Waiblingen

Klinikareal wird ein Wohngebiet

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Das einstige Klinik-Areal in Waiblingen liegt brach. © Habermann / ZVW
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Die Elf Standorte des Landratsamtes in Waiblingen. © Jamuna Siehler

Waiblingen. Die Chancen für ein Sozialdezernat auf dem ehemaligen Krankenhausgelände sinken. Seit einem Jahr tut sich dort nichts, weil der Landkreis Rems-Murr überlegt, wie er seine über die Stadt verstreuten Liegenschaften neu sortieren und möglichst an zwei oder drei Standorten zusammenfassen kann. Die Nachnutzung läuft auf ein reines Wohngebiet hinaus.

Video: Flug übers ehemalige Klinik-Areal

Wie kurz berichtet, sind die Varianten für die Neuordnung der Liegenschaften am Montag im Kreistag vorgestellt worden. Landrat Dr. Richard Sigel hatte kurz nach seinem Amtsantritt im Sommer 2015 die Planungen für den Neubau eines Sozialdezernats auf dem Krankenhausgelände gestoppt. Seither ruhen die Arbeiten auf der Brache. Statt noch ein weiteres Teilchen im Liegenschaftspuzzle hinzuzufügen, wollte Sigel zunächst eine Gesamt-Immobilien-Konzeption für die derzeit rund 850 Beschäftigten des Landratsamtes in Waiblingen haben. Darüber hinaus fehlte ihm aber auch ein genauer Blick auf die Kosten. Denn nicht nur das Sozialdezernat auf dem Klinikareal steht an, sondern auch die Sanierung der in die Jahre gekommenen Gebäude am Alten Postplatz und ein ins Auge gefasster Neubau des technischen Landratsamtes auf dem Gelände der heutigen Post an der Mayennerstraße und an der Rötestraße.

„Vor dem Hintergrund der Haushaltslage des Landkreises sollte den Kreisgremien der Investitionsbedarf insgesamt aufgezeigt und so eine solide Entscheidungsgrundlage geschaffen werden“, erinnert die Vorlage für die Kreisräte an die hohe Verschuldung des Rems-Murr-Kreises, die nicht zuletzt vom Klinikumsneubau in Winnenden herrührt. Und die Investitionen für ein auf zwei oder drei Standorte konzentriertes Landratsamt sind nicht von Pappe. Je nach Variante reichen die von 88 bis 127 Millionen Euro. Hochgerechnet auf 50 Jahre muss der Landkreis zwischen 275 und 370 Millionen Euro für seine Büros ausgeben.

Die Projektmanager von Drees und Sommer haben fünf Varianten untersucht und bewertet:

Variante 1: Kernsanierung des Altbaus am Alten Postplatz, Neubau der Pagode und Neubau eines technischen Landratsamtes auf dem Postareal (43 00 Quadratmeter, 860 Arbeitsplätze, 745 Parkplätze). Die Investitionskosten betragen bei dieser Variante 114,3 Millionen Euro. Positiv bewertet werden Städtebau/Baurecht sowie Parkplatzkapazitäten. Negativ fällt das begrenzte Wachstumspotenzial ins Gewicht.

Variante 2: Kernsanierung des Altbaus und Neubau der Pagode sowie Neubau eines Landratsamtes auf dem Klinikareal (50 700 Quadratmeter, 1040 Arbeitsplätze, 710 Parkplätze): 127 Millionen Euro. Positiv bewertet werden Mitarbeiter-Kapazität, Wachstumspotenzial, schneller Baubeginn sowie Städtebau/Baurecht. Negativ ins Gewicht fallen die begrenzten Parkplatzkapazitäten.

Variante 3: Neubau Klinikareal, Kernsanierung des Altbaus und der Pagode (40 700 Quadratmeter, 950 Arbeitsplätze, 580 Parkplätze): 90,5 Millionen Euro. Während Mitarbeiter-Kapazität, Wachstumspotenzial und Städtebau/Baurecht positiv bewertet werden, sind die Parkmöglichkeiten begrenzt.

