Waiblingen

Kommt Denzi E. doch nicht in Sicherungsverwahrung?

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Deniz E. beim Prozessauftakt am 5. März. © Alexander Roth

Kernen/Stuttgart. Es bestehe keine „hochgradige“ Wahrscheinlichkeit, dass Deniz E. wieder „schwerste“ Gewalttaten begehen werde: Das glaubt der psychiatrische Gutachter Joachim Schramm. Mörder von Yvan Schneider.

Zwei angesehene Fachleute kommen in vieler Hinsicht zu ganz ähnlichen Ergebnissen – und widersprechen einander im entscheidenden Punkt diametral: Gunter Joas rät, dass Deniz E. in Sicherungsverwahrung kommen solle, Joachim Schramm sieht die Voraussetzungen dafür nicht gegeben. Wer das verstehen will, muss die juristische Ausgangslage betrachten.

Darf man einen Menschen, obwohl er seine Haftstrafe bereits verbüßt hat, nachträglich in Sicherungsverwahrung stecken? Das Gesetz hat vor solch eine Entscheidung eine sehr hohe Hürde gestellt. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass der Täter nach der Entlassung erneut Straftaten begehen könnte, reicht nicht. Nachträgliche Sicherungsverwahrung ist nur zulässig, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Täter nach der Entlassung erneut schwerste Straftaten begehen könnte. Wie aber soll man das beurteilen? Gefragt ist psychiatrisch fundierte Prophetie; Kaffeesatzleserei auf höchstem Fachniveau.

Darin sind sich die Gutachter einig

Wie Joas befindet Schramm: Deniz E. leide unter einer schweren seelischen Störung mit „antisozialen“ und „narzisstischen“ Anteilen. Wie Joas glaubt Schramm: Die Ursachen reichen bis in die frühe Kindheit zurück; die Eltern, berufsbedingt „sehr viel abwesend“, hätten eine „sehr, sehr bewegte Ehe“ mit „gegenseitigen Tätlichkeiten“ geführt und die Tatsache, dass sie dem Jungen nicht genug Aufmerksamkeit widmen konnten, zu kompensieren versucht, indem sie ihn „über die Maßen materiell verwöhnten“. Wie Joas betont Schramm: Deniz E. habe „große Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen“, eine „niedrige Frustrationstoleranz“ und suche die Schuld für Probleme kaum bei sich selbst.

Und doch kommt Schramm zu einem anderen Schluss.

Zwei Aspekte hebt er hervor

Erstens: Schramm glaubt nicht, dass sich ein Geschehen wie beim Mord an Yvan Schneider ohne weiteres wiederholen könne. Denn die Tat sei „im Bereich des Heranwachsenden-Alters verortet“ gewesen. E's damalige „überhöhte Phantasien von vermeintlicher Liebe“ und „völlig überzogenen Besitzansprüche“ seien Anzeichen jugendtypischer Unreife gewesen; heute bezeichne er das selbst als „Schwachsinn“. Und obwohl Deniz E. während der Haft eine Brief- und Besuchsbeziehung zu mindestens einem Mädchen pflegte, sei er dabei nie wieder ins ehemalige Muster exzessiver Eifersucht verfallen.

Der Mord sei auch nur aus einer jugendlichen „Gruppendynamik“ in der Clique erklärbar: Die Freunde geboten dem irrationalen Plan nicht Einhalt, sondern waren „sofort bereit, da mitzumachen“, unterstützten, ja, befeuerten das Vorhaben. Für eine so „vollkommen aberwitzige“ Tat würde Deniz E als Erwachsener unter Erwachsenen „keine Mittäter finden“. Und er sei keiner, der ganz auf sich allein gestellt „sowas entwickelt und durchführt“.

Zweitens: Wähend der zehnjährigen Haftzeit sei Deniz E. zwar „ein schwieriger Gefangener“ gewesen, „keine Sekunde würde ich das bestreiten“ – aber er wurde nie gewalttätig gegen Wachpersonal; und gegen Mithäftlinge nie handgreiflich über das Maß hinaus, wie es „in Haftanstalten leider Gottes oft genug vorkommt“. Die schrillsten Entgleisungen – ein Waschbecken aus der Wand zu reißen und ähnliches – richteten sich gegen Mobiliar und geschahen, während der Häftling das Anti-ADH-Mittel Medikinet in haarsträubender Überdosierung bekam. Solche Fehlmedikation könne erhöhte Impulsivität und Wahnvorstellungen auslösen. „Man treibt jemand in eine Unrast hinein, gegen die man dann noch mehr vom selben verordnet.“

Es folgt eine kultivierte Fachdebatte zwischen den Psychiatern

„Wir ahnen natürlich“, sagt Schramm: Wenn Deniz E frei käme, wären „Konflikte mit Händen zu greifen“. Er würde wohl haltlos in den Tag hinein leben, und sein IQ von unter 80 würde es ihm schwer machen, in einem geregelten Arbeitsleben Fuß zu fassen. Man könne allerlei „hypothetisch“ erwägen oder „befürchten“. Nur: Daraus eine „hochgradige Wahrscheinlichkeit schwerster Straftaten“ abzuleiten, „halte ich für einigermaßen gewagt.“ Es folgt eine kultivierte Fachdebatte zwischen den beiden Psychiatern, die einander erkennbar hohen Respekt zollen.

Gunter Joas: Wenn Deniz E. in Freiheit komme und dort wieder in eine emotional heftig aufgeladene Situation gerate, die es im Gefängnis nicht gab – „Liebe zum Beispiel“ –, dann „befürchte ich ganz stark eine Muster-Widerholung“; wieder extremes Besitzdenken; wieder enthemmte Wut gegen echte oder eingebildete Nebenbuhler. Deniz E. habe eine „wirklich, wirklich gravierende Persönlichkeitsstörung“ und sei „dringend behandlungsbedürftig“. Dass es „in den letzten zehn Jahren“ zu keinerlei therapeutischer Aufarbeitung kam, sei „sehr, sehr schwerwiegend. Zwei, drei Jahre Psychotherapie: Drunter geht das gar nicht.“

Es könne durchaus sein, räumt Schramm ein, dass Deniz E. in einer schwierigen Liebesbeziehung erneut ausfällig werde. „Blaue Augen, gebrochene Nase, geprellte Rippen“, das liege so wenig fern wie „Drogendelikte: Besitz, Erwerb, vielleicht auch Handel.“ Aber der „unmittelbare Schluss auf schwerste Straftaten ist meines Erachtens nicht zulässig“.