Waiblingen

Kommt Yvans Mörder demnächst frei?

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Stetten  Karl - Mauch - Sporthalle Eingang
Yvan Schneider, geboren am 14. Oktober 1987, ermordet am 21. August 2007 © Pavlovic / ZVW
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Mordprozess
Februar 2008, Verhandlung am Landgericht Stuttgart: Zur Erinnerung an Yvan trugen seine Freunde Pullover mit der Rückennummer des talentierten Handballers © Schneider / ZVW

Kernen/Karlsruhe. Am 26. August endet die Haftstrafe von D. E.; er hat 2007 in Rommelshausen den 19-jährigen Yvan Schneider bestialisch umgebracht. Wird der Mörder danach in die Freiheit entlassen und in die Türkei abgeschoben, oder wird er in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen? Das ist momentan – man staunt – noch total ungeklärt.

Seine Handball-Mitspieler beim TV Stetten nannten ihn den „Zauberlehrling“ – Yvan Schneider wagte auf dem Feld Tricks und Finten, die nicht nur den Weg zum Tor ebneten, sondern dem Spieltrieb und der Lebensfreude Denkmäler setzten. Der Junge war beliebt, pflegte Freundschaften, schmiedete Pläne, wollte etwas aus seinem Leben machen. Am 21. August 2007 wurde er heimtückisch erschlagen.

Der 18-jährige D. E., besessen von maßlos besitzergreifender Eifersucht, hatte immer wieder seine Freundin gedrängt, ihm die Namen von Jungen zu nennen, mit denen sie früher etwas gehabt habe. Das Mädchen erklärte: Sie und ein gewisser Yvan Schneider hätten sich einmal geküsst. D. E. lauerte dem Nichtsahnenden auf einer Streuobstwiese in Rommelshausen auf, hieb ohne Vorwarnung mit dem Baseballschläger drauflos und steigerte sich in einen barbarischen Brutalitätsexzess hinein. Noch auf den längst tödlich verletzt Daliegenden trat er ein.

Zehn Jahre: Das Urteil gegen D. E.

Im März 2008 fällte das Landgericht Stuttgart ein Urteil, das nach allen Regeln der juristischen Kunst korrekt war und dennoch viele Menschen verstörte: zehn Jahre Jugendhaft für D. E.

Zehn Jahre? Nicht mehr, für solch eine Ungeheuerlichkeit? Viele haderten damit und unkten: Obendrein sei es ja üblich, bei Jugendhaft nach zwei verbüßten Dritteln den Strafrest auf Bewährung auszusetzen, wenn der Verurteilte sich gut führt.

„Wir sind nun einmal verpflichtet, uns an aktuell geltendes Recht zu halten“

„Der Gedanke, dass die Eltern bereits nach wenigen Jahren dem Mörder ihres Sohnes auf der Straße begegnen müssten, wäre für uns und jeden Mitbürger mit normal ausgeprägtem Rechtsempfinden unerträglich“, schrieb die „Initiative Yvan Schneider“.

„Wir sind nun einmal verpflichtet, uns an aktuell geltendes Recht zu halten“, erklärte der Richter – und das lasse „keine Wahlfreiheit“: Nachdem Sachverständige dem Angeklagten – zur Tatzeit 18 Jahre alt – gravierende Reifeverzögerungen bescheinigt hatten, ergab sich die „zwingende“ Folge, „Jugendstrafrecht anzuwenden“ und eben jene Höchststrafe zu verhängen. Heute sähe das anders aus, mittlerweile wurde das Gesetz geändert: Eine so extreme Tat könnte nun mit bis zu 15 Jahren bedacht werden.

Ist D. E. wirklich psychisch krank?

Der Richter verfügte dazu, D. E. solle seine Zeit nicht in regulärer Haft verbüßen, sondern in der geschlossenen Psychiatrie. Denn ein Gutachter hatte im Prozess erklärt: Das Verhalten von D. E. liege „eindeutig jenseits des normal erklärbaren Funktionierens“ und lasse auf eine „schwere seelische Störung“ schließen.

Aber stimmt das? Ist D. E. wirklich psychisch krank? Oder einfach nur außergewöhnlich brutal? Von der Antwort hängt enorm viel ab: Wenn der Mörder an einer seelischen Störung leidet und deshalb weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, kann er nach der Haft in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden.

Ist D. E. hingegen psychisch gesund, muss er entlassen werden – selbst wenn er sich in den vergangenen zehn Jahren nicht im Geringsten zum Besseren geändert haben sollte.

