Waiblingen

Kampf der Afrikanischen Schweinepest

1/3
efc725f3-ba3f-45c6-9c23-9ac27a6120fe.jpg_0
Vor der Treibjagd: Traditionell ertönen hier die Jagdhörner. Das Signal heißt „Anblasen“. Am Ende der Jagd wird erneut geblasen, dieses Signal heißt „Halali“. © Bernhardt/ZVW (Archiv)
2/3
_1
Jan-Lennart Loeffler.
3/3
_2

Waiblingen. Es sind nicht mal 1000 Kilometer zwischen dem Rems-Murr-Kreis und jenen Gebieten in Polen, in denen die Afrikanische Schweinepest wütet. Noch kürzer ist die Strecke bis Tschechien. Der Abstand ist zu klein, um entspannt bleiben zu können – das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz fordert Jäger dringlich auf, den Wildschweinbestand zu verringern.

„Die Erfahrungen aus der Tschechischen Republik, Polen und dem Baltikum belegen: Käme es bei Bestandsdichten, wie sie derzeit in Baden-Württemberg vorgefunden werden, zu einem Ausbruch, dann wäre die Situation mit jagdlichen Maßnahmen nicht mehr in den Griff zu bekommen.“ Verbraucherschutzminister Peter Hauks Mitteilung lässt keinen Interpretationsspielraum: Die Gefahr, dass die Seuche auch bei uns ausbricht, ist groß; die Wildschweine müssen reduziert werden. Dafür fallen sogar Regeln, die über Jahre hinweg sakrosankt waren. Ob das was bringt? Über Maßnahmen, Hintergründe und Jagdregeln spricht Jan-Lennart Loeffler, Pressesprecher der Kreisjäger.

Müssen wir Verbraucher uns Sorgen machen?

Nein, noch nicht. Die Afrikanische Schweinepest ist bei uns noch nicht ausgebrochen. Wichtig ist, dass das auch so bleibt. Dafür werden die Jäger ihren Beitrag leisten: über die Regulierung und das Monitoring der Wildschweinbestände. Die Afrikanische Schweinepest ist auch nicht auf den Menschen übertragbar. Das heißt, selbst das Fleisch eines infizierten Tieres wäre für den Menschen ungefährlich und könnte verzehrt werden.

Warum dann diese Aufregung?

Die Reduzierung der Wildschweinbestände ist die entscheidende Voraussetzung zur Verhinderung einer schnellen Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest. Denn das Virus ist sehr ansteckend. Je dichter die Population, desto schneller und größer die Epidemie. Und: Bräche die Afrikanische Schweinepest aus, müssten auch Hausschweine getötet werden. Das wollen wir aus Tierschutzgründen nicht. Und außerdem wären die wirtschaftlichen Folgen für die Nutztierhalter schwer zu schultern.

Woher können die Jäger denn wissen, ob ein Wildschwein erkrankt ist?

Jeder Jäger ist darin geschult, beim Wild Merkmale festzustellen, die auf eine Erkrankung schließen lassen. Im Falle der Afrikanischen Schweinepest sind dies zum Beispiel eine verringerte Fluchtbereitschaft, Bewegungsstörungen und zum Teil blutiger Durchfall. Ein solches Tier wird, nachdem es erlegt wurde, auch veterinärmedizinisch untersucht. Bei Fallwild, also Wildschweinen, die tot im Revier aufgefunden wurden, und Unfallwild, das im Straßenverkehr angefahren wurde, steht ebenfalls eine veterinärmedizinische Untersuchung an. Den Jägern kommt beim sogenannten Monitoring, also der Beobachtung der Wildbestände, eine große Bedeutung zu.

Ist eine Impfung der Wildschweine, vergleichbar den Tollwut-Ködern beim Fuchs, nicht denkbar?

Ein Impfstoff steht nach dem aktuellen Stand der Forschung derzeit - und auch in absehbarer Zukunft - nicht zur Verfügung. Die Krankheit verläuft in allen Fällen innerhalb weniger Tage tödlich, eine Behandlung ist nicht möglich.


