Waiblingen

Kinderärzte berichten: Corona-Lockdown hat Folgen - für eine Gewalt-Bilanz ist es aber zu früh

arzt
Symbolfoto. © Benjamin Büttner

Hat es während der Wochen, in denen wegen Corona das gesellschaftliche Leben besonders weit heruntergefahren war und sich für viele der Großteil ihres Tages in den eigenen vier Wänden abgespielt hat, mehr häusliche Gewalt gegeben? Haben besonders Kinder den Frust abbekommen, der sich in manchen Familien aufgestaut hat?

Auch diese Fragen begleiten uns in der Pandemie – nun, wo der Alltag langsam wieder zurückkehrt, könnte es die ersten Antworten geben. So berichten Kinderärzte von schwerer Gewalt gegen die Kleinsten, von gebrochenen Knochen und Schütteltraumata, die jüngst der bundesweiten Kinderschutzhotline gemeldet worden seien. In über 50 Verdachtsfällen haben Ärzte und anderes Fachpersonal laut Zeitungsberichten in den ersten beiden Maiwochen die Telefonnummer gewählt. Das seien fast so viele Fälle gewesen wie im ganzen April.

Ob das auch daran liegt, dass im April viele Kinderarzttermine wegen der Ansteckungsgefahr verschoben worden sein dürften und die Ärzte deshalb eine noch geringere Chance als sonst hatten, Spuren von Gewalt überhaupt zu entdecken, oder ob während des Lockdowns tatsächlich mehr geprügelt wurde, lässt sich noch nicht sagen. Zumal oft Kitas und Schulen als Erste darauf aufmerksam würden, nicht die Mediziner, wie die Fellbacher Kinderärztin Dr. Ruth Adam sagt. Es sei daher ein „Riesenproblem“, dass die Kinder und Jugendlichen so lange zu Hause bleiben mussten.

Enge Wohnung, Homeoffice, Lärm: Die Nerven liegen blank

„Ich bin mir sehr sicher, dass in der Corona-Zeit einiges passiert ist“, so Ruth Adam. „Einiges“, damit meint die Ärztin auch körperliche oder seelische Gewalt. In ihrer Sprechstunde berichteten viele von Spannungen. Oft habe sie Familien in der Praxis, die auf sehr engem Raum lebten, etwa zu fünft in drei Zimmern. Müsse man dann noch im Homeoffice arbeiten, gleichzeitig aber die Kinder mitbetreuen, lägen die Nerven manchmal blank, weiß die Ärztin.

In Zahlen ausdrücken lässt sich das zum jetzigen Zeitpunkt nur bedingt. Bei der häuslichen Gewalt konnte das Polizeipräsidium Aalen zumindest Anfang Mai „keine signifikanten Steigerungen“ feststellen, wie unsere Zeitung berichtete. Beim Rems-Murr-Kreis werden die Zahlen für den Monat Mai aktuell noch erfasst, so Pressesprecherin Martina Keck. Aber: „Als erste Einschätzung meiner Kolleginnen und Kollegen aus dem Jugendamt kann ich Ihnen sagen, dass die Zahl der Kinderschutzmeldungen im Mai nicht zurückgegangen ist und tendenziell eher gestiegen ist.“

Und was beobachten die Kinderärzte? Nicht alle Praxen in Waiblingen und Umgebung, bei denen wir angefragt haben, wollten sich zum Thema äußern. Der Waiblinger Kinder- und Jugendmediziner Stefan Klimmeck sagt: „Aktuell sind uns keine Kinder aufgefallen, die misshandelt wurden. Subjektiv habe ich allerdings festgestellt, dass die Anzahl psychosomatischer Symptome deutlich zugenommen hat, insbesondere Bauch- und Kopfschmerzen.“ Er führe dazu aber keine Statistik.

Als Ursache für den wahrgenommenen Anstieg solcher Beschwerden vermutet Klimmeck Spannungen in der Familie oder „latent depressive Verstimmungen“.