Wie kann es sein, dass eine derartige Schlüsselfrage, die viele Menschen nicht nur im Rems-Murr-Kreis umtreibt, aufwühlt und besorgt, nach all den Jahren noch immer offen ist? Sicher, es gab Versuche, der Wahrheit auf die Spur zu kommen – nur ist dabei bislang nichts herausgekommen als Hü und Hott und Hin und Her.


Nach seiner Verurteilung kam D. E. zunächst in die Psychiatrie, aber die Ärzte dort hegten bald Zweifel: Man müsse „davon ausgehen“, dass der junge Mann „nicht psychisch krank“ sei. Bereits während des Prozesses hatten viele Beobachter gemutmaßt, D. E. spiele der Öffentlichkeit nur etwas vor, um ein milderes Urteil zu erwirken. In der Untersuchungshaft vor der Verhandlung hatte er einem Zellengenossen erzählt, er wolle „im Notfall auf psychisch machen“. Jedenfalls: Ende 2009 wurde er in normale Haft verlegt.

Alljährlich stünde eine Überprüfung an.

Oder ist er eben doch psychisch gestört und aufgrund dieser Krankheit nach wie vor eine Gefahr für andere? Im Juni hatte sich die Strafvollstreckungskammer Pforzheim mit dieser Frage zu befassen und kam zur Antwort: Ja. Das Gericht ordnete an: D. E. sei nach Haftende in einer geschlossenen Einrichtung unterzubringen.

Von hier an lässt sich nur noch im Konjunktiv sprechen: So eine Einweisung wäre unbefristet, sie gälte so lange, bis die Kammer auf der Basis neuer Erkenntnisse befände, dass D. E. nicht mehr gefährlich sei. Alljährlich stünde eine Überprüfung an. Frühestens im Sommer 2018 käme D. E. demnach frei – möglicherweise aber auch erst in vielen Jahren; oder nie.

Eine aktuelle „psychiatrische Abklärung“ sei „erforderlich“

Wäre, gälte, stünde, käme – wie gesagt: Konjunktive. Denn D. E. legte „sofortige Beschwerde“ ein, und vor ein paar Tagen entschied das Oberlandesgericht Karlsruhe: Die zuständige Pforzheimer Kammer müsse den Fall noch einmal neu aufrollen. Es sei nach wie vor „infrage gestellt“, ob wirklich „ein psychischer Defektzustand“ vorliege. Warum diese Wende?

Normalerweise holt eine Strafvollstreckungskammer in so einem Fall zunächst ein aktuelles psychiatrisches Gutachten ein und entscheidet erst, nachdem ein Experte mit dem Delinquenten geredet hat. Diesem Prozedere aber verweigerte sich D. E.: Er mauerte.

Zur Mitarbeit „zwingen kann man ihn nicht“, sagt ein Gerichtssprecher. Die Kammer behalf sich deshalb mit älteren Gutachten und vor allem mit aktuellen Berichten aus dem Gefängnis: Führt er sich gut dort, oder ist er aggressiv, aufsässig? Zeigt er Schuld-Einsicht, oder denkt er gar nicht daran, sich dem Entsetzlichen zu stellen, das er angerichtet hat? Die Rückmeldung aus der Haftanstalt fiel für D. E. offenbar desaströs aus.

Aber so geht es nicht, hat das Oberlandesgericht nun entschieden: Eine aktuelle „psychiatrische Abklärung“ sei „erforderlich“ – selbst wenn der Verurteilte keine Anstalten macht, kooperativ mitzuwirken.

Für die Pforzheimer Kammer heißt das: nachsitzen; und in den nächsten fünf Wochen endlich stabil klären, was zehn Jahre lang in der Schwebe blieb.

In die Türkei: Der Ausweisungsbeschluss steht

Eine Zukunft in Deutschland hat D. E. allerdings eher nicht: Ihm droht, sobald er freikommen sollte, die Abschiebung in die Türkei. Das Regierungspräsidium Karlsruhe kann sich dabei auf eine rechtskräftige Gerichtsentscheidung stützen und ist offenbar eisern entschlossen, sie auch zu vollstrecken: Sollte D. E. „das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen, wird das Regierungspräsidium aufenthaltsbeendende Maßnahmen einleiten“, teilt die Behörde bündig mit; sprich: ihn rauswerfen.

Bereits im Jahr 2009 stellte das RP dafür die Weichen mit einem Beschluss. D. E. erhob dagegen zunächst Einspruch – er sei zwar türkischer Staatsangehöriger, aber „faktischer Inländer“, da er 1988 in Deutschland geboren wurde, er spreche kein Türkisch; ihn dorthin zu schicken, verstoße gegen die Menschenrechte.

