemacht hat. © ZVW
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Künstler Karl Ulrich Nuss - hier mit Skulpturen seiner Eltern © ZVW
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Sommertour mit Künstler Karl-Ulrich Nuss durch sein Atelier ... © ZVW
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... und seinen Garten mit den Skulpturen. © ZVW
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Das Atelier ist vom Garten aus zugänglich und befindet sich neben dem Elternhaus. © ZVW
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Künstler Karl-Ulrich Nuss zu seinem 75. Geburtstag. © ZVW

Weinstadt. Mit 75 Jahren darf ein Mensch wunderlich werden. Freunde des Werkes von Karl-Ulrich Nuss, und derer gibt es wahrlich viele, werden sich fragen, was der große Bildhauer aus Strümpfelbach sonst noch so vorhat mit dem Menschen – seiner Gestalt, seinem Wesen, seinem Paarungswillen. Er indes zeigt sich als unverbrüchliche Einheit aus Schaffertum und geistigem Ertrag – für die bessere Gestalt. Aufhören? Nein, sagt er, kommt nicht infrage.

Die neusten Kreaturen aus seiner Werkstatt hören auf den Gattungsbegriff „Mensekten“. Davor schon verließ ein „Mischwesen“ ums andere das Atelier Richtung Bronzegießer. Er hat ja recht. Der menschliche Zoo ist der staunenswerteste Tierpark. Karl-Ulrich Nuss hat das Auge dafür. Das innere tut dann noch so viel dazu.

Erst einmal: Gratulation. Das Wunderliche darf erst einmal ruhen. Mit 75 Jahren immer solchermaßen produktiv und kreativ zu sein, einfallsreicher noch als zur Zeit der größten Nachfrage, als die Kommunen ihn als Auftragskünstler haben wollten für die zu möblierenden öffentlichen Plätze, solchermaßen zu sprudeln, das allein ist eine Kunst für sich.

Welche Wellen der Stein schlägt

Der Lebenskünstler ist zu würdigen. Das klingt a bissle unseriös, so Bruder-Leichtfuß-mäßig, so ist es aber nicht gemeint. Karl-Ulrich Nuss ist eine eminent öffentliche Person. In Weinstadt und Umgebung gibt es keinen Menschen, der laufend so stark nachgefragt wird. Spitzenbekanntheitswerte hat er, der längst über den reinen Titel hinaus zu gern mit dem Vorsatz „Professor“ angesprochen wird. Weil er die natürliche Autorität dafür hat. Sie rennen ihm ja Haus und Garten und Skulpturenweg ein. Er könnte sich nur noch mit Führungen beschäftigen, längst leiten andere durch seine Paradiesgärten.

Er macht beim Besuch daheim nicht einfach nur den Eindruck, als komme er mit sich als privatem Menschen bestens aus – nein, es muss so sein. Er braucht nicht die Bühne. Aber er beherrscht sie. Selbstdarsteller tun das gerade nicht. Er wirkt, gerade im Umgang mit Leuten. Ja, er erzählt von sich, wie sollte es anders sein. Aber es sind präzise, auf den Punkt gebrachte Einlassungen auf sich selbst. Wenn der erste Stein geworfen ist, hält er inne und schaut, wohin die Wellen schlagen. Er will wissen, was der andere zu sagen hat. Offen, neugierig. Immer noch.

Kein Eigenbrötlertum

Wenn das über einen 75-Jährigen gesagt werden kann, dann stimmt eben auch das: Nuss, der Künstler, ist kein Eigenbrötler, kein Eremit, nicht der im Elfenbeinturm. Der Mann ist sozial g’scheit, zudem.

Wohl sieht man es auch am Tisch im elterlichen Haus, in dem er längst lebt. Rund, damit es keinen Vorsitzenden gibt. Von der Größe so groß, dass die zwölf Jünger aus der Abendmahlszene locker Platz dran hätten. Oben drauf ein Drehteller. So etwas hat er mal bei einer Tante gesehen. Er wollte das auch, weil er ist oft Gastgeber, Gesprächspartner.