Die Krankheit

Die Afrikanische Schweinepest ist eine Viruserkrankung. Im Jahr 2014 trat die Seuche erstmals in der Europäischen Union auf, und zwar in Litauen und Polen.

Das Virus wird durch direkten Kontakt oder über Zeckenstiche übertragen. Meist infizieren sich andere Tiere erst nach dem Tod eines befallenen Tiers, wenn sie an den Kadavern schnüffeln oder fressen. Die erkrankten Tiere scheiden das Virus über Kot, Harn und Nasensekret aus. Auch hier können sich andere Tiere anstecken.

Das Virus kann aber auch in Salami oder Schinken bis zu sechs Monate ansteckungsfähig bleiben. Deshalb wird dringlichst gefordert, Essensreste nicht einfach wegzuwerfen, sondern in geschlossene Abfallbehälter zu versenken, damit Wildschweine nicht zum Fressen kommen.


Wie dürfen sich die Jäger die Jagd inzwischen erleichtern? Nachtsichtgeräte? Lichtquellen? Hilft das wirklich? Findet die Jägerschaft das gut?

Wir brauchen echte Erleichterungen für die Jagd auf Wildschweine. Dazu gehört zum Beispiel die Aussetzung der allgemeinen Schonzeit im März und April, wie sie jetzt beschlossen wurde. In diesen Monaten wurden in der Vergangenheit bis zu zehn Prozent der Jahresstrecke in Baden-Württemberg erlegt. Auch der Abbau von bürokratischen Hemmnissen, wenn es beispielsweise um die Sperrung von Straßen bei großen revierübergreifenden Drückjagden geht, oder mehr Freiheiten beim Einsatz technischer Hilfsmittel, gehören dazu. Der Einsatz von Nachtsichtgeräten ist zurzeit noch nicht gestattet und wird innerhalb der Jägerschaft auch kontrovers diskutiert. Ein Allheilmittel ist er nicht, aber er kann ein wichtiger Baustein zu einer effizienten Bejagung sein, insbesondere in Gebieten wie dem südlichen Rems-Murr-Kreis, die dicht besiedelt sind und in denen sich das Wild tagsüber sehr zurückzieht und nur in der Nacht aktiv ist. Die Nachtzieltechnik unterliegt zudem dem Waffenrecht. Das Waffenrecht unterliegt im Gegensatz zum Jagdrecht dem Bund. Es wäre eine Änderung des Waffengesetzes durch den Bundestag nötig. Ein weiteres Problem: Durch die nächtliche Bejagung würden die Lebensräume des Wildes zusätzlich beunruhigt. Erfolgreich wird nur ein Bündel verschiedener Maßnahmen sein.

Warum machen die Jäger angesichts der Probleme nicht noch mehr Drückjagden?

Die Drückjagdsaison findet traditionell im Herbst und Frühwinter statt. Es gibt einen guten Grund dafür, dass sie jetzt abgeschlossen ist: Wildtiere benötigen vor allem gegen Ende des Winterhalbjahres Ruhe, da viele von ihnen ihren Stoffwechsel senken, zum Beispiel die Rehe. Werden die Wildtiere durch groß angelegte Drückjagden in dieser Zeit vermehrt beunruhigt, steigt ihr Energiebedarf und man provoziert Wildschäden wie etwa das Verbeißen von jungen Bäumen. Die Ansitz-Jagd insbesondere auf Wildschweine geht natürlich weiter.

Minister Hauk schreibt, dass die Schonzeiten nicht mehr gelten?

Die Jagdzeiten werden vom Bundesland festgelegt. Die allgemeine Schonzeit in Baden-Württemberg geht üblicherweise von März bis April, ist aber angesichts der aktuellen Gefahr für Wildschweine ausgesetzt. Das heißt, dass auch im März und April Wildschweine gejagt werden können. Die Jäger befürworten diese Regelung ausdrücklich.

Wie viele Wildschweine, schätzen Sie, leben in unseren Wäldern?