Ein „besonderer Ausweisungsschutz“

Das Verwaltungsgericht schmetterte die Klage im November 2009 ab – die Begründung warf auf den Charakter des Mörders ein grelles Licht: Zwar billige ein zwischenstaatliches Abkommen Türken, die seit langem in Deutschland leben, einen „besonderen Ausweisungsschutz“ zu, aber diese Klausel greife nicht, wenn der Betroffene die öffentliche Ordnung, Sicherheit oder Gesundheit schwer gefährde.

Und dies sei bei D. E. der Fall. Er habe sich bislang mit seiner Tat weder „auseinandergesetzt“ noch „diese aufgearbeitet“ und lasse Bemühungen, „ein vollwertiges Mitglied der hiesigen Gesellschaft zu werden, nicht einmal ansatzweise erkennen“. Es sei „nicht ausgeschlossen“, dass er nach Verbüßung seiner Haft „schwerwiegende Straftaten wie die bereits abgeurteilte wieder begehen könnte“.

Im Knast wolle er nicht bleiben

Laut einer aktuellen psychiatrischen Begutachtung sei D. E. weiterhin „schnell zur Gewaltanwendung bereit“. Schon vor dem Mord an Yvan Schneider habe er „Mitschülern Faustschläge ins Gesicht verpasst“, einem Passanten bei einem Verkehrsstreit einen Hieb in den Rücken versetzt, seine Freundin und gar die eigene Mutter geprügelt. Eine Medikamentierung mit Antipsychotika könnte helfen – das aber habe der Inhaftierte abgelehnt.

Eine absurde Wende nahm der Fall 2012: Diesmal musste der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof ran, weil D. E. gegen den Ausweisungsentscheid Berufung eingelegt hatte. Die Verhandlung begann, der Anwalt barmte, eine Abschiebung sei unmenschlich – D. E. aber erklärte plötzlich: Nichts da, er wolle in die Türkei! Mittlerweile hatte er nämlich erfahren: Würde er einer Ausweisung zustimmen, erhöhten sich die Chancen, bereits deutlich vor Ablauf der Gefängnisstrafe auf Bewährung ausreisen zu dürfen; er wäre frei, wenngleich in der Fremde.

Mitten im Satz schnitt D. E. seinem verwetterten Verteidiger das Wort ab und argumentierte: Er wisse, dass er auf eine Strafaussetzung eigentlich nur hoffen dürfe, wenn er sich einer Therapie unterziehe. Dazu aber „sehe ich mich nicht imstande“. Andererseits: Im Knast wolle er nicht bleiben, „langsam langt’s einfach“. Deshalb wolle er „schnellstmöglich abgeschoben werden“ – und damit ihm der Neuanfang in der Türkei leichterfalle, solle sein Vater mit auswandern.

Der Vater im Saal jammerte: „Was du mir und deiner Mutter antust! Ich kann das nicht, ich bin mit 17 hierhergekommen, ich bin doch ein Deutscher geworden!“ Der Sohn grätschte schroff dazwischen: „Hör auf mit dem Scheiß.“

Es tröstet, dass D. E. sich wenigstens in diesem Punkt gründlich verzockt hat: Das Abschiebungsurteil steht; die vollen zehn Jahre hat er dennoch gebrummt.


Aber was nun? Krank oder gesund? Entlassung oder Psychiatrie? Dass diese Fragen noch nicht beantwortet sind, ist irritierend genug – dazu drängen sich weitere auf: Wird es der Strafvollstreckungskammer Pforzheim überhaupt gelingen, in den letzten fünf Wochen bis zum Haftende einen Psychiater aufzutun, der auf die Schnelle eine belastbare Einschätzung aus dem Hut zaubern kann?

Wird sich D. E. erneut der Begutachtung verweigern, wieder bocken – und dafür womöglich mit der Freiheit belohnt, weil ihm keine Krankheit nachweisbar ist? Und ist die Abschiebung wirklich so sicher, wie die Aktenlage nahelegt? Oder könnte es geschehen, dass sich D. E. der Ausweisung in die Türkei entzieht, indem er, kaum dass das Gefängnistor sich öffnet, unterzutauchen versucht?

Sicher ist nur eins: Was Yvan Schneiders Eltern Pierre und Fabienne vor vielen Jahren im Interview mit unserer Zeitung sagten, bleibt bis heute unabweisbar wahr – „wir tragen unsere lebenslange Strafe. Wir. Keine Frage. Wir sind lebenslang bestraft.“


Der Mordfall Yvan Schneider:

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