Waiblingen

Kinderärzte fehlen im Rems-Murr-Kreis

1/3
Fotolia_72675020_L_0
Eltern kommen häufiger zum Arzt als früher. © Leonie Kuhn
2/3
Kinderarzt-Mangel_1
Auch betroffen und auf Änderung bedacht: Die Kinderärzte Dr. Ralf Brügel, Dr. Annette Weimann und Dr. Volker Kemmerich fordern die Politiker dazu auf, endlich etwas gegen den Kinderärztemangel zu tun. © Büttner / ZVW
3/3
_2
Auch betroffen und auf Änderung bedacht: Die Kinderärzte Dr. Ralf Brügel, Dr. Annette Weimann und Dr. Volker Kemmerich fordern die Politiker dazu auf, endlich etwas gegen den Kinderärztemangel zu tun.

Waiblingen. Sie habe, sagt Dr. Annette Weimann, Kinderärztin in Waiblingen, täglich drei bis fünf weinende Mütter in der Praxis. „Ich muss das den Müttern antun“, sagt Annette Weimann. „Und meinen Mitarbeiterinnen am Empfang.“ Die sind es nämlich, die die Mütter wegschicken: Aufnahmestopp. Drei Kinderärzte aus dem Kreis äußern sich jetzt zu dieser Situation und fordern: Wenden Sie sich an Ihre Lokalpolitiker. Vor allem jetzt, vor der Bundestagswahl.

Hier geht nichts mehr. Such’ einen anderen Kinderarzt – diese Botschaft hören Eltern, die, etwa neu hergezogen, einen Kinderarzt für die Kinder suchen, inzwischen in fast jeder Praxis im Rems-Murr-Kreis. Die Suche nach einem Mediziner ist ein Glücksspiel geworden. „Der einzige, der gerne Kinder aufnehmen würde“, sagt Dr. Ralf Brügel, Kinderarzt aus Schorndorf und Sprecher der Kinderzärzte im Kreis, „sitzt in Murrhardt.“ Und dem geht es nur deshalb so, weil er eine über lange Zeit hin nicht besetzte Praxis übernommen hat. Das heißt, er muss sich seinen Patientenstamm erst wieder aufbauen.

Für Eltern ist die Situation unerträglich

Ansonsten hören Mütter und Väter regelmäßig: „Tut uns leid.“ Besonders schwierig wird es, wenn durch äußere Umstände der Kinderarzt noch bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Etwa fußläufig zu erreichen sein sollte. Eine für Eltern unerträgliche Situation. Brügel wurde deswegen schon zum Rapport ins Schorndorfer Rathaus einbestellt. Doch er und seine Kolleginnen und Kollegen können ja nichts dafür.

Die Taktung im Stundenplan der Kinderarztpraxen sieht etwa alle fünf Minuten das nächste Kind vor. „Wenn’s gutgeht, alle zehn Minuten“, sagt Volker Kemmerich, Kinderarzt aus Endersbach. Das reicht für ein kurzes Gespräch, fürs Abhören und In-die-Ohren-Gucken und fürs Verordnen des notwendigen Medikaments. Die Zeit im Wartezimmer sollte 30 Minuten nicht überschreiten – kommen Notfälle dazwischen, ist diese Planung hinfällig. Doch die Kinderärzte können für die Situation nichts. Genauso wenig wie die Bürgermeister. Und selbst der Kassenärztlichen Vereinigung ist kein Vorwurf zu machen. Das Ganze ist eine Folge der Steuerung der medizinischen Versorgung durch die Politik. Und deshalb sagt Volker Kemmerich: „Es braucht Druck auf die Politik! Wir brauchen eine andere Bedarfsplanung.“

„Melden Sie sich bei Ihrem Politiker!“

Die Bundestagswahl steht an, sagen die Kinderärzte. Wann, wenn nicht jetzt, hören sich Politiker die Not der Leute an? „Melden Sie sich bei Ihrem Politiker!“ sagt Kemmerich. „Fragen Sie, wie sich die Parteien das denken.“

Festlegung war "willkürlich"

Die Anzahl der Ärzte, aller Ärzte, also auch der Kinderärzte, die sich in einem Landkreis niederlassen und arbeiten dürfen, wurde in den 90er Jahren unter dem damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer festgelegt. „Willkürlich“, sagen Weimann, Brügel und Kemmerich. Man nahm damals schlicht die Anzahl der aktuell praktizierenden Ärzte und sagte: So viele dürfen es sein, nicht mehr.