Ja, er gibt der Materie, dem Ton, Gestalt und beseelt sie. Ein einsames Geschäft. Aber deshalb entflieht er der Gemeinschaft nicht, er sucht sie. Dieses Gespür fürs Soziale, man vermutet es nicht sofort an einem Künstler. Wo doch jeder weiß, wie ein Künstler zu sein hat. Er weiß von sich, dass er eine Verantwortung hat. Als Bildhauer im Ort, der aber weit über den Ort hinauswirkt. Das muss seine Beliebtheit ausmachen. Aber auch der Respekt vor ihm. Früher hieß es, der Pfarrer und der Lehrer, das sind die respektiertesten Menschen im Dorf. In Strümpfelbach ist es der Künstler. Auch eine Karriere.

Das brutal Ehrliche seiner Antworten

Ja, Respekt haben sie vor ihm. Denn wenn ihn die Leute ansprechen auf seine verdammt ehrlichen Verkörperungen der Menschengestalt, wenn sie vorsichtig einwenden, dass die Leiber für ihren Geschmack wohlgefälliger ausfallen könnten, dann kommt er brutal ehrlich: Man soll sich doch mal umschauen. Wie mit der Zeit alles lastet, der Schwerpunkt nach unten wandert, schwerer und schwerer wird.

Er wirkt öffentlich. Im Ort selbst, um damit anzufangen. Aber auch da will er historisch gerecht sein. Sein Vater sei’s gewesen, Fritz Nuss, der habe Eingaben geschrieben damals ans Regierungspräsidium, damit das alte Rathaus, das da in der Ortsdurchfahrt thront wie ein Riegel, doch bitte stehen bleibt. Nuss junior freilich hat dann selbst mit Bauten einen Maßstab gesetzt, den man im schönsten Dorf weit und breit allemal zur Kenntnis nimmt. Er hatte und hat dafür geniale Mitstreiter, früher den Architekten Thomas Ott, heute etwa die Zimmerei Fleck. Aber was eines Tages als Ensemble Nuss im Gesamten, nun ja, nicht gleich als Weltkulturerbe, wohl aber als Remstal-Großod gefeiert werden wird, kann hier nur aufgezählt werden. Das Museum Nuss mit vier Etagen Sammlungstätigkeit, die Scheune neben dem Rathaus, der öffentliche Schauraum mit Karl-Ulrich-Nuss-Skulpturen, die beiden Holzbauten mit Halbtonnendach, sein Wohnhaus und das gigantische Depot im Gewerbehaus. Schließlich die beiden Skulpturenpfade, und ganz zuletzt hilft noch ein Gang durch den Ort selbst. Den freien Platz zeige man mir, der nicht schon besetzt wäre. Es ist kein Zuviel, weil das Werk bei Nuss ja auch so vielgestaltig ist.

Nuss'sche Genpool bietet mehr

Aktuell sind es die „Mensekten“. Oder Vogelfrauen und Vogelmänner. Um auf diese allzu menschlichen Viecher zu kommen, braucht er nicht Brehms Tierleben als Vorlage neben dem Tisch mit Ton. Es sprudelt einfach so aus ihm raus. Gut, für den Büffelmannkopf taugte ein Postkartenmotiv.

Aber was erlaubt er sich da, einfach der Evolution ins Handwerk zu pfuschen? Er ist zu kritisch, wohl auch zu selbstkritisch, um den Menschen als Krone der Schöpfung zu sehen. Der Nuss’sche Genpool bietet mehr. Wenn Urvieher wieder mitspielen, dann auch, weil der Mensch immer auch ein Urvieh blieb. Norbert Elias ist zu misstrauen, der vom fortwährenden Prozess hin zu mehr Zivilisation sprach.