Außerdem, so der Arzt, hätten ihm „vor allem Mütter überdurchschnittlich häufig berichtet, dass ihre Ehe in Gefahr sei. Einerseits könnte dies an der teils hohen Belastung der Eltern liegen, andererseits habe ich den Eindruck, dass Eheprobleme nicht mehr so leicht kaschiert werden können.“

Seine Fellbacher Kollegin Ruth Adam erzählt von Eltern, die zugeben, ihre Kinder seit Beginn der Corona-Krise schneller mal anzuschreien. Sie habe auch Familien erlebt, die stark verängstigt gewesen und eine Zeit lang kaum aus der Wohnung gegangen seien. Dass es dann zu Spannungen kommt, kann sie nachvollziehen. Generell sucht sie das Gespräch. „Mein größtes Glücksgefühl ist, wenn Eltern Hilfe annehmen“, sagt die Ärztin aus Fellbach.

Auch in der Waiblinger Praxis von Stefan Klimmeck geht es erst mal um Beratung und Unterstützung. Und falls es dafür schon zu spät ist? „Bei Gefährdung des Kindes könnte zum Beispiel eine stationäre Behandlung erfolgen oder wir sehen uns gezwungen, das Jugendamt zu informieren“, so der Kinderarzt. Ruth Adam versucht, das Kind mit einer anderen Begründung in eine Klinik zu überweisen, damit es dort weiter untersucht werden kann – und auch, um es vorerst aus der Gefahrenzone zu holen.

Ärztinnen schicken Brief an Ministerin Eisenmann

Klar ist, dass sich in der Corona-Krise neben Eltern und Angehörigen auch viele Experten Sorgen um das Wohl der Kinder machen. Dabei geht es aber nicht nur um Gewalt, sondern um Einsamkeit, Ängste, sogar um Freudlosigkeit bei den Kindern.

Ruth Adam und ihre Fellbacher Praxiskollegin Julia Fohr haben deswegen am Donnerstag einen offenen Brief an Bildungsministerin Susanne Eisenmann geschickt. Darin fordern sie, die Kitas und Schulen „für alle Kinder sofort zu öffnen“. Denn zu Beginn der Schließungen, so sehen es die Verfasser, hätten die Familien vieles noch kompensieren können. „Seit drei Wochen merken wir jedoch, dass die Familien häufiger über Schwierigkeiten berichten, die Kinder als ängstlicher und klammernder beschrieben werden“, heißt es in dem Brief.

Der wird laut den beiden Fellbacher Ärztinnen von einer ganzen Reihe von Medizinern unterstützt, darunter etwa die Waiblinger Kinderärzte Sybille Walker, Annette Weimann, Carmen Horlacher und Mathias Besuch.

Die Öffnung von Kitas und Schulen – und das „ohne Abstandsregeln und Mundschutz“ – sei trotz Corona möglich, so der Appell an die Ministerin. Entscheidend sei, dass die Kinder in ihren Klassen oder Gruppen zusammenblieben, nicht vermischt würden und fest zugeordnete Räume sowie Lehrer oder Erzieher hätten. Dadurch lasse sich das Risiko einer Corona-Infektion möglichst gering halten – „und dennoch“, so hoffen die Unterzeichner, „haben die Kinder die Chance auf ein bisschen (alte) Normalität in diesen Zeiten.“

Hat es während der Wochen, in denen wegen Corona das gesellschaftliche Leben besonders weit heruntergefahren war und sich für viele der Großteil ihres Tages in den eigenen vier Wänden abgespielt hat, mehr häusliche Gewalt gegeben? Haben besonders Kinder den Frust abbekommen, der sich in manchen Familien aufgestaut hat?

Auch diese Fragen begleiten uns in der Pandemie – nun, wo der Alltag langsam wieder zurückkehrt, könnte es die ersten Antworten geben. So berichten Kinderärzte von

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