Es gibt leider noch keine wissenschaftliche Methode, um Wildschweine zu zählen. Nur grobe Schätzungen sind möglich. Erlegt wurden im Jagdjahr 2016/2017 im Rems-Murr-Kreis fast 1300 Wildschweine, das Jahr zuvor waren es über 2000 Wildschweine. Die Jagdstrecke schwankt stark von Jahr zu Jahr, vor allem aufgrund von Umwelteinflüssen wie der Witterung oder dem Nahrungsangebot.

Versuchsweise dürfen zurzeit Saufänge eingesetzt werden. Was ist das?

Saufänge sind Fallen, in denen Wildschweine lebendig gefangen werden und dann darin erlegt werden. Die Forstbehörden werden solche Fallen im baden-württembergischen Staatswald im Rahmen eines Pilotprojekts erproben. Saufänge sind innerhalb der Jägerschaft aus Gründen des Tierschutzes umstritten.

Landwirtschaftsminister Hauk ist in seinem Leitfaden zur Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest etwas widersprüchlich. In Bezug auf führende Bachen heißt es: Der Schutz der Elterntiere stehe nicht zur Diskussion. Aber die Bestände seien ohne Bachenabschuss nicht zu verkleinern. Jäger, die sich ihrer Verantwortung hinsichtlich der Seuchenprävention bewusst sind, wird ein fahrlässiger Abschuss nicht mehr zur Last gelegt. Vorsätzlich darf aber nicht geschossen werden. Was soll das denn jetzt heißen?

Der Schutz der zur Aufzucht der Jungtiere benötigten Elterntiere steht für die Jäger nicht zur Diskussion. Frischlinge mit gestreiftem Fell sind unbedingt auf die Bache angewiesen. Ältere Frischlinge lernen noch von der Bache, sie ist allerdings nicht mehr lebensnotwendig. Der Abschuss solcher Bachen ist zur Regulierung der Bestände unerlässlich, aber jagdlich schwer umzusetzen. Normalerweise werden bei Wildschweinen die Jungen von März bis Mai geboren. Es kann allerdings in Ausnahmen vorkommen, dass Bachen während der Drückjagdzeit im November und Dezember Jungtiere haben. Bei Drückjagden bleibt einem Jäger nur wenig Zeit, um zum Schuss zu kommen. Die Verfolgung eines möglichen fahrlässigen Abschusses würde den Jagderfolg der Drückjagden, der zur Bestandsregulierung sehr wichtig ist, erheblich verringern. Hier überwiegt das öffentliche Interesse an einer effizienten Bestandsregulierung.

Die Jäger kämpfen seit Jahren damit, die Wildschweinbestände einzudämmen. Bislang ist es nicht gelungen – sind wir der Schweinepest hilflos ausgeliefert?

Nein, einem Ausbruch kann mit den beschlossenen Maßnahmen vorgebeugt werden. Aber die Sorgen vor der Schweinepest sind sehr groß. Deshalb muss alles getan werden, um einen Ausbruch zu verhindern. Die Jäger nehmen diese Herausforderung ernst.

Gefahr für Bauern

Sollte die Afrikanische Schweinepest hier auftreten, sind die Schweinezüchter sowie die Mastbetriebe ganz massiv beeinträchtigt.

Findet ein Schweinehalter in seinem Betrieb kranke oder gar tote Tiere, werden diese vom Tierarzt untersucht. Bestätigt sich der Verdacht auf die Seuche, müssen alle Tiere des Betriebs getötet werden.

Rund um den betroffenen Betrieb wird eine Sperrzone eingerichtet, die einen Radius von mindestens drei Kilometern hat. Innerhalb dieses Umkreises werden alle Schweinebestände auf die Schweinepest hin untersucht.

Eine bestimmte Zeit lang stehen alle diese Betriebe unter Quarantäne: Es darf kein Schwein rein- und keines rausgebracht werden. Das heißt: Die Höfe können ihre Arbeit in dieser Zeit nicht machen und nichts verdienen.