Waiblingen

Kaiser stellt Bonbons nicht mehr in Waiblingen her - und setzt voll auf Aeroxon

Bonbon-Kaiser
Seit 1889 steht die Marke Kaiser aus Waiblingen für Hustenbonbons. © ZVW/Gabriel Habermann

Warum wurden bei Bonbon-Kaiser in Waiblingen über Wochen große Maschinen abtransportiert? Die Antwort darauf ist: Das Traditionsunternehmen Kaiser mit Sitz in der Bahnhofstraße 35 befindet sich mitten in einem Umbruch. Im hart umkämpften Bonbon-Markt hat Geschäftsführer Thomas Updike, Urenkel des Firmengründers, zusammen mit den Gesellschaftern schwierige Entscheidungen treffen müssen, damit die Marke weiter stark bleibt.

Lange wurde das öffentlich nicht kommuniziert. Unserer Redaktion hat Thomas Updike nun gesagt, was sich alles ändern wird – und das betrifft auch das zweite Standbein des Unternehmens, die Schädlingsbekämpfungsmittel der 1911 ins Leben gerufenen Marke Aeroxon.

2013 entschied sich Kaiser, in neue Maschinen und neue Produktionsprozesse zu investieren

In den vergangenen 20 Jahren, sagt Updike, seien die wirtschaftlichen Prognosen nicht mehr rosig gewesen, was die Produktion von Hustenbonbons am Standort in der Bahnhofstraße in Waiblingen angeht. 2013 entschied sich das Familienunternehmen dennoch, in neue Maschinen und neue Produktionsprozesse zu investieren. Doch in den Jahren 2015 bis 2017, sagt Thomas Updike, habe sich dann gezeigt, dass die Produktion von Bonbons in der Bahnhofstraße keine Zukunft mehr habe.

2017 fand Kaiser ein familiengeführtes, mittelständisches Unternehmen, mit dem es eine strategische Partnerschaft einging – und dort werden nun alle Bonbons der Marke Kaiser hergestellt. „Wenn Sie fragen, wer es ist: Dazu äußere ich mich nicht.“

Anderer Produktionsbetrieb, aber gleiche Rezeptur und gleiche Rohstoffe

Die Partnerschaft bezeichnet Thomas Updike als logischen Weg. Wenn zwei Mittelständler sich zusammentun in einem Markt, in dem ein harter Wettbewerb mit niedrigen Gewinnspannen herrscht, entstehen klare Kostenvorteile – etwa beim gemeinsamen Einkauf. Wer größere Mengen an Rohstoffen erwirbt, zahlt niedrigere Preise. Geschäftsführer Thomas Updike stellt dabei klar, dass die Kunden bei den Bonbons weiter die gleiche Qualität bekommen – mit der gleichen Rezeptur und den gleichen Rohstoffen.

Umschulungen für Stammpersonal am Standort Waiblingen

Für viele der insgesamt 100 Mitarbeiter am Standort Waiblingen hat sich durch die Umstrukturierung einiges geändert. Thomas Updike war es dabei wichtig, seinen langjährigen Stammmitarbeitern nicht von heute auf morgen betriebsbedingt zu kündigen. Vielmehr habe er, so gut es geht, seinem Personal eine Perspektive angeboten – und zwar durch Umschulungen. Schließlich sollen die frei werdenden Kapazitäten der wegfallenden Bonbon-Produktion genutzt werden, um in Waiblingen das zweite Standbein der Firma, die Marke Aeroxon, zu stärken. Wer also früher eine Bonbon-Maschine bediente, lernte nun, Maschinen zur Produktion von Schädlingsbekämpfungsmitteln zu steuern. „Die Bereitschaft der Mitarbeiter ist phänomenal“, sagt Thomas Updike. Allerdings konnte Kaiser nicht jeden übernehmen.

Die Produktion der Bonbons in Waiblingen endete bereits Mitte 2021. Alle Bonbons, die seit diesem Januar unter dem Namen Kaiser vermarktet werden, stammen bereits aus der Herstellung des Partnerunternehmens. Ein Teil der Maschinen, die in der zweiten Jahreshälfte 2021 bei Kaiser abgebaut wurden, ging direkt an die Partnerfirma. Andere, noch sehr neue Maschinen stehen noch im Gebäude und sollen verkauft werden.

Werk für Aeroxon-Produkte in Tschechien hat rund 60 Mitarbeiter

Der Vertrieb der Bonbons bleibt bei Kaiser. Das Unternehmen behält auch seine Vertriebsgesellschaft für den österreichischen Markt in Bregenz, die rund zehn Mitarbeiter hat und neben den Bonbons auch die Produkte von Aeroxon vermarktet. Auch das Werk für Aeroxon-Produkte in Tschechien, für das rund 60 Mitarbeiter tätig sind, gibt Kaiser nicht ab.

Dass der Bonbon-Markt für ein mittelständisches Unternehmen wie Kaiser immer schwieriger wird, liegt laut Thomas Updike auch am immer schärfer werdenden Zertifizierungsaufwand in der Lebensmittelproduktion. Standards, die bei der Herstellung sensibler Produkte sinnvoll sind, kommen dem Urenkel des Firmengründers bei Bonbons übertrieben vor. Schließlich handle es sich um ein Produkt mit Zucker, das bei 150 Grad produziert werde und über nur zwei Prozent Restfeuchte verfüge. „Da ist überhaupt kein Risiko damit verbunden.“ Dazu kommen neue Auflagen bei der Kennzeichnung. So reicht es laut Updike nicht mehr, auf eine Packung Bonbons zu schreiben, dass sie 100 Gramm enthält – man solle nun genaue Stückzahlen nennen. Dafür müsste ein Unternehmen wie Kaiser nach seinen Angaben aber in neue Zähleinrichtungen investieren – und zwar Hunderttausende Euro.