Mann und Frau verschmelzen

Es gibt Rückschläge, und die werden etwa im Theater vorgeführt, wenn es große, ungeschminkte Kunst zeigt. Nuss geht häufiger ins Stuttgarter Staatstheater. Auch ästhetisch ist es vorne dran. Daraus speist sich mitunter sein privates Bestiarium. Oder dann: Auf Kafkas Gregor Samsa folgt bei Nuss ein Wesen mit einem hartleibigen Panzer.

Oder dann. In Stuttgart wird gerade „Faust 1“ gespielt. Sandra Gerling, Nuss’ Lieblingsmimin, spielt den Mephisto, ganz geil aufs Manipulieren. Mit einer körperliche Präsenz, einer Art Selbstausstellerei, freilich immer sich selbst kommentierend, wie es früher Männern zugesprochen wurde. Dachte man. Also verschmelzen bei Nuss auch Mann und Frau. Wie man es will, und wo Gottes Einfalt oder Einfallsreichtum gerade hinfällt.

Mann oder Frau? Wie man es dreht und wendet

Alle seine Skulpturen sind auf Holzkästen gestellt. Darunter Rollen, frei schwenkbar. Wir sehen: zwei Frauen in inniger Vereinigung. Verschmolzen, nicht nur, weil Bronze Hitze braucht. Er holt aus, dreht die Doppelfigur um: Wir sehen Mann und Mann, ebenfalls inniglich und wie ein Schöpfergott sie schuf.

Nuss macht sich einen Spaß draus. Und in dem Fall reagierte er auch auf die Nachrichten zum neuen Gesetz „Ehe für alle“. Er denkt was zu Ende und formt danach. Die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zeigen sich hier zur Kenntlichkeit gezeichnet. Nuss muss sich selber sagen: Wer bin ich denn, dass ich etwas schöner forme, als es ist, als es die Natur will? Also lastet es. Also verzwergt es, wenn doch die Leiber im Umfang wachsen, weil überreichliches Nahrungsangebot gar nicht im genetischen Programm des Menschen vorgesehen war. Da stimmt es noch nicht mit dem Code, den der programmierende Gott eingegeben hat.

Kreaturen im tierisch guten Menschenzoo

Was ist, wenn der geborene Jäger und Sammler gar nicht mehr jagen und sammeln muss? Wenn ihm alles in den Mund fällt? Selbst im Paradies war ja die Lust, auf die Frucht einfach zuzugreifen, verboten. Das sind die letzten Fragen, die bei Nuss verhandelt werden. Köstlich!

Gott sei Dank, muss man sagen: Karl-Ulrich Nuss ist noch längst nicht fertig. Fast hat’s den Anschein, als ob er jetzt erst richtig anfängt. Kontur bis zur Karikatur gibt beim Vereinigen der Kreaturen im tierisch guten Menschenzoo. Auch wenn ihn der eigene Körper zwackt. Der Meister hat Rücken, gleich kommt der Physiotherapeut.

Unvereinbares wird vereint

Aber wohlgemerkt: Sein Bestiarium ist keine Freak-Show, keine bloß schrille Geisterbahn auf dem Jahrmarkt. Hier formt, verformt und vereint einer Unvereinbares aus grundsätzlicher Liebe. Und sei’s, um gelinde über sich selbst lachen zu können. Und uns was zum Lachen zu geben. Es hilft der Selbsterkenntnis. Das allein ist schon großartig.


Der Bescheidene

Die Stadt Weinstadt richtet dem Jubilar diesen Mittwoch, punktscharf zum Geburtstag, eine Feier aus. Sehr gedient wäre den vielen Nuss-Freunden, wenn sich ein öffentlicher oder privater Sponsor fände. Sein Haus-Fotograf Gottfried Heubach hat ihm ein dickes Bilderbuch zum Geschenk gemacht, mit neuesten Werken. Leider nicht käuflich. Nuss kokettiert mal wieder: So einen Katalog würden ja doch nur zehn Leute kaufen. Falsch!