Waiblingen

Lärmpegel in der Schnaiter Weinstraße: Der Kampf geht weiter

Motorrad Motorradfahrer in Schnait in der Weinstrasse
Ein Motorradfahrer auf der Straße. © Habermann / ZVW

Weinstadt-Schnait. Mit dem Frühling fängt in der Schnaiter Weinstraße die Leidenszeit an – denn in der Motorradsaison steigt auch der Lärmpegel. Die Anwohner kämpfen seit Jahren für eine Verbesserung, der Erfolg ist bislang gering. Im Sommer 2016 haben die zuständigen Behörden wochenlang den Lärm messen lassen – doch die Ergebnisse des Verkehrsministeriums sind noch unter Verschluss.

„Dies ist ein verzweifelter Hilferuf von uns, wir wissen nicht mehr, was wir noch tun sollten“: Die Worte im Schreiben an den Kernener FDP-Landtagsabgeordneten Jochen Haußmann zeigen die Verzweiflung der Anwohner der Schnaiter Weinstraße. Sie wünschen sich, dass Polizei und Ordnungsamt endlich öfter kontrollieren. Gerade jene Motorradfahrer, die ihren Auspuff so getunt haben, dass er besonders laut aufheult, kosten die Betroffenen viele Nerven und bringen sie zum Teil um ihre Nachtruhe.

Anwohner schöpften 2016 Hoffnung 

Hoffnung haben die Anwohner vergangenes Jahr geschöpft, als in der Weinstraße bis Oktober rund um die Uhr vollautomatisch Motorräder und alle anderen Fahrzeuge gezählt und die Lärmwerte gemessen wurden. „Im Herbst“, sagte der damalige Weinstädter Oberbürgermeister Jürgen Oswald im August 2016, „sind dann alle Daten für eine Entscheidung zusammen, um nach über zehn Jahren eine Lösung zu finden, die den Anwohnern auch etwas bringt.“ Versprochen wurde vom OB zudem, dass alle die Daten bekommen – also auch die Anwohner. Doch die warten darauf bis heute.

Stellung zu den Messergebnissen 

Julia Pieper, Pressesprecherin im baden-württembergischen Verkehrsministerium, hat auf Anfrage unserer Zeitung zwar auch nicht die Messergebnisse im Detail vorgelegt, aber zumindest Stellung genommen. „Der von vielen Bürgerinnen und Bürgern zu Recht kritisierte Motorradlärm ist ein Problem, dem die Landesregierung von Baden-Württemberg, soweit möglich, abhelfen möchte“, teilt sie mit.

Motorradverkehr geht im Gesamtverkehr unter 

Der für die Beurteilung zu bestimmende Lärmpegel werde nach einem bundesweit vorgegebenen Verfahren als Jahresmittelwert aus der Verkehrsbelastung aller Fahrzeuge berechnet. Dabei würden die Verkehrsstärke, der Lkw-Anteil, die zulässige Höchstgeschwindigkeit, die Straßenoberfläche und die Längsneigung der Straße berücksichtigt. „Jahreszeit- oder witterungsbedingte Abweichungen im Kraftfahrzeugaufkommen bleiben dagegen außer Betracht.“ Heißt: Starker Motorradverkehr an bestimmten Tagen fließt nur anteilig in die Berechnung ein, da nach Angaben der Ministeriumssprecherin der Motorradanteil am Gesamtverkehr über das Jahr hinweg gesehen im Regelfall untergeht.

Motorradstrecken in Baden-Württemberg erfüllen bestimmte Kriterien nicht 

Laut Julia Pieper erscheint es sachgerecht, als Maßstab für ein Einschreiten der Verkehrsbehörde ein Überwiegen des Motorradverkehrs gegenüber dem sonstigen Verkehr, jedenfalls zu bestimmten Tagen, zugrunde zu legen. Diese Kriterien sind nach ihrer Darstellung auf den Motorradstrecken in Baden-Württemberg nicht erfüllt.

Lediglich Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit 

Sollte sich das ändern, dann käme laut dem Verkehrsministerium aus Gründen der Verhältnismäßigkeit und um eine Verdrängung des Motorradverkehrs auf andere Straßen zu vermeiden in der Regel nur eine Beschränkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit infrage. Deren Wirkung hängt laut Julia Pieper allerdings stark von Kurven und Steigungen ab.

Das Motorradlärm-Display sollen etwas geholfen haben

In der Motorradsaison 2016 wurden Messreihen zur Wirkung der Motorradlärm-Displayanzeige auf Pilotstrecken in Todtmoos, Wüstenrot und Schnait eingesetzt. Damit konnte in Schnait laut Ministerium die von 85 Prozent der Motorradfahrer eingehaltene oder unterschrittene Geschwindigkeit von 66 Kilometer pro Stunde auf 61 Kilometer pro Stunde reduziert werden. Der Anteil der besonders lauten Fahrzeuge sei sogar um 27 Prozent gesunken.

Nicht wirklich weniger laute Fahrzeuge trotz Geschwindigkeitsreduzierung 

Die Stadt Weinstadt hatte mit dem Regierungspräsidium zudem bereits 2014 von April bis Oktober an Samstagen sowie Sonn- und Feiertagen in der Weinstraße eine Beschränkung der Höchstgeschwindigkeit auf 40 Kilometer pro Stunde angeordnet und Lärmmessungen in Auftrag gegeben. Das Gutachten, schreibt die Sprecherin, sei damals zu dem Ergebnis gekommen, dass durch die Geschwindigkeitsreduzierung von 50 auf 40 Kilometer pro Stunde in der Motorradsaison 2014 keine signifikante Reduzierung der besonders lauten Fahrzeuge erkennbar sei.

Die Anwohner leiden indes weiter. „Es wird weiterhin gerast, Lärmbelästigungen durch manipulierte Fahrzeuge werden in Kauf genommen und sämtliche alten Probleme haben noch immer Bestand.“

Das sagt Oberbürgermeister Scharmann

Das Verkehrsministerium hatte der Stadt Weinstadt eigentlich zugesagt, die Ergebnisse der Messungen bis Ende März zu veröffentlichen. Doch auch am 6. April lag noch nichts vor. „Warum dies bislang nicht geschehen ist, entzieht sich meiner Kenntnis, doch habe ich beim Verkehrsministerium mit Nachdruck deutlich gemacht, dass die diesjährige Motorradsaison unmittelbar bevorsteht und wir dringend die Ergebnisse benötigen, um weitere Maßnahmen zur Beruhigung der Situation in der Weinstraße treffen zu können“, teilte Scharmann auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Ob eine dauerhafte Geschwindigkeitsreduzierung in der Weinstraße auf 40 Kilometer pro Stunde angeordnet werden kann und wird, hängt laut dem Weinstädter Oberbürgermeister unter anderem von den Messergebnissen ab. „Unabhängig davon halte ich verstärkte und angekündigte Geschwindigkeitskontrollen für ein probates Mittel, der Unvernunft und Rücksichtslosigkeit mancher Motorrad- aber auch Autofahrer Einhalt zu gebieten.“

Haußmanns Einsatz

Seit langem engagiert sich der Kernener FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann für die Menschen in der Weinstraße, wofür sich OB Scharmann zuletzt in einem Schreiben bedankte. Auch Haußmann hatte bei den zuständigen Behörden mehrfach nachgefragt, wann die Ergebnisse der wochenlangen Messung der Lärmwerte und der Fahrzeugzählung in der Weinstraße veröffentlicht werden. Immerhin war die Messung bereits im Sommer 2016.