Variante 4: Kernsanierung Altbau und Pagode, Neubau Postareal und Rötestraße (38 300 Quadratmeter, 910 Arbeitsplätze, 655 Parkplätze): 91,9 Millionen Euro. Diese Variante hat zwar nur einen Vorteil, nämlich bei Städtebau/Baurecht. Negativ sind Effizienz/Organisation/Anzahl der Standorte, die Verkehrsanbindung und die Zentralität.

Variante 5 konzentriert die heute elf auf einen einzigen Standort (39 600 Quadratmeter, 830 Arbeitsplätze, 675 Parkplätze): Kernsanierung Altbau, Neubebauung Pagodenbau und Parkgarage unter Einbeziehung der Villa Roller: 106,4 Millionen Euro. Positiv werden Effizienz/Organisation/Standorte, eine frühzeitige Fertigstellung, die Verkehrsanbindung und die Zentralität bewertet. Negativ ins Gewicht fallen Mitarbeiter-Kapazität, Wachstumspotenzial, Parkplätze und Städtebau/Baurecht.

Die Gesamtbetrachtung der Liegenschaften hat Sigel gezeigt, dass die alten Gebäude vernachlässig wurden und dringend saniert werden müssen. Dies habe zu einem erheblichen Sanierungsrückstand geführt – und zu hohen, siebenstelligen Mietausgaben. „Eine Bündelung der Kreisverwaltung an einem weiteren Standort neben dem Alten Postplatz 10 erscheint möglich und sinnvoll“, heißt es in der Vorlage.

„Zeitnahe Freigabe des ehemaligen Klinikareals für den Wohnungsbau“

Eine Zwei-Standort-Lösung könnte sowohl auf dem Klinikareal als auch auf dem Postgelände samt Rötestraße realisiert werden. „Der hohe Investitionsbedarf, die finanzielle Gesamtsituation des Kreises und städtebauliche Interessen der Stadt Waiblingen müssen in beiden Fällen in Einklang gebracht werden.“ Für Sigel stehen bei der Bewertung die Wirtschaftlichkeit und die Finanzierbarkeit an oberster Stelle. Er macht auch keinen Hehl daraus, welche Variante er bevorzugt: „Eine gewisse Präferenz der Kreisverwaltung hat daher eine zeitnahe Freigabe des ehemaligen Klinikareals für den Wohnungsbau und eine perspektivische Konzentration der Kreisverwaltung an einen zweiten Verwaltungsstandort in der Mayennerstraße/Rötestraße und Kernsanierung der Gebäude am Alten Postplatz.“

Die Stadt Waiblingen sitzt in Sachen Landratsamt auf Kohlen. Bevor der Kreis nicht weiß, was er wo will, kann die Stadt nicht mit den Planungen für das Klinikareal fortfahren. Die Grundsatzentscheidung des Kreistags soll im Oktober fallen.

Sanierungsbedürftig

An den elf Standorten in Waiblingen sind aktuell rund 820 Mitarbeiter tätig. Die Gebäude am Alten Postplatz und in der Bahnhofstraße 64 sind im Eigentum des Kreises, die übrigen Liegenschaften sind angemietet. Das Landratsamt braucht eigenen Angaben zufolge dringend weitere Büroflächen.

Die Gebäude am Alten Postplatz müssen dringend saniert werden, darunter das Parkhaus. Die Kostenschätzung beträgt rund vier Millionen Euro – oder mehr, laut den Projektmanagern von Drees und Sommer. „Ein Neubau des Parkhauses ist aus wirtschaftlichen Gründen günstiger.“

In der Vorlage für den Kreistag heißt es über den Zustand des Landratsamtes am Alten Postplatz: „Der Altbau ist sanierungsbedürftig. Jede Investition in Einzelmaßnahmen ist aus wirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll, da eine Kernsanierung absehbar ist.“ Geschätzte Kosten für die Kernsanierung des Altbaus und der Pagode sowie für den Neubau des Parkhauses betragen 45 Millionen Euro.