Früher stellte Kaiser für Firmen aus dem Ausland spezielle Bonbon-Sorten in kleinen Stückzahlen her

Wer es sich als Hersteller leisten kann, nur eine einzige Bonbon-Sorte in einem Werk in riesigen Mengen zu produzieren, kann leichter die neuen Zertifizierungsanforderungen erfüllen. Wer wie Kaiser auch viele verschiedene Spezialprodukte in kleinen Mengen herstellen will, hat es da laut Thomas Updike schwerer. Früher hat Kaiser auch für Hersteller in anderen Ländern wie etwa Russland ganz spezielle Geschmacksrichtungen produziert. Diese Firmenkunden, die Kaiser teilweise jahrzehntelang beliefert hat, können nun nicht mehr versorgt werden – da das neue Partnerunternehmen, das nun die Kaiser-Bonbons herstellt, solche kleinen Stückzahlen nicht produziert.

Als ob es auf dem Bonbon-Markt in den vergangenen Jahren nicht schwer genug war, musste sich Thomas Updike oft auch noch über die Politik ärgern. Dass auf EU-Ebene tatsächlich mal im Gespräch war, das Wort „Hustenbonbon“ als gesundheitsbezogene Angabe zu verstehen und infolgedessen zu untersagen, stört den Geschäftsführer bis heute. Es gebe den Trend zum Hyperregulieren. „Das ist eine extrem bedauerliche Entwicklung.“

Aeroxon profitierte vom gewachsenen Umweltbewusstsein

Die Bonbon-Produktion am Standort Waiblingen ist nun wie gesagt Geschichte. Alle Insektenbekämpfungsmittel der Marke Aeroxon, die ohne chemische Gifte auskommen, werden indes wie bisher am Standort Waiblingen produziert. Auch der Klassiker, der Fliegenfänger am Band, gehört dazu. Mit Produkten wie der Lebensmittelmotten-Falle mischt Aeroxon bis heute auf dem deutschen Markt ganz vorne mit – und dabei half seit den 80er Jahren auch ein gestiegenes Umweltbewusstsein. Am Standort in Tschechien stellt Aeroxon auch chemische Produkte her – allerdings, wie Thomas Updike betont, nach der Maxime des Firmengründers, mit einem Minimum an Wirkstoffen und einer sicheren Verpackung. „Der Philosophie meines Urgroßvaters folgen wir weiter nach.“

Altes Verwaltungsgebäude bräuchte eine Kernsanierung

Die Verwaltung von Kaiser, die sich um die Bonbons wie die Marke Aeroxon kümmert, soll in der Bahnhofstraße bleiben, allerdings soll das Verwaltungsgebäude kernsaniert werden. Schließlich ist hier vieles sehr alt, so wurden zum Beispiel Zeitungen von 1914 als Isoliermaterial verwendet.

Thomas Updike findet, dass der Standort in Waiblingen für Studenten von Industriearchitektur der perfekte Ort ist, mit einem „unglaublich emotionalen Charme“. Die geplante Kernsanierung des Verwaltungsgebäudes bedeutet natürlich, dass Kaiser für diese Zeit eine Übergangslösung für alle Büromitarbeiter brauchen würde.

Noch sucht Kaiser nicht aktiv nach einem neuen Grundstück

Langfristig will die Firma die Produktion der Aeroxon-Produkte aus der Waiblinger Innenstadt abziehen. Wenn Thomas Updike daran denkt, dass früher zu Zeiten seines Urgroßvaters der Standort in der Bahnhofstraße von Grün umgeben war und heute aufgrund der Verkehrssituation die Anfahrt für schwere Lastwagen „nicht gerade optimal“ ist, dann weiß er, dass ein Industriegebiet am Ortsrand besser geeignet wäre. Das, sagt er, bedeute aber nicht zu sagen, dass man das in zwei Jahren machen müsse. Es sei eher eine perspektivische Frage, mit Blick auf die kommenden 50 Jahre. Und bevor bei ihm die Makler anrufen, hält Thomas Updike fest: „Im Moment wird die Suche nicht aktiv verfolgt.“

Was auf dem Grundstück an der Bahnhofstraße entstehen könnte, wenn die Aeroxon-Produktion in ein Industriegebiet verlagert wird, dafür braucht es nicht viel Fantasie. „Natürlich eignet sich das Gelände für Wohnbebauung“, sagt Updike – zumal sich der Bahnhof in unmittelbarer Nähe befinde. Handlungsdruck sieht der Geschäftsführer aber nicht, zumal er keine rechtlichen Probleme sieht. „Es ist alles Mischgebiet hier – und wir waren vor allen anderen da.“

Warum wurden bei Bonbon-Kaiser in Waiblingen über Wochen große Maschinen abtransportiert? Die Antwort darauf ist: Das Traditionsunternehmen Kaiser mit Sitz in der Bahnhofstraße 35 befindet sich mitten in einem Umbruch. Im hart umkämpften Bonbon-Markt hat Geschäftsführer Thomas Updike, Urenkel des Firmengründers, zusammen mit den Gesellschaftern schwierige Entscheidungen treffen müssen, damit die Marke weiter stark bleibt.

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