Heute ist der Umfang der Behandlungen viel größer

Nicht bedacht hat man damals, dass sich die medizinische Versorgung, die sozialen Gepflogenheiten, die gesellschaftliche Situation ändern. Heute, sagt Annette Weimann, ist der Umfang der Behandlung viel größer. Das fängt schon bei den Schutzimpfungen an: Die Spritzen gegen das Rota-Virus (schwere Durchfallerkrankung), gegen Menningokokken (Hirnhautentzündung), gegen Pneumokokken (Hirnhaut-, Lungen- oder Mittelohrentzündungen), Varizellen (Windpocken) oder auch gegen humane Papillomaviren (Gebärmutterhalskrebs) gab es damals noch nicht. Die Anzahl der Vorsorgeuntersuchungen hat sich erhöht. Außerdem, sagt Annette Weimann, betreiben Kinderärzte zunehmend Sozialmedizin inklusive neuer „Morbiditäten“. Viele Kinder sind zu dick oder hängen nur noch vor Fernseher, Tablet und Computer. Mit allen Folgen.

Eltern kommen häufiger zum Arzt als früher

Eltern kommen außerdem, weil das Kind schlecht in der Schule ist, weil es nach der Spielgruppe unruhig ist, oder weil es spuckt. Deshalb wäre früher niemand zum Arzt, doch junge Mütter haben keinen familiären Rückhalt mit der entsprechenden Erfahrung mehr. Sie sind unsicher. Erzieherinnen, Sozialpädagogen sind dazu angehalten, Auffälligkeiten zu melden, die Eltern zum Arztbesuch zu bewegen. Alles muss versicherungsfest gemacht werden: „Inzwischen müssen wir Atteste ausstellen, dass Kinder mit Sonnencreme eingecremt werden dürfen.“ Hinzu kommt, dass zunehmend beide Eltern arbeiten gehen. Wird das Kind krank, braucht ein Elternteil ein Attest vom Kinderarzt für den Arbeitgeber. Und: „Berufstätige Eltern halten es nicht aus, dass das Kind womöglich mal vier Tage krank ist.“ So lautet die Forderung in der Praxis oft: „Mach’ mein Kind gesund.“

In Fellbach sind noch keine Nachfolger gefunden

„Wir sind“, sagt Volker Kemmerich, „lang über unsere Kapazitäten raus.“ Dazu kommt, dass junge Ärzte kaum zu finden sind. Für die zwei Kinderarztpraxen in Fellbach, die demnächst altershalber schließen werden, ist noch kein Nachfolger da. Vor allem Kinderarztpraxen werden zunehmend von Frauen betrieben, die selbst Kinder haben. Und: „Die junge Generation ist nicht mehr bereit, bis nachts zu arbeiten.“

Eltern müssen aktiv werden

Damit der Beruf Kinderarzt auch in Zukunft attraktiv ist, damit Eltern auch in Zukunft gut und gerne zu ihrem Kinderarzt gehen können, da sind sich Weimann, Brügel und Kemmerich einig, muss dringend etwas passieren. Das aber können nur die Betroffenen selbst anstoßen. „Wenn 50 Mütter zum Beispiel bei Herrn Pfeiffer anrufen“, sagt Volker Kemmerich, „dann wird der schon was tun.“


Auf der Suche

Kinderärzte nehmen üblicherweise Neugeborene und Geschwisterkinder auf. Außerdem werden ein paar Plätze für Zuzügler freigehalten.

Allerdings muss, wer einen neuen Kinderarzt sucht, teilweise recht weite Wege in Kauf nehmen. Der Gesetzgeber betrachtet es als angemessen, dass sich der Arzt im Kreisgebiet befindet. Auf Wünsche wie Fußläufigkeit wird vom Gesetzgeber nicht Rücksicht genommen.

Notfälle werden von Kinderärzten immer behandelt. Sie dürfen nicht abgewiesen werden. Allerdings schätzen Ärzte eine Krankheitssituation oft anders ein als Mütter oder Väter.

Und bei manchen Unfällen ist es zur Sicherheit der Kinder besser, gleich einen Krankenwagen zu rufen und nicht erst den Kinderarzt anzusteuern.