Waiblingen

K.o.-Tropfen: Die Gefahr lauert im Glas

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Es empfiehlt sich, das Glas niemals unbewacht zu lassen. © Schneider / ZVW

Waiblingen. Mädchen nehmen in der Disco oder auf dem Wasen ihr Glas sogar mit aufs Klo. Sie fürchten, es träufelt ihnen jemand K.o.-Tropfen ins Getränk. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht, so was kommt vor. Täter missbrauchen ihr Opfer oder rauben es aus – und die Betroffenen erinnern sich an nichts. Attacken richten sich nicht nur gegen Frauen.

Der Waiblinger Rechtsanwalt Jens Rabe hat es immer mal wieder mit Mandanten zu tun, die sagen: „Da war irgendwas. Aber ich weiß nicht genau was.“ Dieses Nichtwissen hinterlässt bei Opfern ein übles Gefühl, oftmals gepaart mit Selbstzweifeln: Was hab ich falsch gemacht? Hab ich zu viel getrunken? Erinnert sich der Klient an wenig bis nichts und liegt kein medizinischer Nachweis über den Konsum einer bestimmten Substanz vor – dann wird’s sehr, sehr schwierig, sagt Jens Rabe. Kann sein, er rät dann von einer Anzeige ab. Es kommt drauf an. Anders sieht’s aus, wenn ein Betroffener genau schildern kann, was vor der mutmaßlichen Einnahme von K.o.-Tropfen in der Disco oder auf der Party vorgefallen ist – und sich später womöglich Spuren eines Sexualkontakts finden lassen.

„Da viele Opfer durch die K.o.-Tropfen willenlos oder sogar bewusstlos werden, kommt es in der Folge häufig zu Vergewaltigungen und Raub“, warnt die Polizei in einer Broschüre mit dem Titel „Die Gefahr lauert im Glas!“

Offene Getränke nicht unbeaufsichtigt lassen

Um eben diese Gefahr zu verringern, rät die Polizei, von Unbekannten keine offenen Getränke anzunehmen, stattdessen Getränke bei der Bedienung zu bestellen und selbst entgegenzunehmen. „Offene Getränke nicht unbeaufsichtigt lassen“ - das ist der wichtigste Tipp der Polizei.

K.o.-Tropfen sind meist farb- und geruchlos. Aromen etwa in Cocktails überdecken leicht den vielleicht etwas salzigen oder seifenartigen Geschmack. Narkose- oder Beruhigungsmittel werden verwendet – oder Partydrogen wie GBL, kurz für Gammabutyrolacton. Die Substanz wird nach Konsum zu körpereigenen Stoffen umgebaut, erläutert Dr. med. Ulrich Lutz, Oberarzt an der Klinik für Suchttherapie und Entwöhnung in Winnenden. Das macht es sehr schwierig, GBL im Blut oder Urin nachzuweisen, zumal schon wertvolle Zeit verstrichen ist, bis ein Opfer die Lage realisiert hat und reagieren kann.

GBL führt schnell zu Bewusstlosigkeit

Hochdosiert führt GBL, das in der Partyszene als Liquid Ecstasy bekannt ist, schnell zu Bewusstlosigkeit. In geringeren Mengen wirkt der Stoff euphorisierend, angstlösend und sexuell stimulierend. Zusammen mit Alkohol konsumiert, „multipliziert sich das von der Wirkung her“, so der Oberarzt: „Es gibt Leute, die sagen, der häufigste K.o.-Tropfen ist Alkohol.“

Es ist sehr einfach, an GBL heranzukommen – das Zeug ist in Form von Felgenreiniger oder Graffiti-Entferner im Internet erhältlich. Die Substanz unterliegt nicht dem Betäubungsmittelgesetz. Dennoch ist der Handel laut Landesärztekammer verboten, weil GBL laut Gerichtsentscheidung als bedenkliches Arzneimittel einzustufen ist. Gehandelt wird natürlich trotzdem.

Dr. Ulrich Lutz hat es in der Winnender Klinik nicht mit Opfern von K.o.-Tropfen zu tun – wohl aber mit Menschen, die ihrer Sucht nach Liquid Ecstasy Herr werden wollen. Die Entgiftung und den Entzug beschreibt der Oberarzt als „sehr kompliziert“. Zwar sei die Droge in der hiesigen Region „nicht so wahnsinnig verbreitet“, jedenfalls weniger als beispielsweise im Oberschwäbischen. Dennoch sieht Dr. Lutz hin und wieder Patienten, die Liquid Ecstasy dauerhaft konsumieren. Sie haben es dann in der Klinik mit einem schwierigen Entzug zu tun, der mit massiver Unruhe, Schlafstörungen und im schlechten Fall mit Halluzinationen, hohem Puls und Bewusstseinsstörungen einhergehen kann. Hohe Dosen an Entgiftungsmedikation sind nötig, um die sieben bis 14 Tage Entzugszeit zu überstehen, so Dr. Lutz: „Das ist ein maximaler Stresszustand für den Körper.“

Massenchemikalie

„Es ist nicht auszuschließen, dass dem im Internet verfügbaren GBL auch unbekannte Zusatzstoffe / Verunreinigungen zugesetzt werden, die zu einem weiteren unkalkulierbaren Gesundheitsrisiko werden“, warnt die Landesärztekammer. Sie beschreibt GBL als „Massenchemikalie“, von der allein in Deutschland jährlich 50 000 Tonnen produziert würden. GBL dient als Baustein in der Produktion von Reinigern, Klebstoffen, Lacken und vielem mehr.

Im Internet gibt’s laut der Kammer einen Liter GBL zu Preisen zwischen 60 und 77 Euro zu kaufen.

Eine Überdosierung kann zu Koma und tödlicher Atemlähmung führen.